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14. März 2016

Freshfields-Report: Offen für alles

 Von 
Stets empfangsbereit: 400 Bälle aus dem Hause DFB gingen in die Heimat von Jack Warner.

„Diverse Barausgaben Bewerbung WM 2006“ – Tickets, Kniestrümpfe, Regenschirm: Wie der DFB sich einmal mit Jack Warner einließ.

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Was erzählen uns die aufwendigen Nachforschungen der vom Deutschen Fußball-Bund beauftragten Anwälte über die sonderbare Welt des Fußballs und manche Menschen, die es dort zu zweifelhaften Ruhm gebracht haben? Die FR hat aus dem vor zehn Tagen veröffentlichten Untersuchungsbericht einige Aspekte herausgefiltert.

Die Veröffentlichung umfasst, inklusive Deckblatt und 18 Seiten Anhang mit Kopien wichtiger Dokumente, insgesamt 380 DIN-A-4-Seiten: Rund 3,5 Millionen Euro dürfte der DFB, wenn alle Rechnungen eingegangen und beglichen worden sind, am Ende an die im vergangenen Oktober in aller Eile beauftragte Frankfurter Filiale der Londoner Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer für die Recherchen überwiesen haben. Deren Anwälte, zeitweise waren es dem Vernehmen nach mehr als zwei Dutzend, haben sich binnen viereinhalb Monaten tief in die WM-Affäre 2006 hineingegraben. Und sind irgendwann regelmäßig auf Granit gestoßen.

„Wir hätten uns gewünscht, dass alle von uns kontaktierten Personen auskunftsbereit gewesen wären“, entschuldigen sich die Freshfields-Leute dafür, dass sie „bis heute kein abschließendes Bild darstellen“ können. Auch Tote konnten sie nicht wieder lebendig machen, hundert Ordner liegen zudem bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft, einige Dateien waren „mit Passwörtern geschützt, deren Entschlüsselung bis heute nicht möglich war“. Und: Viele Befragte weisen erstaunliche Erinnerungslücken auf. Oder noch erstaunlichere abweichende Erinnerungen.

Nur allzu gern hätten die Anwälte zum Beispiel jenen ominösen Aktenordner eingesehen, über den sie auf den Seiten 251 und 252 ihres Berichts folgende offenkundige Ungereimtheiten zusammenfassen: „Die Leiterin des DFB-Archivs erklärte, in der Zeit ab dem 22. Juni 2015 habe die Assistentin von Wolfgang Niersbach (seinerzeit noch DFB-Präsident, Anm. der Red.) dann allein Dokumente im Archiv gesucht. Sie habe jegliche Hilfe abgelehnt und die Archivare immer weggeschickt. Einen Tag habe sie sich besonders für die WM-Vergabe interessiert. Im Archiv fanden wir einen Platzhalter, wonach Wolfgang Niersbachs Assistentin den Ordner „Fifa 2000“ am 22. Juni entlieh. Wir konnten diesen Ordner im Laufe unserer Untersuchung nicht finden… Ein Mitarbeiter des Archivs hielt in einer E-Mail an die DFB-Personalleiterin fest, dass die Assistentin von Wolfgang Niersbach ihm gegenüber durchblicken ließ, dass sie eventuell belastendes (Beweis-)Material vernichtet haben könnte. Auf die Frage, ob sie Ordner im Auftrag von Herrn Niersbach vernichtet habe, erklärte Wolfgang Niersbachs Assistentin bei der Befragung durch Freshfields, dies sei nicht der Fall gewesen.“ Auch Niersbach selbst und der ehemalige Personalchef Stefan Hans „erklärten, sie hätten die genannte Assistentin nicht angewiesen, im Archiv allein zu recherchieren und wüssten auch nichts über den Ordner „Fifa 2000“. Die Assistentin erklärte, „sie könne sich an diese Vorkommnisse nicht erinnern“.

Merkwürdig. Mindestens. Man könnte auch sagen: Das stinkt zum Himmel, und zwar gewaltig. Und die Vermutung ist nicht unbegründet: Das Material, das sich in diesem wohl für immer verschwundenen Aktenordner befand, könnte die letzten Puzzleteilchen beinhalten, um die Frage zweifelsfrei zu beantworten: War die WM 2006 gekauft?

