Sport
Sport-Nachrichten, Ergebnisse und Live-Ticker

09. Februar 2010

Könige, Helden, Schurken, andere: Vorhang auf fürs DFB-Theater

 Von Wolfgang Hettfleisch und Jan Christian Müller
Die Hauptdarsteller: Joachim Löw, Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Oliver Bierhoff (von links). Bildnachweis: /getty(2), ddp (2), dpa Foto: FR-Montage Urbik

Der Streit zwischen der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft und der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes wurde am Dienstag - zumindest offiziell - beigelegt. Trotzdem: es wurde eine Tragikomödie aufgeführt - die FR präsentiert die Hauptdarsteller. Von W. Hettfleisch und J.C. Müller

Drucken per Mail

Der Streit zwischen der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft und der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist offiziell beigelegt. "Wir haben eine gemeinsame Linie gefunden bis zur WM", sagte Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag in Frankfurt am Main. Bei der Pressekonferenz waren auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff dabei. Alle Beteiligten wollen sich nun ganz auf die im Juni beginnende Weltmeisterschaft in Südafrika konzentrieren.

Trotzdem: hier noch mal die Protagonisten dieser Tragikkomödie.

Der König ohne Kronjuwel: Theo Zwanziger, DFB-Präsident. Betrat die Bühne als Erster, als er im Dezember einen Handschlag-Vertrag mit dem Bundestrainer (siehe einsamer Held) geschlossen haben wollte. Der weiß aber nur von einem Austausch von Händedruck zur Begrüßung. Zwanziger ist Populist genug, um zu erkennen, dass die hanebüchene Entwicklung der vergangenen Tage auch seinem Saubermann-Image erheblichen Schaden zufügt. Muss aufpassen, dass nun seine Gegner im DFB (Vize Rainer Koch aus Bayern gilt als ehrgeiziger Kronprinz) nicht zu stark werden.

Der einsame Held: Joachim Löw, Bundestrainer. Hält das Miteinander hoch und setzt ergo auf Harmonie. Die ist nun empfindlich gestört, er entsprechend irritiert. Sein Ärger über den Präsidenten ist unübersehbar. Löw fühlt sich "vor den Kopf gestoßen". Reagiert wie seinerzeit im Fall Kuranyi mit konsequentem Liebesentzug. Hat die Nase gestrichen voll. Wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Sommer von der DFB-Bühne abtreten. Wie Klinsmann vor vier Jahren.

Der Schurke: Oliver Bierhoff, Nationalmannschafts-Manager. Hat sich nun auch beim Präsidenten unbeliebt gemacht. Gegner hatte die "Ich-AG vom Starnberger See" (Kalle Rummenigge) schon vorher genug: die Bundesliga-Manager, Capitano Ballack, Wolfgang Niersbach (siehe Strippenzieher) und sämtliche Stammtische der Republik. Sehr gutes Netzwerk in die Werbewirtschaft, in der Fußballszene aber ohne Rückhalt (außer bei Löw). Hat dank seines Golden Goal 1996 nach Ansicht der Neider als umworbene Werbefigur bereits ein viel zu großes Stück vom Kuchen abbekommen. Gute Ideen, viel Dynamik, wenig Demut, noch weniger Diplomatie.

Der Strippenzieher: Wolfgang Niersbach, DFB-Generalsekretär. Verfügt über beste Kontakte. War jahrelang Pressesprecher und an der Seite von Franz Beckenbauer (siehe Logengäste) Vizepräsident des Organisationskomitees der WM 2006. Rheinische Frohnatur mit hartem Kern. Kann, ganz anders als Bierhoff, eigentlich mit allen gut - außer mit: Bierhoff.

Das Orakel: Reinhard Rauball, Ligapräsident. Weiß, wie die Kollegen in der Bundesliga ticken. Die fühlen sich von Bierhoff und Löw bevormundet und gegängelt und haben nur auf den richtigen Moment zum Abwatschen gewartet. Der ist jetzt gekommen.

Der Nebenbuhler: Matthias Sammer, Jugend-Sportdirektor mit Bundestrainer-Ambitionen. Fühlt sich von Löw und Bierhoff konsequent ausgegrenzt. Der Feuerkopf außer Dienst hat sich mit öffentlichen Aussagen zuletzt auffällig geschickt zurückgehalten. Lehnt sich lieber gemächlich zurück und verfolgt das Theater aus der ersten Reihe. Versteht sich gut mit dem einflussreichen Niersbach. Könnte als Gewinner aus der Angelegenheit hervorgehen und Löw im Juli nachfolgen.

Die Logengäste: Franz Beckenbauer und Günter Netzer, Alleswisser. Noch zwei, die Bierhoff nicht mögen. Also: immer feste druff aufs Krokodil. Gelten als unfehlbare Oberinstanz im deutschen Fußball. Lassen eine breite Öffentlichkeit wissen, dass ihnen Bierhoff suspekt ist, sie Löw aber eigentlich super finden. Das findet die Öffentlichkeit dann also auch, wovon sich Löw aber wenig bis gar nicht beeindrucken lässt.

Die Kulissenschieber: Roland Eitel und Christian Frommert, Spin Doctors. Die Schattenmänner hinter Löw und Bierhoff. Als solche haben sie nun schwer damit zu kämpfen, den Imageschaden für ihre Klienten in Grenzen zu halten. Das ist für den Schwaben Eitel, einen Klinsmann-Vertrauten, als Berater des adretten Gutmenschen aus Südbaden viel einfacher als für den Südhessen Frommert beim umstrittenen Bierhoff.

Die Souffleure: Wer Gewicht haben will, muss sich mit der Bild-Zeitung gut stellen. Dort wurden Löw und Bierhoff als Raffkes denunziert. Nur: Von wem kam die Regieanweisung? Der Verdacht weist Richtung DFB-Zentrale. Zwanziger dementiert indes ausdrücklich, er oder Niersbach seien die Verursacher der Indiskretion zum Schaden von Bierhoff und Löw. In Bild wurde Zwanziger zunächst als großer Sieger gefeiert. Inzwischen hat sich der vielfach verärgerte Löw für seine arg ins Wanken geratene Gefühlswelt breiten Raum in den Schlagzeilen gesichert.

Der Chor: Die überregionale Tagespresse, FAZ, SZ und FR, sind sichtbar bemüht, den vermeintlichen Schurken Bierhoff ein wenig aus dem Zwielicht zu holen und die Rolle der DFB-Granden kritisch zu würdigen. Formulieren ein gewisses Verständnis dafür, dass Bierhoff zunächst mit einer Maximalforderung in die Vertragsgespräche gegangen war und damit streng nach den eigentlich selbstverständlichen Usancen des Profisports verfuhr. Nur: Die greifen in einem Verband wie dem DFB nicht einfach so. Vor allem dann nicht, wenn der Nationalmannschafts-Manager gleichzeitig als Präsidiumsmitglied firmiert und sich somit nicht nur der eigenen Kasse, sondern auch dem Verbandsvermögen verpflichtet fühlen müsste.

Jetzt kommentieren

Ressort

Sport-Nachrichten, Ergebnisse und Live-Ticker.