Aktuell: Paralympics 2016 in Rio | Sport A-Z | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Blog-G
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Sport
Sport-Nachrichten, Ergebnisse und Live-Ticker

01. März 2016

Interview Willi Lemke: „Die Einnahmen müssen gerechter verteilt werden“

 Von 
Willi Lemke: „Wir brauchen künftig Strukturen, die es ermöglichen, die Geldströme genau nachzuverfolgen.“  Foto: imago/nph

UN-Sonderberater Willi Lemke spricht im Interview mit der FR über seinen Glauben an Fifa-Reformen, seine Erwartungen an den Freshfields-Report und seine Forderungen an Transparenz in der Bundesliga.

Drucken per Mail

Willi Lemke arbeitet immer noch einen eng getakteten Zeitplan ab. Vergangenes Wochenende weilte der UN-Generalsekretär für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung nacheinander beim Fifa-Wahlkongress in Zürich, beim Heimspiel des SV Werder Bremen und als Ehrengast beim Eishockey-Zweitligisten Löwen Frankfurt, wo er als Gast der Veranstaltungsreihe „Vorspiel“ auftrat. Mit einem packenden Vortrag warb der 69-Jährige für eines seiner zahlreichen Hilfsprojekte. Im Interview spricht der langjährige Bundesliga-Manager über das, was ihm im Fußball am Herzen liegt.

Herr Lemke, hat der Spitzensport ein Glaubwürdigkeitsproblem?
Sonst würden doch nicht so viele Funktionäre im Gefängnis sitzen. Wir beklagen ein Dilemma in mehreren Verbänden, weil viele große Veranstaltungen gerüchtehalber mit Vorteilsnahmen von Funktionären verbunden sind. Das kann es nicht sein. Ich habe dazu in einer australischen Zeitung mal ein interessantes Papst-zitat gelesen. Sinngemäß sagte er darin: Sport ist Harmonie. Aber sobald Macht und Geld an Einfluss gewinnen, zerbröselt diese Harmonie.

Der korruptionsgeplagte Weltfußballverband Fifa hat mit Gianni Infantino einen neuen Präsidenten erhalten. Wie beurteilen Sie die Wahl?
Ich halte ihn auf jeden Fall für kompetent, erfahren und führungsstark. In seiner Kandidatenrede hat er den Delegierten allerdings sehr viel versprochen. Die Öffentlichkeit wird ihn daran bemessen, ob er seine Versprechungen wie die beschlossenen Reformen auch umsetzt.


Berichte aus allen Sportarten und Fußball-Liveticker -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Aus Sicht der Erneuerungsbewegung „newFIFAnow“ ist er für einen Neuanfang ungeeignet.
Diese Vorbehalte finde ich unfair. Er besitzt die volle Rückendeckung des Kongresses, den Laden umzukrempeln. Man sollte ihm wie bei Politikern erst einmal 100 Tage Zeit zu einer ersten Beurteilung geben.

Die neue Fifa-Struktur sieht künftig einen Generalsekretär vor, der eine Schlüsselposition einnimmt. Ist das gut oder schlecht?
Der Präsident wird damit eigentlich entmachtet, während der besagte CEO weitreichende Befugnisse erhält. Deswegen hätte ich mir auch sehr gut vorstellen können, dass Infantino diesen Posten übernimmt, weil ich Führung, Verwaltung und Organisation als seine Stärken innerhalb der Uefa ausgemacht habe. Wie es aussieht, will er sich seinen wichtigsten Mitarbeiter aus Afrika holen, da bin ich gespannt, wer das wird.

Ist der Wille zur Reform bei der Fifa wirklich glaubwürdig?
In jedem Fall. Es ist angesichts der Imageprobleme ein alternativloser Weg, um nicht das Vertrauen gänzlich zu verspielen. Der Schwerpunkt muss darauf liegen, Transparenz herzustellen. Das gilt übrigens genauso für Uefa und DFB. Ich bin deshalb sehr neugierig auf den Report der Anwaltskanzlei Freshfields, der am Freitag die Vorgänge rund um die WM-Vergabe 2006 erhellen soll.

Was erwarten Sie?
Eine Aufklärung ohne Rücksicht auf Verluste, die keine Frage offenlässt. Alle Beteiligten würden es sich leichter machen, wenn sie dabei aktiv mitarbeiten würden. Es wäre doch furchtbar peinlich für den DFB, wenn sie eine der renommiertesten und teuersten Kanzleien beauftragen, aber am Ende die entscheidenden Fragen unbeantwortet bleiben. Ich möchte nicht hören, dass die Spur der Fahnder irgendwo auf den Cayman Islands verloren ging. Wir brauchen künftig Strukturen, die es ermöglichen, die Geldströme genau nachzuverfolgen. Das betrifft übrigens auch die Bundesliga, die international nach wie vor einen hervorragenden Ruf besitzt.

Warum stellen Sie das so heraus?
Was wir von Fifa, Uefa und DFB fordern, muss doch auch für die Bundesliga gelten. Wenn dort alles offengelegt werden soll, warum dann nicht auch hier? Ich finde, es ist zum Beispiel das Recht der Fans und Mitglieder, zu erfahren, was die Präsidenten verdienen. Wenn wir akzeptieren, dass Spieler fünf Millionen Euro verdienen, dann kann der Vereinschef auch 500 000 Euro bekommen – es muss nur sauber offengelegt werden. Und allein die Berater und Agenturen entziehen dem Kreislauf zig Millionen Euro. Wo geht dieses Geld hin? Sind wir sicher, dass keine Kick-back-Geschäfte gemacht werden? Auch hier muss Transparenz herrschen.