Es gibt mehrere stinkende Stellen in dem Sittengemälde, das Freshfields über den Deutschen Fußball-Bund und dessen Bereitschaft erzählt, sich mit den Mächtigen und Korrumpierbaren des Weltfußballs einzulassen. Und mitunter sind es, neben Millionen-Versprechungen wie der Übergabe von 1000 WM-Tickets an den Düstermann Jack Warner aus Trinidad und Tobago, die kleinen Dinge, die viel offenbaren über die Art und Weise des Umgangs mit Menschen, die Einfluss hatten auf die Stimmabgabe am 6. Juli 2000, als Deutschland sich bei der Bewerbung um die WM 2006 mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika durchsetzte.

Zum Beispiel diese Geschichte: „Vom 1. April bis 31. Dezember 2000 finanzierte der DFB zumindest teilweise und in Kooperation mit DaimlerChrysler zwei Leih-Mercedes Limousinen“ für den afrikanischen Fußballverband CAF. „In einem Schreiben an einen Mitarbeiter von DaimlerChrysler vom 7. Februar 2000 befürchtete Horst R. Schmidt (seinerzeit DFB-Generalsekretär, Anm. der Red.), dass eine Absage der Bereitstellung von Fahrzeugen in Afrika großes Aufsehen hervorrufen und unserer Bewerbung für die WM 2006 erheblicher Schaden zugefügt würde.“ DaimlerChrysler stellte dem DFB für zumindest einen zur Verfügung gestellten Mercedes E-200 eine Rechnung über 29 411,76 Deutsche Mark aus.

Vertrauliche Notizen, verschwundene Ordner, aussagemüde Mitarbeiter. Freshfields stößt bei der Aufarbeitung der WM-Vergabe auf mehrere Hindernisse.

Oder diese Geschichte: „Am 15. November 1998 sandte Lord Claus Lippert of Bletchley, seinerzeit Vizepräsident des Verbands von Anguilla (Karibik), Wolfgang Niersbach ein Fax mit unzweideutigem Hintergrund. Zwei Hurricans hatten die Gegend zuvor heimgesucht, und siehe da: „Schon die vergleichsweise geringe Summe von US$ 1 000 000,- könnte zielgerichtet eingesetzt viel bewirken und dem DFB etliche Freunde machen.“ Der Lord führte weiter aus, die Präsidenten der Karibikländer seien bei einer Wahlkampagne nicht „mit bunten Prospekten und Krawatten“ zu überzeugen, denn „die Einheimischen fallen heute nicht mehr auf Glasperlen herein“. Immerhin: Laut Freshfields gibt es „keine Anhaltspunkte, dass der DFB dieser Bitte nachgekommen ist“. Jedenfalls nicht im gewünschten Umfang.

Sehr wohl nachgekommen ist der Deutsche Fußball-Bund aber einer dringlichen Empfehlung von Jack Warner, „für die Coaching Clinic sowie für seinen Verein Joe Public Football Club jeweils 200 Bälle zu spenden“. Die 400 Bälle erreichten laut Lieferschein am 10. April 2000 den Flughafen von Port of Spain. „Eine vergleichbare Bitte des Verbands von Swaziland vom 1. Oktober 1996 hatte Horst R. Schmidt dagegen unter Hinweis auf Satzungsbeschränkungen abgelehnt.“

Swaziland war wohl nicht wichtig genug.

Nicht abgelehnt wurde dagegen ein weiteres Ansinnen des umtriebigen Warner. Der bat den damals seit kurzem nicht mehr im Ehrenamt befindlichen Ex-DFB-Präsidenten Egidius Braun am 17. Juli 2001 „um finanzielle Unterstützung bei der Restaurierung einer Orgel der Hanover Methodist Church“ in seinem Heimatland Trinidad und Tobago. Der DFB lehnte zunächst ab, besann sich dann aber eines Schlechteren und teilte Warner mit, „dass eine Summe von DM 20 000 über den DFB-Förderverein bereit gestellt werden könne“. Entsprechend wurde „am 7. März 2002 ein Scheck in Höhe von 10 230 Euro vom Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Port of Spain an den Reverend der Kirche übergeben“. In einem vom damaligen DFB-Schatzmeister Theo Zwanziger verfassten Vermerk hieß es, „die Orgel sei ein wunderschöner Teil des Kulturerbes der gesamten Karibik“.

