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09. November 2010

FR-Interview zum Tod von Robert Enke: „Depression ist eine sehr gut behandelbare Erkrankung“

Professor Frank Schneider ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Aachen.

Psychiater Frank Schneider über psychische Erkrankungen im Spitzensport und die Notwendigkeit, ein Frühwarnsystem in den Vereinen zu installieren. Ein neues Fachreferat für Sportpsychiatrie will Trainer und andere Funktionäre schulen, Symptome zu erkennen.

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Professor Schneider, sind Spitzensportler genauso anfällig für Depressionen wie alle anderen?

Natürlich. Wir finden Depressionen und andere psychische Erkrankungen bei Sportlern nicht seltener und nicht häufiger als anderswo.

Man könnte sich auch vorstellen, dass Leistungssportler, weil sie eher jünger sind und weil sie eine dynamische Persönlichkeit mitbringen müssen, nicht so häufig an Depressionen erkranken.

Den Leistungswillen gibt es bei Managern, Psychiatern oder Journalisten genauso. Auch in diesen Berufsgruppen finden wir Depressionen. Als Leistungssportler ist man davor nicht gefeit. Genauso wenig wie vor Suchterkrankungen oder Essstörungen.

Wie gehen denn Sucht und Spitzensport zusammen? Ein Alkoholiker schafft das doch nicht!

Sie denken an Dauerkonsum, aber wir lesen doch immer wieder von Exzessen einzelner Sportler, die mal zwei Nächte lang durchtrinken bis zum Umfallen. Dieses episodische Trinken ist auch eine Form von Alkoholkrankheit. Arznei- und Cannabissucht oder harte Drogen finden wir allerdings eher selten bei Sportlern. Davor bewahren sie die sportlichen Anforderungen ebenso wie die Dopingkontrolle.

Viele Sportler fürchten, dass eine Depression das Ende der Karriere bedeutet ...

Das ist Unsinn. Warum denn?

Fans und Vereinschefs erwarten ja schon ein gewisses Image der Unbesiegbarkeit.

Das gilt für den Manager, Politiker, Künstler, für alle, die im Rampenlicht stehen, genauso. Allerdings gehen vor allem prominente Betroffene noch weniger gern zum Psychiater als Leute wie Sie und ich. Die kommen dann mit Perücke in die Praxis.

Die Angst vor dem Stigma.

Ja, davon müssen wir weg. Wir haben im Verband deshalb jetzt ein Fachreferat gegründet, in dem wir uns um das Thema „Psychische Erkrankungen im Spitzensport“ kümmern, etwa Standards der Behandlung festlegen.

Ist denn bei Sportlern etwas anders als bei anderen Menschen?

Der Arzt muss die Dopinglisten kennen. Vor allem aber geht es darum, die Schwelle zu senken: Betroffene müssen sich schneller Hilfe beim Fachmann holen. Die Sportpsychologen in den Vereinen nützen da nur bedingt, weil sie nicht der Schweigepflicht unterliegen, und ihre Aufgabe vor allem Leistungsoptimierung ist. Bisher sehen die Vereine leider keine Notwendigkeit, sich um ein Frühwarnsystem bei psychischen Erkrankungen zu kümmern.

Wie könnte das aussehen?

Wir wollen zusammen mit der Enke-Stiftung Trainer und Vereinsleute so schulen, dass sie Symptome früher erkennen und ihren Sportlern eine Behandlung nahelegen. Um es ganz klar zu sagen: Depression ist eine sehr gut behandelbare Erkrankung. Es gibt keinen Grund, dass jemand längere Zeit depressiv sein muss.

Robert Enke war in Behandlung.

Ja, aber die Krankengeschichte kennen wir nur aus der Presse. Danach ließ er sich nur ambulant und geheim behandeln, und das obwohl viele in seinem Umfeld ihm dringend geraten haben, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Aber das hat er offensichtlich abgelehnt. Weil er wohl Angst hatte, arbeitslos zu werden und sein Adoptivkind zu verlieren. Eine völlig unrealistische Vorstellung, aber auch das gehört zum Krankheitsbild: Man kann sich das vorstellen, als hätten Depressive eine schwarze Sonnenbrille auf: Alles, was sie sehen, ist negativ. Sie fühlen sich nicht traurig, sondern sie fühlen gar nichts mehr. Das ist sehr belastend.

Was ist bei einer stationären Behandlung anders?

Eine stationäre Behandlung ist vor allem bei Suizidgefahr angezeigt. Aber davon abgesehen kann man auf Station auch viel intensiver mit den Patienten arbeiten.

Lässt sich so eine mehrmonatige Therapie mit einer Karriere im Spitzensport verbinden?

Natürlich. Sportler fallen ja auch wegen anderen Verletzungen monatelang aus. Man kann mit, beziehungsweise nach Depressionen jeden Beruf ausüben. Ich hatte Patienten, die in der Bundesliga spielen; die setzen drei bis vier Monate aus und dann schießen sie wieder Tore.

Sebastian Deisler hat es nicht geschafft.

Solche Fälle gibt es. Man muss sich klar machen, dass es Situationen gibt, in denen Spieler beim Auflaufen vom ganzen Stadion ausgepfiffen werden. Um das auszuhalten, braucht man eine stabile Persönlichkeit. Wenn man in einer Situation ist, in der man sehr verletzlich ist, ist so etwas besonders schwer zu ertragen. Übrigens ist die häufigste psychische Erkrankung die Angststörung, und die betrifft Sportler in besonders hohem Maße. Außerdem müssen Spitzensportler sich auf ihre Leistung fokussieren und alles andere ausblenden. Genau das können Depressive nicht. Aber wenn die Patienten aus der Krankheit wieder heraus sind, geht auch das wie selbstverständlich wieder.

Interview: Frauke Haß

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