Sport
Sport-Nachrichten, Ergebnisse und Live-Ticker

05. April 2009

Hertha BSC: Seiltänzer stürzen ab

 Von RONNY BLASCHKE

Hertha BSC muss die zweite Niederlage hintereinander hinnehmen und rutscht im Klassement ab.

Drucken per Mail

Die Reflexe im Fußball sind verlässlich. Wenn ein Team, das die Bundesliga länger als einen Monat unerwartet anführt, nach zehn Heimsiegen wieder zu Hause verliert, beginnt die Zeit der fragwürdigen Fragen. War der öffentliche Druck zu groß? Haben sich die Spieler zu sicher gefühlt? Waren sie überheblich, vielleicht arrogant? Oder war alles nur Glück? Lucien Favre ist kein Freund dieser krampfhaften Erklärungsversuche, er weiß, dass sich Logik nicht ausschließlich an Resultaten bemisst. "Bei uns war es immer eng", sagte der Trainer von Hertha BSC. "Wir haben oft unsere Torchancen genutzt, dieses Mal leider nicht. Das ist Fußball. Wir müssen unser Glück wieder provozieren." So langweilig kann die Wahrheit sein, glauben wollte sie ihm nicht jeder.

Die Berliner haben am Samstag besser gespielt als in ihren Heimspielen zuvor gegen Leverkusen (1:0) und Borussia Mönchengladbach (2:1), mit einem Unterschied: Sie haben gegen Dortmund verloren. Das 1:3 ist das schlichte Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Hertha BSC spielte Wochen lang am Limit, konzentriert, zielsicher, auch glücklich. Wie ein Seiltänzer, langsam balancierend, Schritt für Schritt. Ein Seiltänzer freilich kann auch mal abstürzen. Ob er dann auch weich fällt?

"Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen", sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß. "Es gibt Niederlagen, die enttäuschender sind." Die Berliner wirkten im ausverkauften Olympiastadion nur in den ersten zwanzig Minuten lethargisch, nach dem 0:1 des Schweizers Alexander Frei (25.) spielten sie hemmungslos nach vorn. Raffael, Woronin, Rodnei, Torchance folgte auf Torchance, Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller und die Latte standen im Weg. Der Geizkragen Hertha, der bis dahin nahezu jede seiner wenigen Gelegenheiten genutzt hatte, war zum Verschwender mutiert.

Raffael mit Traumtor

Was den Berlinern blieb, war der ästhetisch wertvollste Beitrag des Nachmittages. Der brasilianische Künstler Raffael drang in den Strafraum ein, ohne dabei die Irreführung seiner tollpatschigen Gegner zu vernachlässigen. Er tänzelte, umkurvte, düpierte, gleich vier Dortmund - und netzte schließlich ein (54.). Ein herrlicher Treffer. Doch Dortmund kam zurück, Sebastian Kehl köpfte das 2:1 (63.), Nelson Valdez machte gegen Ende alles klar (82.). Und auf einmal war die schöne Berliner Party gründlich vermiest.

Manager Hoeneß hofft nun auf einen Lerneffekt, wobei ihm auch das Heranstürmen des VfB Stuttgart wenig behagt. Er sucht fast schon krampfhaft nach Erklärungen. "Vielleicht hat die Mannschaft den Druck verspürt, als Spitzenreiter vor vollem Haus anzutreten", mutmaßte Hoeneß. Die Psyche, da waren sich fast alle Berliner einig, spielt eine große Rolle. Da ist plötzlich das Gefühl da, etwas verlieren zu haben. Die schlechten Gedanken sollen nun möglichst schnell verbannt werden. "Der Kopf ist ganz wichtig", sagte Arne Friedrich. "Wir dürfen diesen Chancen nicht zu lange nachtrauern. Wir müssen die beiden Niederlagen ganz schnell abhaken."

In dieses Horn bläst auch Abwehrpartner Josip Simunic: "Wir dürfen uns nicht hängen lassen. Wir haben noch acht Spiele. Wir wollen den Traum am Leben lassen", sagte er. Und doch: Die Schale ist zwar nicht außer Sicht, aber doch in weiterer Ferne.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Sport-Nachrichten, Ergebnisse und Live-Ticker.