Franz Beckenbauer, der ebenso unentgeltlich wie unermüdlich und unergründlich als Chef des deutschen Organisationskomitees arbeitete, war der Darstellung von Freshfields zufolge arg genervt vom – inzwischen lebenslang gesperrten – Warner: Man habe diesen aber „nicht als Feind haben wollen. Man habe zwar gewusst, dass man seine Stimme nicht bekomme. Gleichwohl habe man nicht riskieren wollen, dass Warner gegen die deutsche WM-Bewerbung agiert“. So kam es wenige Wochen vor der WM-Vergabe zu einem Besuch des (seit Mai 2015 wegen Betrug und Geldwäsche von den USA angeklagten) Top-Funktionärs in Deutschland. Vom 26. bis 31. Mai 2000 hatte Warner eine Einladung der deutschen WM-Bewerber nach München angenommen. Das Fifa-Exekutivkomiteemitglied reiste First Class (zum vom DFB übernommenen Preis von 28 326,78 Mark) gemeinsam mit Gattin Maureen „und residierte auf Kosten des DFB im Kempinski Hotel Vier Jahreszeiten in München, wo der DFB – wie von Jack Warner zuvor verlangt – ein privates Fax-Gerät und eine eigene Telefonleitung bereitstellen ließ“.

Die Warners düsten zwischendurch noch nach Berlin und residierten dort im noblen Hotel Adlon. Unter der Überschrift „Diverse Barausgaben Bewerbung WM 2006“ finden sich: „Regenschirm Mrs. Maureen Warner“, „Kniestrümpfe Mrs. Maureen Warner“ sowie „Medikamente Mrs. Maureen Warner“ für insgesamt 581,78 Mark. Freshfields fasst zusammen: „Die an Jack Warner – persönlich und privat – im Zeitraum März 2000 bis Mai 2000 nachweislich erbrachten Leistungen hatten einen Geldwert von mindestens DM 45 670,38.“

1000 Tickets, 30 Pakete

Warner war später noch einmal auf Kosten des DFB in Deutschland. Diesmal, um Tickets abzuholen. Vier Tage vor der WM-Vergabe hatten „Franz Beckenbauer für den DFB und Jack Warner für die Concacaf (die nord- und zentralamerikanische und karibische Konföderation, Anm. der Red.) eine Vereinbarung unterzeichnet, die Jack Warner und der Concacaf erhebliche Leistungen in Aussicht stellte“. Unter anderem 1000 WM-Tickets der Kategorie A. Der Gegenwert dieser offenbar nie in Gänze in Kraft getretenen Absichtserklärung, die der strikten Geheimhaltung unterlag, belief sich laut einer Aktenotiz von Horst R. Schmidt auf immerhin zehn Millionen Mark. Beckenbauer sagte Freshfields, es habe sich um „Unterstützungsleistungen für einen ärmeren Verband gehandelt“, der „Warenkorb, den sich Jack Warner vorstellte, sei hier aber etwas zu viel“ gewesen. Wie dem auch sei: Am 21. August 2000 übernachtete Warner zum Preis von 1461,10 Mark im Hotel Vier Jahreszeiten in München. „Die Hotelrechnung enthält dabei den handschriftlichen Zusatz „WM 2006… Warner Ticketabholung“. Insgesamt sind laut Freshfields im Zusammenhang mit dem ominösen Vertragsentwurf 437 500 Euro budgetiert worden.

Ein Bild aus besseren Zeiten, nämlich dem Jahr 2000: das Organisationskomitee der Fußball-Weltmeisterschaft 2006: Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und Wolfgang Niersbach (v.l.n.r.). Alle Vier sind auch Protagonisten im Freshfields-Report.  Foto: dpa

Weitere Lieferungen: Bereits Anfang 2000 gingen in Abstimmung mit Ausrüster Adidas „insgesamt 30 Pakete mit einem Gewicht von ca. 900 kg“ an 25 Verbände des asiatischen Kontinentalverbandes. Adidas berechnete dem DFB dafür am 26. Juli 2000 insgesamt 406 000 Mark. Thailands (inzwischen wegen Korruptionsverdacht gesperrter) Wahlmann Worawi Makudi erhielt Tickets für die EM 2000 im Wert von 18 750 Mark.

Interessant ist auch ein Schreiben vom 27. Mai 1999, das Wolfgang Niersbach an den damaligen WM-Botschafter Jürgen Klinsmann schickte. Darin bezeichnete Niersbach unter anderem Jack Warner und den US-Amerikaner Chuck Blazer als „sehr dubios einzuschätzen“ und „im wahrsten Sinne offen – für alles“. Freshfields fragte bei Niersbach nach, was er mit „offen für alles“ gemeint habe? Die Antwort: Er habe damit ausdrücken wollen, dass Jack Warner und Chuck Blazer noch nicht in ihrer Entscheidung festgelegt seien.

Das ist eine interessante Interpretation, die Niersbach weitgehend exklusiv haben dürfte.

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