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03. September 2012

Hertha BSC: Frotzeln gegen die Kollegen

 Von Andreas Hunzinger
Auf www.herthinho.de wird das 2,35 Meter große und 128 Kilo schwere Maskottchen als „Superstar“ und „Liebling aller Berliner“ gepriesen. Mit Blick nach Köpenick erscheint zumindest Letzteres als ein wenig übertriebenFoto: Imago

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An diesem Montag wird es eng im „Am Kreuzberg“. Sehr eng. „Wenn de kommst, musste stehen“, sagt Reinhold Radler, als er vier Tage vorher am Tresen sein verdientes Feierabend-Bier trinkt. Dabei haben sich zu diesem Zeitpunkt nur ein paar Gäste in die geräumige Kneipe an der Ecke Katzbach-/Monumentenstraße in Kreuzberg verirrt.

Um zu verstehen, warum Radler für den Montag bestenfalls noch Stehplätze anbieten kann, muss man den hinteren der beiden Gasträume betreten. Er ist tapeziert mit Fahnen und Postern von Hertha BSC. Wer nach den ersten Bierchen irgendwann doch mal austreten muss, stößt im Gang zu den Toiletten auf unzählige Erinnerungsfotos, die meisten mit aktuellen wie ehemaligen Hertha-Spielern. Die kompletten Sätze von Autogrammkarten hängen hier an der Wand.

„Am Kreuzberg“ ist das Vereinslokal des „1. Band-Scheiben-Club Hertha“. Der heißt nicht so, weil sich ein paar Kreuzberger und Schöneberger irgendwann nach Bandscheibenvorfällen zu einer Rückenschule-Selbsthilfegruppe zusammengetan hätten. Der Name musste sein, „weil wir das Bee-Ess-Cee drinhaben wollten“, erklärt Radler.

Der gemütlich wirkende Mann mit dem schlohweißen Haar ist der Vorsitzende des 1997 gegründeten Fanclubs. Von den derzeit 35 Mitgliedern ist das jüngste fünf Jahre alt, das älteste zählt respektable 79 Lenze. An diesem Derby-Abend, wenn Hertha beim 1. FC Union gastiert, werden sich die meisten von ihnen „Am Kreuzberg“ einfinden.

„Das Spiel ist eine Herzensangelegenheit für die Fans“, sagt Jos Luhukay. „Die Spieler müssen wissen, was dieses Spiel für sie bedeutet.“ Der Hertha-Trainer ist zwar kein Berliner, es ist auch sein erstes Derby in der Hauptstadt. Doch er ist lange genug im Geschäft und hat derlei Konstellationen woanders schon erlebt. Er fordert Haltung von seinen Profis.

Weil er sie aber auch selbstbewusst sehen will, ist der Niederländer nach seiner teilweise harschen Kritik an den mäßigen Auftritten zu Saisonbeginn derzeit eher auf Schmusekurs. Im Training lobt er beinahe jede Aktion. Besonders Stürmer Adrián Ramos, sein Sorgenkind, bekommt eine Menge verbale Streicheleinheiten. Leidenschaftliche Ansprachen in Blut-und-Ehre-Diktion hat es in den Tagen vor dem Derby dagegen nicht gegeben. Luhukay findet, dass die besondere Atmosphäre ausreichen muss, um die Profis anzustacheln. Ein volles Stadion, Flutlicht, Live-Übertragung im Fernsehen: „Welche Bühne mehr muss man haben, um motiviert zu sein?“

Feindschaft? Nein, aber …

Reinhold Radler und seine Vereinsfreunde werden genau hinschauen − notfalls im Stehen. Um Karten für das Stadion an der Alten Försterei haben sie sich nicht bemüht. Bei einem Kontingent von etwa 1 400 Karten für den Hertha-Anhang minus 750 Karten für die sogenannten Auswärts-Dauerkarten-Inhaber sind die restlichen Tickets per Losverfahren an den Fan gebracht worden. „Da hast du keine Chance“, sagt Radler. Saisontickets für Heimspiele haben seine Leute selbstverständlich − natürlich für die Ostkurve. Heute aber müssen es drei große Flachbildschirme tun.

Der Hingabe an die Sache tut das keinen Abbruch. Der Fanclub fiebert dem Derby schon seit Tagen entgegen. Mit den Eisernen aus Köpenick pflege man zwar „keine Feindschaft“, wie Radler versichert. Rivalität aber durchaus: „Man freut sich schon, wenn Union verliert“, gesteht der 63-Jährige. Heute, gegen Hertha, wäre eine Niederlage der Köpenicker ganz besonders schön. Denn dann hätte man die Scharte aus dem letzten Derby ausgewetzt, in dem Hertha am 5. Februar 2011 im Olympiastadion Union 1:2 unterlag.

Reinhold Radler ist vom Hertha-Sieg überzeugt. Ebenso vom Aufstieg am Saisonende. Er, der selbst einst bei Blau-Weiß 90 Trainer war und später beim SC Charlottenburg den damals 17-jährigen Andreas Köpke unter seinen Fittichen hatte, der heute Bundes-Torwarttrainer ist, setzt auf Luhukay. „Ich halte sehr viel von ihm. Der zieht den Spielern auch mal die Ohren lang. Ich hoffe, dass er da Grund reinkriegt.“

Das vergangene dreiviertel Jahr war schließlich schwer genug, für die Mannschaft, vor allem aber für ihre Fans. Eine desaströse Rückrunde in der Bundesliga und die Turbulenzen in den Relegationsspielen, die im Abstieg endeten: Der Hertha-Fan ist leidgeprüft. Ein Sieg im Derby würde helfen, die Seelenschmerzen zu lindern. Die Hertha-Profis wiederum haben die Chance, ihr ramponiertes Ansehen aufzupolieren. „Wir können“, hat Jos Luhukay am Freitag gesagt, „Anerkennung und Respekt erlangen.“

Reinhold Radler vom „1. Band-Scheiben-Club Hertha“ hat darüber hinaus noch ein ganz persönliches Interesse daran, dass Hertha heute Abend gegen 22.05 Uhr drei neue Punkte auf ihrem Konto hat. Von seinen Arbeitskollegen sind Etliche Fans von Union. Wenn Radler am Dienstag wieder zum Dienst geht, will er sich keine Häme gefallen lassen müssen. Er selbst will derjenige sein, der seine Kollegen „ein bisschen frotzelt“.

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