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31. August 2012

Interview mit Felix Magath: „Grafite war ein Traum“

Felix Magath: „Man kann eine Meistermannschaft nicht in einem Sommer zusammenstellen“  Foto: dpa

Wolfsburgs Trainermanager Felix Magath im Gespräch. Über Transfers im Profifußball, seine eigene Philosophie zu diesem Thema, die Grenzen, die auch dem VfL Wolfsburg gesetzt sind und die Kunst, Deutscher Meister zu werden.

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Das Atelier-Café in Wolfsburg: Felix Magath bricht gleich zu Beginn mit dem ersten Stereotyp. Er trinkt keinen Tee, wie sonst auf Pressekonferenzen, sondern Espresso. Den einen zu Beginn des Gesprächs, den zweiten am Ende. Zwischen beiden nimmt er sich des zweiten Vorurteils an: dass der Trainer des VfL Wolfsburg mit Spielern handele wie andere mit Äpfeln.

Herr Magath, kurz vor dem heutigen Ende der Transferperiode haben Sie Petr Jiracek zum Hamburger SV verkauft – nach nur einem halben Jahr Verwendung und dem Vernehmen nach mit einer Wertsteigerung von vier auf viereinhalb Millionen Euro. Ein gutes Geschäft?

Wieso Geschäft?

Der VfL hat an dem Transfer 500.000 Euro verdient.

Es ging bei Petr Jiracek nicht ums Geschäft. Der VfL Wolfsburg ist nicht in der Not, Spieler unbedingt verkaufen zu müssen. Wir beurteilen Transfers vor allem sportlich. Und mit der Rückkehr von Diego ergeben sich neue Optionen. Ich bin vor allem ja Trainer, also habe ich Petr Jiracek mitgeteilt, dass es vielleicht schwer werden wird, einen Stammplatz in unserem Mittelfeld zu finden.

Sie haben zurzeit fast 40 Spieler im Kader.

Was sagt Ihnen das?

Sie kaufen gern ein.

Ich hatte das erste Mal in Wolfsburg den Auftrag, eine siegreiche Mannschaft aufzubauen. Das habe ich getan und so lange mit der Mannschaft gearbeitet, bis es gepasst hat. Nach zwei Jahren waren wir deutscher Meister. Dann kam Schalke, sagte: „Oh, mach’ uns das auch.“ Dafür hatten wir gemeinsam vier Jahre veranschlagt. Und jetzt ist der Auftrag wieder der gleiche.

Ihre Marktgänge erzeugen den Eindruck, dass Sie nach Launen kaufen und verkaufen.

Das ist bedauerlich, aber dieses Bild, das in der Öffentlichkeit erzeugt wird, zu korrigieren ist fast unmöglich. Auch der VfL Wolfsburg kann nicht elf Spieler für jeweils 20 Millionen kaufen. Von denen wüsste ich ziemlich genau, dass sie funktionieren. Das ist das eine. Und das andere: Man kann eine Meistermannschaft nicht in einem Sommer zusammenstellen, niemand kann das. Und ich kann auch keine zusammenbauen und dann sagen, mit der spiele ich jetzt vier, fünf Jahre lang.

Wieso nicht?

Weil wir in Wolfsburg andere Voraussetzungen haben. Wenn wir einen Spieler wie Edin Dzeko haben, dann müssen wir ihn irgendwann ziehen lassen.

Weil Wolfsburg zu unattraktiv ist?

Nein. Diese Tatsache gilt auch für die meisten anderen Bundesligaklubs, wenn ein ganz großer Verein einen Spieler möchte.

Sie haben in den vergangenen Jahren unzählige Transfers getätigt, mehr als jeder andere Trainer der Bundesliga. Woran liegt das?

In den letzten fünf Jahren war die Vorgabe der Vereine dreimal an mich, eine neue Mannschaft aufzubauen. Schalke hat sich mit dieser Mannschaft dann zweimal für die Champions League qualifiziert, hat dabei einmal das Halbfinale in der Champions League erreicht und den DFB-Pokal gewonnen. Beim VfL wurden wir mit diesem Kader deutscher Meister. Grundsätzlich bedeutet die Fluktuation aber, dass wir nicht sofort die Spieler bekommen haben, die für die Ziele der Klubs optimal waren. Und dass man als Trainer nie wissen kann, wie sich ein Spieler entwickelt.

Zum Beispiel?

Zu meiner Zeit als Trainer in Stuttgart der Argentinier Emanuel Centurión: Den hab ich gesehen, 18 Jahre alt, ich war begeistert, der wird mal ein Spielmacher. Ich hab ihn geholt – und? Keine Chance. Er hat drei, vier Spiele gespielt, aber Sie können nichts machen, wenn einer nachts am Telefon oder am Computer hängt und mit Südamerika chattet und die halbe Nacht nicht schläft. Das hat mit Fußball nichts zu tun. Das ist ein Persönlichkeitsproblem. Deswegen ist es witzig zu behaupten, mach’ fünf Transfers und dann spielst du um die Meisterschaft mit.

