Nun muss er sich also, weil man in diesem Geschäft nicht lange ohne Etikett bleibt, schon als "Schweizer Magath" titulieren lassen, der Stuttgarter Coach Christian Gross. Weil er trockene Ansagen bevorzugt, keine Spieler-Duzmaschine ist, überhaupt ein wenig distanziert daherkommt, der Zürcher Polizistensohn.
Natürlich taugen behelfsmäßigen Charakterstudien aus der Ferne nicht viel, will man den Um- und Aufschwung am Neckar entschlüsseln. Vielleicht hat der "Chrigel", wie sie in seiner Heimat einen Christian verniedlichen, einfach Glück gehabt, war zur rechten Zeit am rechten Ort. Unfug? Kann sein. Doch sei ausdrücklich an Gross´ Vorgänger Markus Babbel erinnert. Der hatte beim VfB nach einer 1:4-Klatsche in Wolfsburg am 14. Spieltag der vorigen Saison Armin Veh beerbt. An den verbleibenden 20 Spieltagen unter Babbel verloren die Schwaben nur zweimal. Sie wurden Dritter.
Der eine oder andere Journalist möge mal im Archivkeller nach den Kränzen graben, die dem Jungtrainer in der Ausbildung damals geflochten wurden. Der Hinweis, da wachse ein Trainerjuwel heran, war noch eine der zurückhaltenderen Aussagen. Ein paar Monate später durften Millionen Trainer an den Stammtischen der Republik nun noch ankreuzen, ob Babbel a) eine Pflaume, b) ein Opfer der DFB-Trainerausbildung oder c) von allem irgendwie überfordert sei.
Das muss für Christian Gross und den "neuen VfB" nichts heißen, doch lehrreich ist der Blick zurück allemal. Es wird schnell gejazzt und laut gesungen in der Mediensparte der Unterhaltungsbranche Fußball. Weshalb Cacau nach seiner Wahnsinnswoche unversehens zu Deutschlands großer WM-Hoffnung avanciert und der gerade mal 21-jährige Mesut Özil nach schwächeren Auftritten nun Woche für Woche eine Art Berichterstatter-TÜV durchläuft.
Gross ist erfahren genug, den Beifall einzuordnen, der auf ihn und sein Team niederprasselt. Er muss nun dafür sorgen, dass sich die Spielern nicht den Kopf verdrehen lassen. Markus Babbel würde womöglich der Behauptung nicht widersprechen, ihm sei genau dies nicht gelungen.
Die WM-Qualifikation soll für Joachim Löw und die DFB-Auswahl nur eine Zwischenstation sein. Mehr in unserem WM-Spezial.
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