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23. Januar 2013

Interview Christian Schwarzer: „Es wird Zeit, dass frischer Wind reinkommt“

Amüsierte Blicke zum Himmel, als käme ein lustiges Ufo: Deutschlands Handball-Nationalteam im Freudentaumel über den eigenen Höhenflug.  Foto: dpa/Fabian Stratenschulte

Im Viertelfinale kämpft das deutsche Handball-Team am Mittwoch gegen Spanien (ARD, 19 Uhr). Christian Schwarzer, seit 2011 Juniorenbundestrainer und WM-Fernsehexperte, spricht im Interview über den deutschen Aufwärtstrend bei der Handball-WM.

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Christian Schwarzer, 43, weiß, wie man Titel gewinnt. 2004 gewann er mit der Nationalmannschaft die Handball-EM und Olympia-Silber in Athen. 2007 folgte der WM-Titel im eigenen Land. Seit Oktober 2011 ist er Juniorennationaltrainer und verfolgt als Fernsehexperte die WM. Ob es zum Titel langt, mag Schwarzer nicht prophezeien. „Wir sollten Schritt für Schritt gehen“, sagt er vor dem Viertelfinale in Saragossa gegen Gastgeber Spanien (ARD/19 Uhr).

Herr Schwarzer, sind Sie vom Nationalteam genau so überrascht wie Bundestrainer Martin Heuberger?

So überrascht bin ich nicht. Ich habe gelernt, dass im Sport alles möglich ist. Es war eben eine Frage, wie die Mannschaft in sich funktionieren würde. Das Erstaunliche und Gute ist nun, dass man sehen kann, wie schnell sie sich entwickelt.

Warum geht es denn so schnell?

Es hört sich vielleicht komisch an, aber es könnte daran liegen, dass Topspieler wie Holger Glandorf, Lars Kaufmann oder Uwe Gensheimer nicht dabei sind.

Das müssen Sie erklären.

Es erscheint wie eine glückliche Fügung des Schicksals. Es haben sich neue Strukturen gebildet, Hierarchien, die sehr gut funktionieren. Jeder Spieler in dieser Mannschaft ist auch ein Faktor für den Erfolg.

Im Hexenkessel

Ehrfurcht: Im Hurra-Stil sind Spaniens Handballer bei ihrer Heim-WM ins Viertelfinale gestürmt – doch vor dem Spiel gegen Deutschland haben sie Respekt. „Die Deutschen haben ein Superteam“, sagte der spanische Nationaltrainer Valero Rivera nach dem 31:20 gegen Serbien. „Bei den Deutschen opfern sich alle Spieler für die Mannschaft auf, und sie spielen sehr schnell.“

Furchtlos: Bundestrainer Martin Heuberger ist nicht bange vor dem Spiel gegen Spanien: „Das ist eine Hexenkessel-Atmosphäre. Ich glaube aber, dass dies keine Rolle spielt für unsere Mannschaft. Im Gegenteil, das wird sie zusätzlich motivieren, auch gegen die Kulisse zu bestehen.“ Die Auswahl soll ihre neuen Qualitäten ausspielen: Teamgeist, Leidenschaft, Begeisterung.

Was ist gegen Spanien möglich?

Jetzt heißt es Angriff. Gegen den Gastgeber zu spielen ist doch besonders schön, meiner Meinung nach auch besser als gegen Serbien. Deutschland hat nichts zu verlieren, Spanien wird unter Druck sein. Die müssen uns erst mal schlagen.

War es bislang wichtig, eher ohne Druck aufspielen zu können, weil eh kaum etwas erwartet worden war?

Man hatte schon Druck, nämlich den, ins Achtelfinale kommen zu müssen. Die Frage ist immer: Wie geht man damit um? Sind entscheidende Partien für einen selbst Druck oder positive Motivation?

Wie sehen Sie das bei den deutschen Spielern?

Für die ist das eine Herausforderung, die haben Spaß bei dem, was sie machen. Das braucht man, um seine beste Leistung abzurufen.

Zwar wird die Mannschaft in höchsten Tönen gelobt, trotzdem bleibt Spanien der Favorit im Viertelfinale. Was muss die DHB-Auswahl vielleicht verbessern, um auch diese Probe zu meistern?

Schon zuletzt gegen Frankreich und Mazedonien haben wir es geschafft, die Schwächephasen zu minimieren. Sie ganz raus zu bekommen, wäre natürlich wünschenswert, ist aber Utopie.

Wie kann man dieser Utopie möglichst nahekommen? Ist das vor allem eine mentale Frage?

Man muss von Spiel zu Spiel lernen, unter Wettkampfcharakter. Sowas kannst du nicht trainieren oder simulieren. Und die Mannschaft beweist im Moment, dass sie das sehr gut hinbekommt.

Kann man es auch damit erklären, dass es in der Auswahl zwar kaum Weltklassespieler gibt, sie aber mit Weltklasseteams wie Frankreich mithalten kann?

Spieler wie Nikola Karabatic oder Daniel Narcisse sind im Moment noch nicht auf dem Level, andere Mannschaften beherrschen zu können. Die deutsche Mannschaft kann deshalb mithalten, unsere Stärke ist nun einmal auch das Kollektiv.

Dabei wurde bisher immer argumentiert, dass Deutschland mehr Spieler vom Schlage Karabatics bräuchte. Zu Unrecht?

Wir sollten uns schon an den Besten orientieren. Wir müssen im Nachwuchs sicherlich einige Sachen an der Physis aufarbeiten. Doch wir dürfen unsere eigenen Trümpfe nicht aus dem Blick verlieren. Wir haben doch gute Nachwuchsspieler, das sieht man bei dieser WM.

Ausbilder Christian Schwarzer.
Ausbilder Christian Schwarzer.
Foto: imago sportfotodienst

Eine Mannschaft, mit der man schon wieder zur erweiterten Weltspitze zählt?

Wenn man ein Turnier mal gut spielt, ist man nicht gleichzeitig zurück in der Weltspitze. Man muss so eine Leistung über Jahre bringen.

Was ist nötig, damit dies der deutschen Auswahl in naher Zukunft wieder gelingt?

Sie soll so Handball spielen wie im Moment. Mit Leidenschaft, Herz und Willen. Wir müssen in der Jugend und bei den Junioren so gut arbeiten, dass die Vereine an den Talenten einfach nicht mehr vorbeikommen.

Sollte dieser Weg mit Martin Heuberger gegangen werden?

Das würde schon sehr gut passen. Er kennt seit Jahren die jungen Spieler, die da nachkommen könnten, aus dem Effeff.

Beim DHB-Bundestag im September wird ein neues Präsidium gewählt. Wünschen Sie sich, dass dann auch im Nachwuchsbereich neue Reize gesetzt werden?

Man darf bei der ganzen Diskussion nicht vergessen, wohin der deutsche Handball durch das Präsidium um Uli Strombach gebracht worden ist. Da muss man schon vorsichtig sein. Nichtsdestotrotz wird es Zeit, dass mal frischer Wind reinkommt, ein paar andere Leute, mit neuen Ideen.

Jemand wie Bob Hanning zum Beispiel, der als Vizepräsident Leistungssport kandidieren will?

Das würde uns schon entgegenkommen. Er hat viel für den Nachwuchs übrig.

Und 2020 geht es, wie Hanning schon sagte, um den Olympiasieg?

Wenn man so gut weiterarbeitet – warum nicht? Gleichzeitig sage ich aber auch: Bis 2016 sind es drei Jahre, in denen man auch viel entwickeln kann. Vielleicht könnte es ja schon früher funktionieren.

Das Gespräch führte Tino Scholz.

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