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09. April 2013

Hannover 96: Krisenherd Hannover

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Haben wenig zu lachen: Mirko Slomka (v.) und Jörg Schmadtke.  Foto: dpa

Bei Hannover 96 tun sich ziemlich tiefe Risse auf. Klubchef Kind bangt um die Aufbauarbeit von Jahren. Grund ist auch das Dauermissverständnis zwischen Trainer Slomka und Manager Jörg Schmadtke.

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Hannover –  

Eigentlich hat Martin Kind ja viel zu viel zu tun. Wer ein global agierendes Hörgeräte-Unternehmen von der Größenordnung wie seines leitet, hetzt gemeinhin von Termin zu Termin. Längst überlegt sich der 68-Jährige genau, ob er denn auch wirklich jede Auswärtsreise mit Hannover 96 noch antreten soll. Doch wenn sein Herzensklub am Freitagabend beim SC Freiburg antritt, möchte Kind anwesend sein. Also wird ihn wie immer der frühere 96-Torjäger Dieter Schatzschneider abholen, und dann treten die beiden Schwergewichte des Klubs gemeinsam die Autofahrt in den Breisgau an. Viel Hoffnung nimmt der Klubchef allerdings nicht mit. „Wenn es nicht eine Explosion der Leistung gibt, wird es dort sehr, sehr schwer“, sagt Kind.

Der badische Nischenklub schickt sich schließlich gerade an das zu bewerkstelligen, was zwei Spielzeiten hintereinander dem niedersächsischen Traditionsverein gelang: aus geringen Möglichkeiten Maximales zu erschaffen und die Saison auf einem Europa-League-Startplatz zu beenden. „Rechnerisch ist das möglich, realistisch ist das nicht mehr“, sagt Kind. Das öde 0:0 am Sonntag gegen den VfB Stuttgart hat allenthalben Ernüchterung ausgelöst. „Das war zu wenig für Europa“, gestand auch der zurückgekehrte Steven Cherundolo. Wie gelähmt schleppten sich seine Mitspieler über den Rasen. Im Vorjahr konnte das Blei in den Beinen in diesen Phasen den Zusatzschichten der Europa League angelastet werden, aber diese Ausrede fällt diesmal aus.

Deutlich wie nie traten bei diesem „einschläfernden Spiel“ (Trainer Mirko Slomka) die tiefen Risse zutage, die auf vielen Ebenen das in den vergangenen drei Jahren so mühsam stabilisierte Gebilde bedrohen. Von „unruhigen Zeiten“ spricht Kind, und vieles davon führt auf das Dauermissverständnis zwischen Trainer Slomka und Manager Jörg Schmadtke zurück.

Schmadtke dementiert Abgang

„Das persönliche Verhältnis der beiden ist nicht besser geworden“, räumt Kind trotz eines von ihm organisierten Friedensgipfels ein. Zwischen diesen beiden charismatischen Figuren mit „sehr unterschiedlichen Charakteren“ (Kind) scheint im Binnenverhältnis derart viel zerrüttet, dass Schmadtke angeblich seinen Ausstieg am Saisonende erwogen hat, was dieser jedoch flugs dementierte. „Ich habe einen unbefristeten Vertrag, ich bin voll in den Planungen für die neue Saison.“ Überdies würde Kind seinen Geschäftsführer auch nicht ziehen lassen: „So einfach geht das nicht.“

Entscheidungen auf sportlicher Leitungsebene fallen da schwerer denn je. Beispielhaft das Ringen um Torjäger Mame Diouf: Am Montag saß dessen Berater Jim Solbakken mit Schmadtke zusammen. Der Ausgang der Gespräche ist offen; der Manager betont, er verstehe die Aufregung nicht, der Spieler beteuert, er fühle sich in Verein und Stadt wohl. Aber wenn ein Vertrag 2014 endet, ist eben nur in diesem Sommer eine Ablöse zu erzielen, und Borussia Dortmund hat den Senegalesen bereits als Nachfolger für Robert Lewandowski ins Spiel gebracht. „Priorität besitzt, solch einen Spieler zu halten“, betont Kind, „dafür werden wir uns auch wirtschaftlich strecken.“ Und Schmadtke verweist darauf, „dass wir keinen Transferüberschuss erzielen müssen.“

Mag ja sein, aber es existieren natürlich Gehaltsobergrenzen: Ohne Europapokal ist für die nächste Saison nur ein Gesamtetat von 66 Millionen Euro in den Lizenzierungsunterlagen bei der Deutschen Fußball Liga hinterlegt. Die von Kind gerne angestrebte Größenordnung von bis zu 90 Millionen Umsatz sei nur über den internationalen Wettbewerb zu erreichen. „Außerdem geht es um Nachhaltigkeit“, ergänzt Schmadtke, „wenn wir ein drittes Mal europäisch spielen, wird das auch öffentlich anerkannt.“

Keine Akzeptanz

Dass der 49-Jährige in der niedersächsischen Landeshauptstadt Akzeptanz vermisst, wirkt für Beobachter offenkundig. Am Sonntagabend verließ er fluchtartig den Presseraum, nachdem Slomka versichert hatte, er arbeite mit Schmadtke „regelmäßig, intensiv und zielstrebig zusammen“. Der absonderliche Aufbruch passte übrigens zum absurden Schauspiel auf den Tribünen. Immer heftiger attackieren die eigenen Ultras mit Sprechchören („Martin Kind muss weg!“) das 96-Oberhaupt, der die Tiraden offiziell lässig erträgt. „Das Niveau ist gewöhnungsbedürftig, aber ich kann damit leben. Wir mussten nun einmal gegen diese 200 Leuten ein Zeichen setzen.“

Kind meint die entzogenen Sonderrechte oder die umgelegten Strafen wegen abgebrannter Pyrotechnik; dass er sich mit den unpopulären Maßnahmen in der Fankurve unbeliebt machte, nahm Kind kalt lächelnd in Kauf. Doch wirkt es verstörend, wenn der eine Teil der Zuschauer ihn attackiert, der Rest „die Randgruppe“ (Kind) auspfeift. Irgendwie hat diesen Klub gerade zu viel Krisenstimmung erfasst. Wie sagte Sergio da Silva Pinto nun: „Wir erreichen unsere Ziele nur alle zusammen.“ Den Raum für Interpretationen ließ der Deutsch-Portugiese bewusst offen − es durften sich eine ganze Menge der handelnden Personen angesprochen fühlen.

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