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08. Mai 2012

Manipulationen in der Türkei: Fußballverband spricht Klubs von Schiebung frei

 Von Timur Tinç
Anhänger des türkischen Fußball-Clubs Fenerbahce Istanbul demonstrieren vor einem Gericht in Silivri (Türkei) für die Freilassung des Fenerbahce-Präsidenten Aziz Yildirim (Archiv). Foto: dpa

Nach monatelangen Ermittlungen lässt der türkische Fußballverband im Manipulationsskandal plötzlich Milde walten. Das dürfte die Uefa auf den Plan rufen: In der Folge könnte dem gesamten türkischen Fußball der Ausschluss aus allen Uefa-Wettbewerben drohen.

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Zehn Monate hat der türkische Fußballverband (TFF) benötigt, um festzustellen, ob in der Süper-Lig Spiele manipuliert worden sind oder nicht. Eine Ethikkommission wurde eingerichtet, die einen mehrere Ordner umfassenden Bericht verfasste. Am vergangenen Dienstag präsentierte Verbandspräsident Yıldırım Demirören das Ergebnis: Es habe keine erfolgreichen Manipulationsversuche gegeben.

Beiläufig verwies er darauf, dass der Verband Änderungen an den Statuten vorgenommen habe. Zeitgleich veröffentliche die TFF auf ihrer Webseite die Änderung des Paragrafen 58. Nach dessen ursprünglicher Fassung wurde der Versuch einer Manipulation mit dem Zwangsabstieg der beteiligten Klubs und mehrjährigen bis lebenslangen Sperren der betreffenden Personen bestraft.

Der modifizierte Paragraf sieht zwar immer noch einen Zwangsabstieg vor, die Strafe kann jedoch – je nach Schwere des Vergehens – zur Bewährung ausgesetzt oder mit Punktabzügen und Geldstrafen sanktioniert werden. Allen Beobachtern war nun klar: Kein Verein wird vom Disziplinarausschuss des Verbandes (PFDK) bestraft werden.

Staatsanwälte ohne Nachsicht

Am Montag bestätigte sich diese Einschätzung. Kein Verein habe sich schuldig gemacht, lediglich zehn Personen werden ein bis drei Jahre suspendiert, weil sie versucht hätten, Spiele zu manipulieren. Darunter sind drei Vorstandsmitglieder von Fenerbahçe Istanbul. Fenerbahçe-Präsident Aziz Yıldırım, der Hauptangeklagte, für den die türkische Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von 147 Jahren fordert, wurde vom Disziplinarausschuss von jeglicher Schuld freigesprochen.

Seit dem 3. Juli waren bei Polizei-Razzien insgesamt 93 Personen kamerawirksam festgenommen und verhört worden, weil sie Spiele verschoben haben sollen – darunter Profis, Trainer und hochrangige Funktionäre. Acht Monate lang hatte die Polizei „eindeutige Hinweise gesammelt“, so ein Polizeisprecher damals. Seit Februar läuft der Prozess der Istanbuler Staatsanwaltschaft gegen acht Klubs, die Spiele manipuliert oder dies zumindest versucht haben sollen.

Am tiefsten war der letztjährige Meister Fenerbahçe Istanbul in den Skandal verwickelt. Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino erklärte bei der Generalversammlung des europäischen Fußballverbands im März, die passenderweise in Istanbul abgehalten wurde, dass es „klare Beweise“ gebe und der Verband handeln müsse.

Deshalb war Fenerbahçe die Teilnahme an der Champions League in dieser Saison von der TFF untersagt worden. Vor dem Start des Kongresses hatte sich Uefa-Boss Michel Platini mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan getroffen. Der bat den Franzosen, die betroffenen Klubs ungestraft davonkommen zu lassen und nur die Betrüger persönlich zu bestrafen. „Das ist nicht die Vorgehensweise der Uefa“, erteilte Platini dieser Bitte jedoch eine deutliche Absage.

„Beleidigung der Intelligenz“

Dass der türkische Verband nun Erdoğans Wunsch entsprach, wird die Uefa erneut auf den Plan rufen. Nicht nur müssen betroffenen Klubs von dieser Seite massive Strafen fürchten, dem gesamten türkischen Fußball könnte der Ausschluss aus allen Uefa-Wettbewerben drohen. Für mehrere Jahre. Diese Gefahr hat auch Galatasaray Istanbul erkannt und in einer Pressemitteilung den Rücktritt der gesamten Verbandsspitze gefordert. Mit 15 anderen Klubs war Galatasaray in die Zuständigkeit des Disziplinarausschusses überstellt worden, obwohl er als einziger Topverein nichts mit dem Manipulationsskandal zu tun hatte. „Die Entscheidungen des Verbandes sind eine Beleidigung für die Intelligenz der türkischen Öffentlichkeit und eine Ignoranz der Gerechtigkeit“, heißt es in der Mitteilung des Klubs.

Am Sonntag kommt es ausgerechnet zwischen Fenerbahçe und Galatasaray zum Entscheidungsspiel um die türkische Meisterschaft. Egal, wer sich den Titel sichern wird, die Teilnahme am europäischen Wettbewerb nächste Saison ist nach der Weißwäscher-Aktion des Verbands mehr als ungewiss. Die erhoffte Ruhe wird so nicht einkehren. Das Gegenteil ist zu befürchten.

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