Erklären Sie!
Es kann doch nicht sein, dass bis heute die Vereine die Kosten für eine Rundumbetreuung eines Profis durch einen Berater übernehmen. Jeder Bürger muss seinen Steuerberater auch selbst bezahlen. Wir reden bei den Beraterprovisionen nicht über 50 000 Mark – wegen einer solchen Rechnung habe ich mich in Werder-Zeiten mal fürchterlich aufgeregt, weil eigentlich nur drei Telefonate geführt wurden. Heute sind 50 000 Euro bei einem Transfer nicht mal die Portogebühr. Ich übertreibe jetzt mal bewusst.

Die Bundesliga lässt Sie nicht los ...
Dafür war ich zu lange dabei. Dann erneuere ich auch meine Forderung aus den 80er Jahren, dass die Einnahmen wieder gerechter verteilt werden. Kein Fußballfan kann doch ernsthaft daran Interesse haben, dass die Meisterschaft die nächsten 20, 30 Jahre so abläuft wie jetzt. Das ist doch so was von langweilig, wenn Bayern München immer nur seine eigene Saison spielt. Schauen Sie doch nur die Wettquoten an: Setzt man einen Euro auf Bayern, bekommt man 1,15 Euro zurück. Ich wünsche mir mal wieder ein echtes Drama um die Schale am letzten Spieltag, so wie Werder das einige Male erlebt hat. Zweimal ging es in Stuttgart um alles – einmal mit und einmal ohne Happy End. Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.

Wie groß ist Ihre Sorge, dass der Standort Bremen von der Bundesliga-Landkarte verschwindet?
Ich bin nach wie vor optimistisch, auch wenn ich manchmal nachts aufwache, weil ich mir auch Sorgen mache. Ich vertraue aber den handelnden Personen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen. Wir hatten diese Situation in der Vereinsgeschichte schon häufiger. Ich erinnere gerne an das Jahr 1999, als Felix Magath kurz vor Saisonschluss entlassen wurde und Thomas Schaaf übernahm. Das war mein letztes Jahr als Manager. Und es gibt gewisse Parallelen: Magath hatte damals die Mannschaft ins Pokalfinale geführt, das später sogar gegen die Bayern gewonnen wurde.

Jetzt steht Werder im Halbfinale und muss beim FC Bayern antreten.
Tolle Sache. Aber sind wir mal ehrlich: Eigentlich haben wir fast null Chance. Da haben wir die beschriebene Quote von 1:1,15!

Wollen Sie das Rad der Zeit zurückdrehen?
Dann frage ich: Wo soll das alles noch hinführen, wenn sich sogar die Sponsoren alle nur noch auf die Bayern stürzen? Der Wettanbieter Tipico hat bei mehreren Vereinen die Verträge gekündigt, um bei den Bayern für den drei- oder vierfachen Betrag einzusteigen. Diese Konzentration auf einen oder zwei Klubs ist für den Wettbewerb nicht gut. Für die Bayern wird die Bundesliga irgendwann zu einer regionalen Liga, und dann werden sie in einer Weltliga mitspielen wollen. Das mögen die Fans in München vielleicht gut finden, aber sicher nicht die große Masse in Deutschland.

Die Bayern betonen ständig, sie müssten mit englischen Vereinen aus der hochgerüsteten Premier League mithalten können.
Das ist doch nicht zu vergleichen. Der englische TV-Markt ist völlig anders geartet als der deutsche. Ich lasse mich auch nicht überzeugen, dass ein Nationalspieler 20 Millionen und mehr Euro verdienen muss. Er spielt dadurch auch nicht besser Fußball. Ein wunderbares Gegenbeispiel ist doch unsere Handball-Nationalmannschaft. Da spielte die Prämie für den EM-Titel doch gar keine Rolle. Aber was haben die an Leidenschaft, Ausstrahlung und Freude an der Leistung vermittelt. Da stand die Mannschaft im Mittelpunkt, und nicht die Gier nach mehr Geld. Vielleicht sollten sich diejenigen, die ständig nach Mehreinnahmen im Fußball rufen, einmal ein wenig daran orientieren. Dann wäre die Bundesliga noch sympathischer und erfolgreicher, als sie ohnehin schon ist.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Sport-Nachrichten, Ergebnisse und Live-Ticker.

Kommentar Bayern München

Guardiolas Erbe

Von Jakob Böllhoff |
Glücklich sieht anders aus: Carlo Ancelotti in Madrid.

Der Deutsche Meister hat wieder bei Atlético verloren, und es drängt sich die Frage auf: Was genau machen die Bayern da eigentlich? Ein Kommentar  Mehr...

Fußball-Nachrichten

Eintracht: Berichte | Spielplan | Team | FR-Videos

Anzeige

Aus den Sportarten
Für Sportler in Not

Die Hilfsaktion der FR-Sportredaktion unterstützt arme, kranke und behinderte Sportler, die unverschuldet in Not geraten sind.