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18. Oktober 2012

Handball: Karabatic erlebt den Albtraum

 Von Tino Scholz
Banger Blick in die Zukunft: der einstige Welthandballer Nikola Karabatic. Foto: dapd

Der Wettskandal um den französischen Handballer Nikola Karabatic weitet sich aus. Neben den Ermittlungen gegen den Welthandballer drohen auch Karabatic-Klub Montpellier Schwierigkeiten.

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Der Wettskandal um den französischen Handballer Nikola Karabatic weitet sich aus. Neben den Ermittlungen gegen den Welthandballer drohen auch Karabatic-Klub Montpellier Schwierigkeiten.

Wann immer Nikola Karabatic in diesen Tagen einen Fuß vor seine Haustür setzt, muss er vorsichtig sein. In Montpellier gibt es Personen, die er nicht treffen darf, Personen, die wie er verdächtigt werden, bei einem Handballspiel betrogen zu haben. Träfe Karabatic sich mit diesen Männern, könnte er beobachtet werden, von Polizisten in Zivil. Lässt er den Verdacht aufkommen, dass Verdunkelungsgefahr besteht, indem er Absprachen trifft, droht ihm Untersuchungshaft. Wie man hört, verlässt Nikola Karabatic zurzeit nur selten sein Haus.

Die Geschichte von Karabatic ist die vom Fall eines Lieblings der französischen Nation. Der 28-Jährige ist zweimaliger Olympiasieger, Welthandballer, einer, zu dem seine Landsleute immer aufblickten und sagten, dass sie so sein wollten wie er. Nun ächten sie ihn. Denn Karabatic, sein Bruder Luka und fünf weitere Profis vom französischen Meister Montpellier AHB stehen im Fokus der Staatsanwaltschaft.

Fünf Haft drohen

Der Fall ist kompliziert. Es geht um die sensationelle 28:31-Niederlage vom bereits als Meister feststehenden Montpellier beim abstiegsbedrohten Klub Rennes-Cesson in diesem Mai, einem Spiel, bei dem fünf der sieben verdächtigten Profis, darunter Nikola Karabatic und sein Bruder Luka, wegen Verletzungen fehlten. Die Ermittler vermuten aber, dass diese Spieler die Niederlage aus dem Hintergrund organisierten. Denn: Luka Karabatic selbst, sowie Freunde, Bekannte und Freundinnen der anderen Verdächtigten haben auf einen Halbzeitrückstand sowie eine Niederlage Montpelliers gewettet und etwa 300.000 Euro gewonnen. Für die sieben Verdächtigen gilt im Moment die Unschuldsvermutung, doch sollte sich der Verdacht der Korruption und des Betrugs erhärten, drohen ihnen bis zu fünf Jahre Haft.

Nikola Karabatic lebt momentan wie in einer Blase. Ein Albtraum sei das alles, „ich habe die Nase voll von dieser Scheiße“, polterte er gegenüber französischen Medien. Seit dem 2. Oktober darf er auf Anordnung der Staatsanwaltschaft weder die anderen Verdächtigen, noch Angestellte seines Vereins Montpellier AHB sehen, geschweige denn mit ihnen reden. Karabatics Anwalt Jean-Robert Phung klagte, die Kontaktsperre komme einem „verdeckten Berufsverbot“ gleich.

Am 25. Oktober wird entschieden, ob sie aufrechterhalten wird. Bis dahin bleibt Nikola Karabatic nichts anderes übrig, als mit Bruder Luka auf dem Handballfeld im gemeinsamen Haus zu trainieren. Es zeichnet sich ab, dass die Karriere des Stars gefährdet ist – ganz egal, ob sich der Verdacht der Manipulation erhärten lässt oder nicht.

Schon zu Beginn der Affäre sagte Montpelliers Präsident Rémy Lévy, dass „wir nicht auf das Ende der Ermittlungen warten müssen. Ein gravierender Fehler ist Grund genug, einen Arbeitsvertrag zu beenden.“ Lévy meinte das Wetten gegen das eigene Team, es sei sportethisch nicht zu vertreten. Die Stimmung ist gereizt, Lévy, so hört man, habe sich auch auf Druck der Stadt Montpellier von Karabatic distanziert. Diese alimentiert den Klub jährlich mit Millionenbeträgen und zeigte sich nicht gerade erfreut über die negativen Berichte, die in ganz Europa für Kopfschütteln sorgten.

Montpelliers Hauptsponsor springt ab

Sollte sich der Manipulationsverdacht der Staatsanwaltschaft allerdings nicht erhärten, dürfte Lévy ein Problem haben. Karabatic besitzt einen gut dotierten Vertrag, der bis Ende Juni 2016 läuft. Entließe der Präsident den Profi, zöge dieser vor Gericht. Es ginge um eine Summe, die bei etwas mehr als zwei Millionen Euro liegen soll. Montpellier könnte in arge Geldnöte geraten. Die deuten sich schon jetzt an.

Gestern wurde bekannt, dass ein weltweit agierender Druckerhersteller nicht nur den Privatkontrakt mit Karabatic aufgekündigt hat, sondern sich auch als Hauptsponsor bei Montpellier AHB zurückzieht. Das Unternehmen sah sein Engagement nicht mehr mit den „ethischen Werten wie Ehrlichkeit und Integrität“ vereinbar, hieß es. Dadurch geht dem Verein eine mittlere sechsstellige Summe verloren, was die finanzielle Situation verkompliziere, wie Lévy einräumte.

Bei Karabatic und den verdächtigten Profis von Montpellier kommt hinzu, dass der Verein momentan die Verträge mit ihnen ruhen lässt, sie seit September kein Gehalt bekommen, weil sie keine Arbeitsleistung anbieten dürfen. Der Berater von Karabatic, Bhakti Ong, klagt, dass sein Mandant und dessen Bruder sehr litten. Die vergangenen Wochen voller Vorwürfe, die Verhöre, das Verbot, spielen zu dürfen, die Verfügung, sich von Teamkollegen fernzuhalten – das sei unzumutbar gewesen. Und dann habe auch noch die Frau Mama geweint. „Nikola und Luka sind gestresst“, sagt Ong. Unlängst soll ein unabhängiger Arzt festgestellt haben, dass die beiden an Depression leiden. Vielleicht kein Zufall, denn durch Vertragsrecht wäre der Klub im Krankheitsfall zur Fortzahlung der Gehälter verpflichtet.

Karabatic muss nun warten. Zu Hause, abgeschottet von der Handballwelt, die seinem Leben zuvor den Takt vorgab. Vor allem schmerzt es ihn, dass er zuschauen muss, wenn das Nationalteam demnächst in der EM-Qualifikation spielt. Als die Auswahl zuletzt beisammen war, gewann sie Gold in London. Mit Karabatic. Nun sagte Trainer Claude Onesta, dass er auf seinen einstigen Anführer und die anderen verdächtigten Profis verzichten wolle, bis die Affäre aufgeklärt sei.

Dabei bestand für Onesta durchaus die Möglichkeit, Karabatic einzuladen. Doch dann hätte sich nach der aktuellen Anordnung der Staatsanwaltschaft ein anderes Problemfeld aufgetan: Onesta hätte unverdächtige Nationalspieler nicht nominieren dürfen. Sie heißen Mathieu Gébrille, William Accambray und Michaël Guigou, sie spielen für Montpellier AHB. Nikola Karabatic darf ihnen nicht zu nahe kommen.

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