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18. Januar 2013

Handball-WM: Karabatic zwischen Jubel und Justiz

 Von Tino Scholz
Sieht aus, als weine er, täuscht aber: Nikola Karabatic ist angestrengt. Foto: dpa

Der französische Handballstar Nikola Karabatic lebt im Kreis seiner Nationalmannschaft auf. Dabei hätte er sich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft fast selbst verbaut - Korruptionsvorwürfe hängen ihm an.

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Der französische Handballstar Nikola Karabatic lebt im Kreis seiner Nationalmannschaft auf. Dabei hätte er sich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft fast selbst verbaut - Korruptionsvorwürfe hängen ihm an.

Granollers –  

Der Fotograf hatte Mühe, seinen Job zu erledigen. Sein Versuch, im Teamhotel in Granollers ein Foto von den in feine Anzüge gekleideten Spielern der französischen Handball-Nationalmannschaft zu machen, schlug immer wieder fehl: Daniel Narcisse schoss ständig Handy-Fotos, Didier Dinart, der Clown der Equipe Tricolore, schnitt Grimassen. Nikola Karabatic, der mit seinem Team heute (18.15/ARD) im letzten WM-Gruppenspiel auf Deutschland trifft, grinste die ganze Zeit. Nicht, weil er kasperte, sondern weil er die Szenerie zu genießen schien. Später, als die Session vorüber und Karabatic nur in T-Shirt, Jogginghose, Badelatschen sowie weiße Socken gekleidet war, sagte er: „Ich wollte unbedingt hier dabei sein. Die Nationalmannschaft gibt mir viel Kraft.“

Karabatic ist einer der weltbesten Handballspieler. Doch um ein Haar wäre er nicht bei dieser WM, nicht im Mannschaftshotel, nicht auf den Fotos gewesen. Weil er, wie er selbst sagt, eine Dummheit begangen hat. Es geht um den vergangenen Mai und die sensationelle 28:31-Niederlage seines Klubs Montpellier AHB bei Rennes-Cesson, die von sieben Profis Montpelliers, darunter Nikola Karabatic und Bruder Luka, verschoben worden sein soll. Nachgewiesen wurden ihnen Wetten auf eine Niederlage, die einen Gewinn von etwa 300.000 Euro eingebracht haben.

Schatten über dem Verein

Sollten die Spieler wegen Betruges und Korruption verurteilt werden, drohen jedem im schlimmsten Fall bis zu fünf Jahre Haft. Die Profis bestreiten, das Spiel verschoben zu haben. Luka Karabatic hat eingeräumt, gewettet zu haben. Nikola beteuert, es nicht getan zu haben − aber er sei informiert gewesen, dass seine Freundin Geld setzte. „Es wird sich herausstellen, dass ich nichts Rechtswidriges getan habe“, sagt Karabatic der Berliner Zeitung. „Ich habe Vertrauen in die Justiz.“

Dass Karabatic am Rande der WM mit Journalisten über die Manipulationsaffäre redet, sei etwas Außergewöhnliches, berichten französische Kollegen. Normal verbiete Karabatic sich das, auch weil jüngst herausgekommen war, dass er am 29. Januar wieder vor der Staatsanwaltschaft in Montpellier aussagen muss – zwei Tage nach dem WM-Finale. „Na klar habe ich den ganzen Fall im Hinterkopf, das kannst du nicht einfach verdrängen. Aber ich versuche jetzt erst mal nur an Handball zu denken“, sagt er. „Danach kommt wieder die andere Sache.“

Voller Ehrfurcht

Lernspiel: Martin Heuberger macht aus seiner Bewunderung kein Geheimnis: Frankreich verkörpert für den Bundestrainer das Nonplusultra des Welthandballs. „Wenn ich das Auftreten hier bei dieser WM in Spanien sehe, ist es beeindruckend, mit welcher Souveränität die ihre Spiele absolvieren. Für uns ist das Frankreich-Spiel nur ein Lernspiel“, sagte er. „Man kann mit einer gewissen Lockerheit in das Spiel reingehen. Schön ist es, wenn wir gewinnen, aber es ist auch kein Beinbruch, gegen Frankreich zu verlieren“, sagte Heiner Brand, Manager des Deutschen Handballbundes. „Man muss sagen, Frankreich ist eine Übermannschaft“, lobte Torhüter Silvio Heinevetter.

Die „Sache“ hat das Leben von Karabatic ziemlich verändert. Weil die Staatsanwaltschaft die Gefahr der Verdunkelung als gegeben ansah, durften er und die anderen verdächtigten Spieler im Herbst keinen Kontakt mit dem Rest des Teams haben, dadurch konnten sie nicht mehr am Spielbetrieb ihres Klubs teilnehmen. Wie es hieß, erkrankten die Karabatic-Brüder daraufhin an einer Depression. „Das ist vorbei, es wurde vieles besser, nachdem wir Ende Oktober wieder zum Team gehörten“, sagt Nikola Karabatic.

Ironischerweise, finden französische Fachleute, sei Karabatic nun gar besser als vor der Zwangspause. Nationaltrainer Claude Onesta, seit Jahren Förderer von Karabatic, zögerte keinen Moment, als es darum ging, ihn für die WM zu nominieren. Im Turnier hat Karabatic bislang 13 Tore in vier Spielen erzielt, er bleibt Dreh- und Angelpunkt des französischen Spiels.

Schon mit Anfang 20 war Karabatic ein Star. Die Mehrheit der Franzosen steht auch heute zu ihm. Das merkte man zuletzt auch im Sportpalast von Granollers, wo zuverlässig Karabatic-Sprechchöre von den Rängen dröhnten, wo er noch den stärksten Applaus bekam. Die Franzosen haben das Ganze scheinbar mehr oder weniger verdrängt.

Diejenigen, die Karabatic diese Affäre nicht verziehen haben, sitzen in Montpellier: Verantwortliche der Stadt, die die Rufschädigung fürchten und den ehemals ungekrönten König vom Hof jagen wollen. Es sind Sponsoren, die nicht mit einem potenziellen Kriminellen werben wollen. Und es sind die Bosse des Klubs. Zwischen Präsident Remy Lévy und Trainer Patrice Canayer sowie Karabatic ist das Tischtuch zerschnitten, der Spieler fühlte sich in der Affäre nicht genug unterstützt. Die Funktionäre wähnen durch Karabatic einen Schatten über dem Verein. „Man lernt in so einer Sache, wer Freund ist und wer nicht“, sagt Karabatic. Er wird, das gilt als sicher, Montpellier im Sommer trotz des Vertrages bis 2016 verlassen: nach Veszprém, Barcelona, Paris oder gar Kiel. Wie es um die mentale Verfassung von Karabatic bestellt ist, wird sich ohnehin nicht bei der WM zeigen. Sondern am 29. Januar, in Montpellier. Wenn er sich vor dem Staatsanwalt rechtfertigen muss.

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