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14. Dezember 2012

Mainz 05: Thomas Tuchel – Der beste Mann

 Von Jan Christian Müller
Ehrgeizig, anstrengend, ungeduldig und fordernd: Thomas Tuchel Foto: Stefan Krieger

Thomas Tuchel von Mainz 05 gilt inzwischen als begehrtester Trainer auf dem deutschen Markt .

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Thomas Tuchel von Mainz 05 gilt inzwischen als begehrtester Trainer auf dem deutschen Markt .

Mainz –  

Ganz egal, wo ein Bundesliga-Trainer oder dessen Arbeitgeber an Abschied gedacht haben könnten – Jupp Heynckes in München? Bruno Labbadia in Stuttgart? Thomas Schaaf in Bremen? Huub Stevens bei Schalke 04? – ein Name wurde regelmäßig reflexartig als Nachfolger gehandelt: Thomas Tuchel.

Zukunftspläne mit Mainz

Der 39-Jährige könnte das als Höchstmaß an Anerkennung für seine Arbeit bei Mainz 05 interpretieren. Es ist eine Art der Anerkennung, die beim meist-umworbenen deutschen Fußballlehrer aber auch Verdruss verursacht. Denn er hat erst im Sommer einen Vertrag bis 2015 unterschrieben und steht nicht parat für jemanden, dessen Halbwertszeit im Job in Wochen bemessen wird. Als  er aber von der Bildzeitung als potenzieller Stevens-Nachfolger benannt wurde, war die „Tuchel-Lawine“ (Mainzer Rheinzeitung) nicht mehr aufzuhalten. Nachdem das Boulevardblatt sie losgetreten hatte, hielten Zeitungen, Onlineportale, Videotext und TV-Sender die Lawine am Laufen. Dabei hatte Tuchel kurz zuvor glaubwürdig seine Zukunftspläne mit Mainz 05 offenbart. Wer eine ungefähre Ahnung davon hat, wie er tickt, dem dünkte: Es war eine Lawine ohne Wucht.  Die Tuchels schlechte Meinung über die mediale Ausprägung des Bundesligabusiness nur bestätigte: „Ich empfinde es als sehr schnelllebig, meistens oberflächlich, boulevardlastig und oft allein an der Schlagzeile orientiert.“            

Vorige Woche hatte er seiner Mannschaft zwei freie Tage gegeben. Das kommt selten vor. Der ungewöhnliche Freiraum bedeutet nicht, dass der Sportlehrer aus Leidenschaft es 48 Stunden aushalten würde, ohne über Fußball nachzudenken. An diesem kalten Dezembermorgen hatte er den allwöchentlichen Pressetermin am Bistrotisch vorm Trainerzimmer eilig um eine Stunde vorverlegen lassen. Auf dem Kopf trug er eine lustige Zipfelmütze, an der Hand lief die fast zweijährige zweite Tochter Kim, und vielleicht, weil der Vater der Kleinen ein gutes Vorbild sein wollte, begrüßte er die Handvoll Reporter ausnahmsweise sogar lächelnd mit Handschlag. Das kommt selten vor. Normalerweise reicht  Tuchel ein distanziertes „Hallo“, ehe er sich in Schräglage an den hohen Tisch zu lehnen pflegt, stets abwehrbereit, um die Fragen zu parieren.

Ehrgeizig, anstrengend, ungeduldig, fordernd

Seit ein paar Monaten wohnt er mit seiner Frau Sissi und den beiden Kindern in einem Haus mit Garten in der Mainzer Oberstadt. Von da sind es nur acht Minuten zum Training. Auch den Anfahrtsweg betrachtet der Diplom-Betriebswirt unter ökonomischen Maßgaben. Da will einer  beim Fußball lehren keine Zeit verlieren. Die Fahrt vom Sonnenberg in Wiesbaden nach Mainz war im zähen Verkehr zu mühsam gewesen. Dreieinhalb Jahre Bundesligageschäft sind nicht spurlos am unermüdlichen Schaffer vorbeigegangen: Der „Spielertrainer“ (Kicker) ist sichtbar schmaler geworden.    

Die dreieinhalbjährige Tochter Emma ist an diesem Morgen im Kindergarten, um die kleine Kim kümmert sich der Vater – und delegiert die Betreuung für den Medientermin an Pressechef Tobias Sparwasser. In diesem Kleinod fühlt sich Thomas Tuchel wohl: „Der Trainer wird hier nicht nur geduldet, weil die Ergebnisse stimmen, sondern soll genau so sein, wie er ist.“ Tuchel ist ehrgeizig, anstrengend, ungeduldig, fordernd, er kann rüde kritisieren und einfühlsam aufbauen, er ist ein Besser-Macher für die Spieler, er gibt alles, und er erwartet, dass die Profis alles geben, um die „Willensziele“ zu erreichen. „Ich sehe mich in der Dienstleistungsfunktion und würde mich in der Hierarchie ganz unten einordnen“, sagt er in bewusstem Understatement. Sein Job sei es, den Spielern dafür das richtige Werkzeug zur Verfügung zu stellen: „Der Werkzeugkasten soll voll sein, den fülle ich gemeinsam mit den Spielern, und die können sich daraus dann bedienen.“

Freilich nicht, ohne zuvor einige exakte Bedienungsanleitungen vom Meister Tuchel vorgegeben bekommen zu haben:  „Gegen den Ball gibt es überhaupt keine Freiheiten. Mit Ball gibt es Leitplanken, in deren Rahmen jeder Spieler sich für seine individuelle Lösungsmöglichkeit entscheiden kann“  Tuchel,  beim nächsten Mainzer Gegner VfB Stuttgart Anfang des Jahrtausends zum Jugendtrainer ausgebildet,  nutzt dabei die Erkenntnisse der modernen Fußball-Wissenschaft – und treibt sie selbst voran.

Der Einser-Absolvent beschreibt sich dennoch als „Fußball-Romantiker“. Einen Bundesligaklub zu prägen, sei eine echte Aufgabe: „Ich denke nicht in klassischen Strukturen, dass ich unbedingt den nächsten Schritt machen und einen Pott hochhalten muss.“ Interviews gibt er immer seltener (aber Samstag ist er zu Gast im Sportstudio),  Privilegien für die Fachpresse oder den Boulevard vermeidet er tunlichst. Er steht am Handy nicht zur Verfügung, dafür aber nahezu jeden Dienstag in kleiner Runde. Zur Not sogar dann, wenn er väterliche Pflichten zu erfüllen hat.

Persönliche Scharmützel mit Reportern hat er minimiert, ebenso wie überflüssige Auseinandersetzungen mit Schiedsrichtern und deren Assistenten. Sein Jähzorn bricht zwar hin und wieder aus, er weiß ihn aber mittlerweile besser zu zähmen. Und er ist noch jung genug, sich auch auf diesem Gebiet zu einem großen Trainer zu entwickeln.   

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