Wie war das damals mit Dzekos Sturmpartner Grafite, ebenfalls ein Südamerikaner? Das Risiko war vergleichbar.

Grafite war ein Traum. Aber ich hatte mich schwergetan, das war mein teuerster Transfer bis dahin, 7,5 Millionen Euro, und es war die letzte Transferwoche. Ich sag’ zu dem Berater: „Das Risiko ist mir zu groß, wir machen es nicht.“ Deswegen wollte ich an diesem Tag einen anderen Stürmer verpflichten. Tagsüber stellte sich aber heraus, dass sich dieser Transfer nicht realisieren ließ, also gab ich mir einen Ruck und rief den Berater abends an und sagte: „Wir wollen ihn.“

Warum haben Sie gezögert?

Ich war mir nicht sicher. Grafite hatte zuvor einen Kreuzbandriss. Sie wissen nie, ob das Knie dann hält. Und er ist Brasilianer. Er hatte zwar schon in Europa gespielt, aber jeder weiß, die Brasilianer kommen aus dem warmen Wetter, dann ist das Klima hier so, dass sie manchmal denken: „Oh Mist, was ist das denn?“ Und dann werden sie nicht glücklich.

Haben Sie einen Transfer jemals falsch gedeutet?

Das zu fragen, ist der falsche Ausgangspunkt. Die Öffentlichkeit geht ja immer davon aus, dass jeder verpflichtete Spieler auch spielen muss. Und wenn er nicht spielt, ist er ein Fehleinkauf. Aber viele Spieler übernehmen in einem Kader andere Aufgaben. Für hinten dran zum Beispiel.

Hinten dran?

Man braucht nicht nur die Nummer neun, sondern auch seinen Ersatz. Diese Transfers sind allerdings etwas schwieriger. Wenn der Verein zum Beispiel, wie vorgeschrieben, zwölf Deutsche unter Vertrag haben muss, dann heißt das nicht, dass diese Spieler sofort startelftauglich sind.

Es gibt die Quote, es gibt Spieler für hinten dran, welche Kriterien kommen bei einem Transfer noch ins Spiel?

Das kommt auf die Situation an. Manchmal brauchen Sie für Ihren Kader einen Lieben, Braven, dann wieder einen, der mal hinlangt, einen Kämpfer.

Und nie hat Sie ein Transfer enttäuscht?

Das Wort ist mir zu stark. Wenn einer drei Millionen kostet, aber nicht spielt, weil ein anderer besser ist, der nichts gekostet hat – was ist das dann? Ein Flop? Nein, das heißt nur, dass einer besser ist als der andere. Wichtig ist, die Position perfekt zu besetzen.

Hat Sie mal ein Transfer gereut, weil Sie ihn nicht getätigt haben?

Ich war mal für die Bayern unterwegs. Wir hatten den Argentinier Sergio Agüero ins Auge gefasst. Der war gerade 17 oder 18, spielte bei Independiente, lief mit der Nummer zehn auf dem Rücken rum, war also quasi der Chef auf dem Platz. Und das Spiel, das ich gesehen hatte, das ging mit 0:3 verloren. Agüero hatte keinen Ball getroffen. Und der sollte dann 24 Millionen kosten.

Und Sie?

Ich bin zurückgekommen und hab’ gesagt: Den können wir nicht verpflichten. 2005 hat ihn dann Atlético Madrid für zwölf Millionen Euro gekauft, 2011 ging er für 43 Millionen zu Manchester City. Man kann sich auch mal irren, aber ich halte mich mit so etwas nicht auf.

Welcher Transfer macht Sie rückblickend stolz?

Raúl. Auch wenn ich für diesen Transfer erst mal eigentlich nicht so viel konnte. Ich hatte gerade Christoph Metzelder von Real Madrid verpflichtet. Als wir uns einig waren, fragte er, ob ich nicht auch noch Raúl verpflichten wolle. Er war schon 32, er hatte auch nicht mehr regelmäßig gespielt, aber ich dachte: „Spinnst Du? Raúl?!“ Aber Christoph sagte, dass er weg will.

Als Sie mit Raúl dann am Tisch saßen, was dachten Sie?

Raúl ist etwas Besonderes. So eine Persönlichkeit treffen Sie nicht jede Woche. Es war von Anfang an zu spüren, dass wir miteinander können. Trotzdem war ich unsicher: „Raúl, in der Bundesliga? Glaub ich nicht.“ Ich war skeptisch. Und dann hat es sich hingezogen. Es war April, wurde Mai, es hieß, dauert noch, der Berater muss noch mit Real reden. Juni, Juli. Am 21. Juli war es dann soweit. Da war ich schon begeistert, und stolz, einen solchen Transfer getätigt zu haben.

Das Gespräch führte Martin Henkel.

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