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09. September 2013

IOC-Präsidentenwahl: „Personifizierte Ahnungslosigkeit“

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Die Politikerin Viola von Cramon hält nichts vom Präsidentschaftskandidaten Thomas Bach.

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Die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Viola von Cramon, spricht Thomas Bach die Kraft und vor allem den Willen ab, die dringend notwendigen Reformen im Internationalen Olympischen Komitee einzuleiten. Der Schweizer Kandidat für das Amt des IOC-Präsidenten, Denis Oswald, hätte nach Ansicht der Bundestagsabgeordneten aus Northeim mehr Statur, um die olympische Bewegung zu demokratisieren und zu erneuern.

Frau von Cramon, wenn die Wettanbieter in London und andere Propheten nicht irren, dann wird am Dienstag Thomas Bach zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees IOC gewählt. Er wäre der erste Deutsche auf dem Posten. Ist das ein Anlass zur Freude oder zur Skepsis?

Die Nationalität des Präsidenten ist völlig gleichgültig. Mir ist es wichtig, dass jemand gewählt wird, der die Integrität des IOC wiederherstellt. Jemand, der sich um einen sauberen, fairen Sport kümmert. Jemand, der die dringend notwendigen Reformen im IOC durchsetzt. Da ist es mir gleich, ob das ein Chinese, ein Deutscher oder wer auch immer anpackt.

Aus Ihrer Antwort lässt sich unschwer heraushören, dass Sie mit dem Kurs des IOC, dessen Vizepräsident Thomas Bach ja schon einige Jahre ist, nicht zufrieden sind.

Das IOC hat sich insbesondere in den vergangenen 20 Jahren vorwiegend um kommerzielle Interessen gekümmert und nicht um die olympische Bewegung. Gerade die Vergabe der Winterspiele nach Sotschi hat gezeigt, dass es dem IOC nicht darum geht, neue Länder für den Sport zu begeistern, sondern um Profit und Politik. Wladimir Putin will den Kaukasus mit autoritärer Politik befrieden und für ihn sind die Olympischen Spiele ein Instrument dafür. Ich war selbst in Sotschi und habe gesehen, welche fatalen Folgen diese Vergabe von Winterspielen in einen subtropischen Badeort hat. Das hat mit nachhaltiger Sportpolitik, mit Begeisterung für Sport und für die Menschen in der Region überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Vergabe dorthin lähmt die ganze Region und schaltet jeden partizipatorischen Ansatz aus.

Thomas Bach ist seit mehr als drei Jahrzehnten Teil des olympischen Sports, sozusagen ein Kind des Systems. Kann so jemand, sich lösen von den alten Mustern? Hat er die Kraft und vor allem den Willen, das zu leisten, was Sie einfordern?

Thomas Bach wird als Teil des System von Antonio Samaranch, dem Vorgänger von Jacques Rogge als IOC-Präsident, wahrgenommen. Samaranch war bis zu seinem Tod ein bekennender Faschist. Ich frage mich, ob es gut ist, wenn einer, der als ‚Nachkomme‘ von Samaranch gilt, nun zum IOC-Präsidenten gewählt würde.

Klar gesagt, Sie trauen ihm nicht zu, das IOC zu reformieren?

Thomas Bach ist seit einigen Jahren der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Wenn Sie die Ohren offen halten, dann wissen Sie, dass kaum Reformen angefasst wurden, dass es Bach nicht darum geht, eine Debattenkultur zu entwickeln oder um möglichst viel Mitsprache und Kompetenz der Fachverbände. Bach geht es in allererster Linie um seine eigene Karriere. Warum sollte ihn der Reformeifer gerade jetzt im IOC packen? Denken wir nur an die derzeitige Debatte um Doping im deutschen Sport. Bach steckte als Mitglied der Olympiamannschaft von 1976 mitten drin im deutschen Sportgeschehen. Jetzt spielt er die personifizierte Ahnungslosigkeit. Es ist jedenfalls kein gutes Zeichen, wenn er kritische Anfragen durch einen Medienanwalt abwehren lässt. Ich glaube nicht, dass so jemand ein aufrichtiger Kandidat ist, der die Glaubwürdigkeit des Sports wiederherstellen kann.

