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21. März 2013

Nationalmannschaft gegen Kasachstan: „Jede Mannschaft braucht einen Killer“

Mario Gomez glaubt an seine Chance. Foto: Getty Images

Mittelstürmer Mario Gomez von Bayern München kann die aktuelle Stürmerdiskussion in der Nationalmannschaft durchaus nachvollziehen, sieht seine Position dadurch aber nicht entscheidend geschwächt.

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Mittelstürmer Mario Gomez von Bayern München kann die aktuelle Stürmerdiskussion in der Nationalmannschaft durchaus nachvollziehen, sieht seine Position dadurch aber nicht entscheidend geschwächt.

Mario Gomez ist zwar seit Jahren der auf höchstem Niveau treffsicherste deutsche Fußballprofi, aber der Mittelstürmer mit der Top-Torquote musste sich dennoch daran gewöhnen, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Inzwischen geht er im persönlichen Gespräch auffällig entspannt damit um. Zum Beispiel auch beim Interview im Teamhotel der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor dem Abflug zum WM-Qualifikationsspiel am Freitag (19 Uhr) in Kasachstan. Denn der 27-Jährige weiß gute Argumente auf seiner Seite: nämlich Tore.

Herr Gomez, Sie haben am Samstag in Leverkusen ein starkes Tor gemacht: Brustannahme an der Mittellinie, zwei Leute umkurvt, präziser Flachschuss. Das sah sehr modern aus!

Ihre Schilderung hört sich so an, als ob das total ungewöhnlich gewesen sei. Der ein oder andere wird sich aber schon erinnern, dass ich sehr, sehr gefährlich bin, wenn ich Platz nach vorne habe. Das habe ich bei Bayern München natürlich nicht mehr ganz so oft. Wie willst du in einen solchen Lauf kommen, wenn du am 16-Meter-Raum den Ball bekommst? Das würde dann in der Fankurve enden, und das geht natürlich nicht (lacht).

Könnte man daraus schließen, dass das Bayern-Spiel Ihnen nicht entgegenkommt?

Finden Sie nicht, dass die vergangenen drei Jahre dagegen sprechen?

Anders gefragt: Wundern Sie sich, dass Sie weder im Verein noch in der Nationalmannschaft das Standing haben, das dieser Quote entspricht?

Ich glaube nicht, dass das etwas mit meiner Person zu tun hat. Es ist halt der Lauf der Zeit, dass derzeit sehr intensiv über die Stürmer diskutiert wird.

Der FC Barcelona wird als beispielhaft für eine Taktik ohne echten Stürmer gepriesen. Das dürfte Ihnen weniger gefallen?

Ich finde, Barcelona kann nicht als beispielhaft gelten. Denn es stimmt nicht, dass Barca ohne Mittelstürmer spielt. Lionel Messi ist ein totaler Mittelstürmer. Er hat zwar nicht meine Statur, aber er ist bestimmt kein falscher Neuner. Er ist ein richtiger Neuner und dazu noch ein Spielmacher. Messi schießt Tore ohne Ende. Wenn einer 60, 70 Tore im Jahr schießt, dann ist er ein Killer. Ich glaube, jede Mannschaft braucht einen Killer, unabhängig davon, ob der groß oder klein, schwer oder leicht ist. Romario war auch ein kleiner Stürmer und hat gebombt ohne Ende.

Wie sieht es in der deutschen Nationalmannschaft aus?

Da haben wir auch drei, vier Spieler, die ähnlich spielen können wie Messi: Mario Götze, Marco Reus, Mesut Özil. Das sind auch quirlige Spieler, die torgefährlich sein können. Aber sie machen keine 60, 70 Tore pro Saison wie Messi das tut.

Also werden Sie nach wie vor dringend benötigt?

In den engen Topspielen, in denen nicht viele Tore fallen, hilft jedenfalls ein Spieler, der das Toreschießen in sich hat.

Aber Bundestrainer Joachim Löw hat gesagt, die Zukunft seien kleine, wendige Stürmer. Das läuft nicht gerade auf Sie hin!

Er wird vermutlich nur dann ohne Miro Klose oder mich spielen, wenn die anderen Tore schießen. Irgendwann benötigt jede Mannschaft einen, der Tore schießt. Sonst gewinnst du nämlich kein Spiel.

Also braucht man Sie auch am Freitag in Kasachstan?

Der Trainer wird entscheiden, was er will: ob er auf die kleinen quirligen Spieler setzt oder ob er vorne einen drin haben will, der die Tore schießt. Gegen solche Mannschaften ist es ganz wichtig, das 1:0 zu erzielen und Ruhe zu haben. Man wird sehen, wie er sich entscheidet.

Würden Sie es als eine Art Misstrauensvotum empfinden, wenn der Bundestrainer Sie auf die Bank setzt?

Nein, warum?

Weil Sie der einzige Stürmer im Kader sind.

Wieso sollte das ein Misstrauensvotum sein? Es ist doch egal, wie viele Stürmer es gibt. Es hängt vom System ab, für das man sich entscheidet. Ich fühle mich daher in dieser Diskussion nie persönlich angegriffen. Über welches Niveau sprechen wir denn? Sowohl der FC Bayern als auch die Nationalmannschaft spielen auf Weltklasseniveau. Bei uns gibt es Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, die sich ihrer Sache sicher sein können. Der Rest muss kämpfen. Es ist ein ständiges Sich-neu-beweisen, es bringt nichts, was man irgendwann geleistet hat.

