Heinrich Schmidtgal steht beim Länderspiel-Doppelpack zwischen Deutschland und Kasachstan besonders im Fokus. In dem einen Land ist er aufgewachsen, in dem anderen geboren. Als er noch für den Zwetligisten Rot-Weiß Oberhausen spielte, erhielt er erstmals eine Berufung fürs kasachische Nationalteam. Beim 0:3 im Oktober 2010 in Astana stand er auf dem Platz, mittlerweile hat der 27-jährige Profi der SpVgg Greuther Fürth zehn Länderspiele absolviert.
Sie sind in der Stadt Issyk in der ehemaligen Sowjetunion, heute Kasachstan geboren, heißen aber mit Vornamen Heinrich? Wie kam das?
Mein Großvater hieß so. Es ist grundsätzlich so, dass die Namen weitergegeben werden.
Das klingt für einen kasachischen Nationalspieler sehr deutsch. Sie kommen aus einer Familie von Russlanddeutschen, die bereits 1988 nach Westfalen zog. Da waren Sie zwei Jahre alt. Was bedeutet Ihnen ein Länderspiel zwischen Kasachstan und Deutschland?
Von der Reiserei ist das zwar ein bisschen strapaziös, denn es ist keine kurze Strecke nach Kasachstan, aber ich bin sehr gerne dort. Es ist das neungrößte Land der Erde, in dem nur 16 Millionen Menschen leben. Es gibt wunderschöne Landschaften mit Bergen und Seen. In den Städten ist vielleicht nicht alles so bunt und die Menschen sind eher ruhig, aber es ist toll dort.
Wie gut kennen Sie das Land? Der erste Anruf kam vom damaligen Nationaltrainer Bernd Storck. Dann haben Sie erst im September 2010 für das Heimatland ihrer Eltern debütiert und auch den kasachischen Pass bekommen.
Ich habe das damals mit meiner Familie und Freunden besprochen, und ich war schnell angetan davon, das zu machen. Ich habe das nicht bereut. Ich gebe jedoch zu, dass ich mich nach der ersten Einladung doch relativ fremd gefühlt habe. Aber das hat sich geändert: Meine Eltern und Verwandten haben mir noch mehr erzählt, ich war jetzt fünf- sechsmal in Kasachstan: Mich macht das stolz für das Land zu spielen, in dem ich geboren bin, in dem meine Vorfahren ihr ganzes Leben verbracht haben. Und ich habe noch einen Onkel, der dort lebt und den ich besucht habe. Natürlich steckt ein Stück Kasachstan in mir.
Fühlen Sie sich denn in dieser Nationalmannschaft heimisch?
Wir haben zuhause noch viel Russisch gesprochen und diese Sprache beherrsche ich ganz gut. Das Gute ist, dass innerhalb des Nationalteams auch fast ausschließlich Russisch gesprochen wird. Das ist ein großer Vorteil, denn die kasachische Sprache hat eher einen Touch Türkisch. Da würde ich nicht viel verstehen - so bin ich super integriert.
Und jetzt wahrscheinlich der wichtigste Ratgeber für die Mitspieler und das Trainerteam?
Ach, was soll ich den Jungs von Lahm, Schweinsteiger oder Götze erzählen? Die verfolgen alle die Bundesliga, die wissen, was die Deutschen können. Da muss ich nicht noch den Aufklärer spielen. Für mich ist das viel schwieriger, wenn ich mich über die kasachische Liga informieren will: Da muss schon genau wissen, auf welchen Internetseiten man stöbert (lacht).
Wie stark ist denn die kasachische Liga?
Ich würde das so zwischen zweiter und dritter Liga in Deutschland ansiedeln. Ein paar Teams könnten wohl auch in der zweiten Bundesliga mithalten. Für kasachische Verhältnisse verdienen Fußballer daheim kein schlechtes Geld.
Ist der Kunstrasen in Astana ein großer Vorteil für ihre Mannschaft?
Wir kennen diese Bodenverhältnisse besser, das stimmt. Es ist ein sehr guter Kunstrasen, nicht zu hart und nicht zu weich. Aber für Deutschland ist das sicher kein Nachteil, denn die haben ja einige dabei, die einen Ball gut laufen lassen können…
…also hat Kasachstan in beiden Spielen keine Chance?
Es wird brutal schwer. Ergebnistechnisch und punktetechnisch. Da müssen wir realistisch sein. Wir wollen uns den Fans gut präsentieren. Wir können kein Offensivfeuerwerk abbrennen, sondern möchten ein paar Nadelstiche setzen. Es soll einfach eine schöne Geschichte werden.
Auf welchen kasachischen Nationalspieler sollte der deutsche Fernsehzuschauer achten?
Auf mich! (lacht). Im Ernst: Wir haben keine wirklich herausragenden Kräfte. Konstantin Engel von Energie Cottbus bringt noch eine ähnliche Vita wie ich ein.
Am Dienstag steht bereits das Rückspiel an. Ihre Mannschaft fliegt von Sonntag auf Montag nach Nürnberg. Besser kann es für Sie ja nicht sein: Der Dienstag wird gewiss zum großen Familientreff der Schmidtgals, oder?
Ja, das kann man wohl sagen. Ich habe bestimmt 30 Karten besorgen müssen. Klar ist, dass meine Eltern auf der Tribüne sitzen und all meine vier Brüder, die 23, 31, 34 und 36 Jahre alt sind. Die wollen alle den Zweitjüngsten spielen sehen.
Und auf eine Überraschung hoffen? Für Sie ist das ja wieder ein Heimspiel…
…oh, davon darf ich nicht sprechen. Wir spielen doch in Nürnberg. Ich wohne zwar nur zehn Kilometer von dem Stadion entfernt, aber an der Stadtgrenze zu Nürnberg und Fürth. Und ich bin ja Fürther. Aber klar, die Konstellation ist für mich perfekt. Ich kann nach dem Spiel direkt nach hause und bin viel früher im Bett als alle meine Kollegen.
Wo werden Sie überhaupt nächste Saison spielen?
Mein Vertrag läuft aus, es gab erste lose Gespräche mit der Spielvereinigung. Ich möchte gerne in Deutschland bleiben. Aber ich kann mir schon vorstellen, meine Karriere eventuell in Kasachstan ausklingen zu lassen. Das hätte etwas.
Interview: Frank Hellmann
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