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22. Januar 2013

NFL Superbowl: John Magath gegen Jim Klopp

 Von Wolfgang Hettfleisch
Ravens-Coach John Harbaugh lässt sich feiern. Foto: dpa

Die Brüder John und Jim Harbaugh treffen sich im Superbowl, als Trainer der Kontrahenten Baltimore und San Francisco. So ähnlich sie sich optisch sind, so unterschiedlich geben sie sich am Spielfeldrand: Der eine ist eine Art amerikanischer Quälix, der andere ein Klopp auf Speed.

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Während der Vorbereitungen für das Spiel seiner Baltimore Ravens bei den New England Patriots nahm sich John Harbaugh am Sonntag die Zeit, auf der Video-Leinwand des Stadions in Foxborough die letzten Minuten im anderen Halbfinale der National Football League zu verfolgen. Er sah zu, wie die San Francisco 49ers in Atlanta durch einen 28:24-Sieg über die gastgebenden Falcons ihr Ticket für die Super Bowl am 3. Februar in New Orleans buchten. Dann baute sich der Raben-Dompteur vor einer Kamera auf und schickte Grüße ins ferne Georgia: „Glückwunsch, Jim. Du hast es geschafft. Du bist ein toller Trainer. Ich liebe dich.“

15 Monate auseinander

Liebe ist im Verhältnis zwischen NFL-Coaches eher selten im Spiel. Es gibt gar grimmige Feindschaften wie die zwischen Patriots-Trainer Bill Belichick und Rex Ryan, seinem Kollegen von den New York Jets. John Harbaughs Worte aber kamen von Herzen. Der 50-Jährige kennt den Trainer der 49ers schon dessen ganzes Leben lang: Es ist sein 15 Monate jüngerer Bruder Jim.

Ein paar Stunden später war die Familienzusammenführung im Mississippi-Delta amtlich. Die Ravens hatten die favorisierten Patriots mit 28:13 bezwungen. John und Jim Harbaugh können sich nun zwei Wochen lang Gedanken darüber machen, wie sie den Bruder im Spiel aller Spiele aufs Kreuz legen können. Ein passender Spitzname für das große Finale im Superdome von New Orleans ist damit auch schon gefunden: HarBowl.

Wie Jürgen Klopp auf Speed

Rein optisch ist es gar nicht so einfach, die Söhne eines College-Footballtrainers auseinanderzuhalten, die ihre Teams schon vor einem Jahr in die sogenannten Championship Games der Ligahälften AFC und NFC geführt hatten, am Einzug ins Finale aber jeweils knapp gescheitert waren. So frappierend die äußerliche Ähnlichkeit der Brüder ist, so unterschiedlich ist ihr Ruf als Coach. John, der Ältere, gilt als eine Art Felix Magath unter den NFL-Trainern. Der gläubige Katholik verhängt schon mal abendliche Ausgangssperren und ist jedweder Kumpanei mit seinen Spielern unverdächtig.

49ers-Coach Jim Harbaugh nach dem Erreichen des Superbowls.
49ers-Coach Jim Harbaugh nach dem Erreichen des Superbowls.
Foto: REUTERS

Der 49-jährige Jim Harbaugh führt sich während der Spiele seiner Mannschaft auf wie Jürgen Klopp auf Speed. Die Zornausbrüche und Ausdruckstänze des früheren NFL-Quarterbacks an der Seitenlinie sorgen in den USA regelmäßig für Spott – und Topwerte bei Youtube. Auch gegen Atlanta gab der jüngere Harbaugh-Bruder wieder eine Kostprobe seiner Kunst, als die Schiedsrichter kurz vor Schluss die zweifelhafte Ballannahme eines Falcons-Receivers absegneten. Lippenleser kommen bei Harbaugh, dem Zweitgeborenen, ebenfalls auf ihre Kosten. Das Verhältnis des Wüterichs zu seinen Spielern gilt, auch das eine Parallele zu Klopp, als innig. Das mag auch dem Erfolg geschuldet sein. Jim Harbaugh, als NFL-Spielmacher einst auch für die Ravens am Ball, hat das, was sie im US-Sport gern „magic touch“ nennen: ein goldenes Trainer-Händchen. Nachdem sich der etatmäßige 49ers-Quarterback Alex Smith am neunten Spieltag dieser Saison eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte, durfte dessen Stellvertreter Colin Kaepernick ran – und blieb der Spielmacher des fünfmaligen Meisters, als Smith wieder fit war.

Viele Fans in San Francisco verstanden die Welt nicht mehr, denn Smiths Bilanz bis zu seiner Verletzung war glänzend gewesen. Das Murren wich bald ungläubigem Staunen, dann purer Begeisterung. Kaepernick, dessen muskelbepackte Oberarme von eintätowierten Bibelzitaten übersät sind, wirft nicht nur präzise, er sprintet obendrein schneller als mancher Wide Receiver. Nach fehlerlosen Auftritten wie gegen die Falcons oder spektakulären wie in der Woche zuvor gegen die Green Bay Packers, als er unfassbare 181 Yards erlief, gilt der 25-Jährige als kommender Superstar der Liga. Nach Smith fragt niemand mehr. Jim Harbaugh, der Hasardeur, ein Exot in der Gilde der traditionell strukturkonservativen und risikoscheuen NFL-Cheftrainer, hatte Recht behalten – mal wieder.

Seine Mission ist nicht erfüllt. Jetzt steht der ältere Bruder im Weg, der schon in beider Kindheit Vorbild und Rivale zugleich war. „Ich bin nicht halb der Trainer, der er ist“, hatte der Jüngere vor wenigen Tagen erklärt. Das stimmt schon deshalb, weil John Harbaugh seit fast 30 Jahren im Trainergeschäft ist. Als ihm die Ravens 2008 den Cheftrainerposten anboten, hatte er die Ochsentour absolviert – erst im College-Football, dann in unterschiedlicher Funktion bei diversen NFL-Teams.

Jim nahm die Überholspur. Die Lehrjahre bei Vater Jack, ein Crashkurs als Quarterback-Coach der Oakland Raiders und eine Erfolgsbilanz als Trainer der Elite-Uni Stanford genügten, damit ihn 2011 der Ruf der damals sportlich schwer angeschlagenen Goldhelme aus San Francisco ereilte.

Die 49ers haben eine makellose Super-Bowl-Bilanz: fünf Endspiele, fünf Titel. Nummer sechs werde folgen, sagen Fachleute. Es sind dieselben, die überzeugt waren, die Patriots (und zuvor die Denver Broncos) würden nie und nimmer von den Raben verspeist. Sicher ist nur: Setzt nach dem HarBowl in New Orleans der Konfettiregen ein, werden sich zwei Brüder in den Armen liegen – der eine wird glücklich, der andere untröstlich sein.

Freudentaumel: Baltimores Terrell Suggs lässt sich abklatschen. Foto: REUTERS

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