Ballack für Kahn

Das ZDF hat Michael Ballack als Ersatzmann für den verhinderten TV-Experten Oliver Kahn engagiert. Der ehemalige Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft analysiert als Gast von Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein das Spiel in Kasachstan aus dem Mainzer Fernsehstudio. Bei dem TV-Einsatz von Ballack handelt es sich laut ZDF um einen Einzelfall. „Er hat sofort zugesagt, worüber wir uns sehr gefreut haben“, sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. Kahn befindet sich derzeit wegen seiner Stiftung in Südafrika. Ballack war während der EM 2012 bereits Experte beim US-Sender ESPN.

Wie sehr ermüdet es Sie, dass Sie sich immer wieder irgendwie rechtfertigen müssen?

Gar nicht. Die deutsche Nationalmannschaft hat nun einmal sehr viele sehr gute Offensivspieler. Da ist es doch klar, dass diese Diskussion kommt. Wieso nicht? Ich denke, dass der Trainer auch abhängig vom Gegner entscheiden wird, wen er braucht. Und man darf auch nicht vergessen: Mindestens 95 Prozent der Topteams im Weltfußball spielen immer noch mit einem richtigen Stürmer. Und 99 Prozent der Trainer sind froh, wenn Sie einen Killer im Team haben. Was ich sagen will, um die Relationen mal zurechtzurücken: In der Öffentlichkeit nimmt das Thema gerade hundert Prozent ein, auf dem Platz vielleicht drei Prozent.

Würden Sie sich mehr Vertrauen wünschen?

Ich erfahre extrem viel Vertrauen von meinen Trainern. Die öffentliche Diskussion wird ja nicht von Jupp Heynckes und Joachim Löw geführt.

Wissen Sie denn schon, wie viel Vertrauen Pep Guardiola in Sie hat?

Das wird für mich erst im Sommer interessant.

Würden Sie nicht jetzt schon gern mal wissen, ob Guardiola mit Ihnen plant?

Nein, jetzt haben wir März und noch viel vor in dieser Saison.

Ist es wirklich so, dass Sie das total ausblenden können?

Ich habe keine Existenzängste. Und ich weiß, dass ich noch immer sehr, sehr gefragt bin. Ich kann sehr ruhig und sehr gut schlafen.

Sie haben das Vertrauen der Trainer angesprochen. Spüren Sie das auch von Seiten der Vereinsführung?

Ich habe bei den Bayern gelernt, dass extrem viel spekuliert, extrem viel geredet und geschrieben wird. Es gibt doch jedes Jahr aufs Neue diese Diskussion: Kommt ein neuer Stürmer oder nicht? Irgendwann gewöhnst du dich daran. Ich glaube, die Situation für den Verein ist nicht einfach. Man will sich die Türen nicht zuschlagen, aber man will auch nicht alles kommentieren. Wie gesagt: Ich bin völlig entspannt und versuche bis zum Saisonende, alles rauszuholen. Wir sind auf einem guten Weg, wir haben große Chancen, einiges zu erreichen. Und dann ist Mai, und dann wird man sehen, was passiert.

Verzweifeln Sie nicht manchmal, denn bei den Bayern gibt es ja auch noch Mario Mandzukic, an dem es kein richtiges Vorbeikommen gibt?

Es kann immer so viel passieren. Es gibt Sperren, es gibt Verletzungen. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass ich plötzlich vier Monate ausfalle.

Sie waren früher nicht nur Fan von Barcelona, sondern auch von Frankfurt. Was hat Sie an der Eintracht fasziniert?

Ich war extremer Jay-Jay-Okocha-Fan. Mein ganzes Zimmer war volltapeziert mit seinen Postern. Für mich ist eine Welt zusammen gebrochen, als Jupp Heynckes damals die drei besten Spieler rausgeworfen hat (Okocha, Anthony Yeboah und Maurizio Gaudino, Anm. d. Red.). Er wird seine Gründe gehabt haben – als Kind habe ich sie nicht verstanden. Jetzt muss ich oft schmunzeln: Damals hat Heynckes meinen Traum platzen lassen – jetzt ist er mein Trainer.

Dann sind Sie umgeschwenkt auf Barcelona?

Nein, Barcelona-Fan war ich schon immer. Meine ganze Familie war für Real Madrid – ich fand es langweilig, dass alle für die gleiche Mannschaft rufen. Also hab ich mir Barcelona ausgesucht, denn dort spielte ein Stürmer, der fast so hieß wie ich: Romario. Das war dann mein Lieblingsspieler.

Haben Sie noch einen Bezug zu Armin Veh, Ihrem Meistertrainer im Stuttgarter Sensationsjahr 2007?

Wir haben keinen engen Kontakt. Aber ich verfolge immer, was er macht, weil er beim VfB Stuttgart für mich ein sehr besonderer Trainer war. Ich freue mich extrem, dass er nach den schwierigen Situationen in Wolfsburg und Hamburg jetzt wieder zeigen kann, dass er damals nicht zufällig mit uns Deutscher Meister geworden ist.

Sein Anteil war also groß?

Er ist ein richtiger Fußballfachmann. Und er hat eine Art, mit der man zurechtkommt oder eben nicht. Er ist sehr geradlinig und immer ehrlich. Er hat uns nicht immer gelobt – aber wir wussten immer, woran wir sind. Einer jungen Mannschaft, wie wir es damals waren, tat das sehr gut. Deshalb freue ich mich jetzt sehr für Eintracht Frankfurt. Gute Kombination: mein ehemaliger Trainer, mit dem ich sehr gut kann, plus der Verein, mit dem ich als Kind gefiebert habe. Schön, dass sie für so große Furore sorgen.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller

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