Wie haben Sie Thomas Bach denn erlebt im Sportausschuss und auf anderem sportpolitischem Parkett?

Thomas Bach ist dem Sportausschuss jahrelang ausgewichen. Ich habe ihn als Menschen erlebt, der keine Position bezieht, als Menschen, der immer gerne ausweicht. Er hat keine klare Vision. Er ist ein Mensch, der meist reagiert, statt zu agieren. Er ist gut vernetzt, weiß, wie er Parteien gegeneinander ausspielen kann. Er macht Politik in Hinterzimmern.

Das IOC ist nun nicht gerade ein Ausbund an Demokratie. An den Strippen ziehen viele königliche Hoheiten, Scheichs und altgediente Sportfunktionäre. Mehr Demokratie zu wagen, gehört aber nicht zum Programm von Thomas Bach.

Eigentlich wäre gerade das vom neuen IOC-Präsidenten zu erwarten. Er steht im Grunde in der Pflicht etwas zu ändern. Bei Thomas Bach erkenne ich das leider nicht. Die Absprachen zu seiner Wahl, so erfahren wir jetzt dank Scheich Al-Sabahs Offenheit im Bericht des ARD-Magazins Monitor, sind ja schon vor zwölf Jahren getroffen worden. Das ist schon dreist. Das macht die Kandidatur zur Farce. Warum geht die Ethikkommission des IOC nicht dagegen vor? Das IOC diskreditiert sich selbst, macht sich durch und durch unglaubwürdig. Das macht mich zutiefst traurig.

Thomas Bach hat sehr gute Beziehungen in den Nahen Osten. Er ist Präsident der deutsch-arabischen Handelsgesellschaft Ghorfa. Sie gelten als eine der schärfsten Kritikerinnen der Gesellschaft.

Ich bin erstaunt, dass die deutsche Politik deren israel-feindliche Geschäftspraktiken weiterhin duldet. Die Ghorfa wickelt für deutsche Unternehmen eine so genannte Vorlegalisierung von Exporten aus Deutschland in arabische Staaten ab und verlangt dafür von den deutschen Unternehmen eine Gebühr. Ursprung der Vorlegalisierung ist der arabische Handelsboykott gegen Israel. Ghorfa versichert, dass die exportierten Produkte keine Teile aus Israel oder sonstigen Bezug zu Israel haben. Diese Vorlegalisierung ist nicht konform mit EU- und Welthandelsrecht. Deswegen hat selbst Jürgen Möllemann seinerzeit die Ghorfa-Präsidentschaft nach kurzer Zeit hingeschmissen. Aber Thomas Bach hat die Ghorfa salonfähig gemacht. Er nutzt die als politisches Instrument. In der FDP-Spitze wird die Ghorfa des Parteifreundes Bach wohlwollend betrachtet. Da hält man sich mit Kritik zurück.

Sie fiebern der Wahl am Dienstag jedenfalls nicht freudig entgegen?

Ich fieber Reformen innerhalb des IOC entgegen. Das IOC insgesamt ist davon aber noch weit entfernt, auch wenn ich beim Schweizer Kandidaten Denis Oswald durchaus Reformwillen erkennen kann.

Bach wehrt sich bis heute gegen staatliche Anti-Dopinggesetze. Die gefährdeten die Autonomie des Sports. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Das ist ein vorgeschobenes Argument. Der Sport hat bei der Bekämpfung von Doping versagt. Es ist dringend geboten, dass der Staat hilft, einen sauberen Sport zu schaffen. Wir brauchen deshalb entsprechende Gesetze.

Ihr Parteifreund Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes und mögliche Nachfolger Bachs als DOSB-Präsident, liegt in der Frage ganz auf Linie seines Noch-Chefs.

In der Frage ist Michael Vesper eben mehr Sportfunktionär als Grüner.

Interview: Jürgen Ahäuser

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