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05. September 2012

Paralympics: Besser per Elektroschock

 Von Ronny Blaschke
Besser per Elektroschock  Foto: Getty

Mit der Bedeutung der Paralympics wächst die Versuchung zu dopen. Beim Boosting geht das ohne Medikamente - indem sich Sportler gezielt verletzen.

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Mit der Bedeutung der Paralympics wächst die Versuchung zu dopen. Beim Boosting geht das ohne Medikamente - indem sich Sportler gezielt verletzen.

Steffi Nerius schaute nach links, nach rechts, sie blickte in ahnungslose Gesichter. Boosting? Davon habe sie noch nicht gehört. Die Speerwurf-Weltmeisterin von 2009 und dreimalige Olympia-Teilnehmerin betreut in London neun deutsche Paralympics-Teilnehmer. Sie hat sich intensiv mit dem Thema Doping im Behindertensport befasst. Dass sie auf einer Pressekonferenz über den Antidopingkampf noch etwas lernen kann, hätte sie nicht gedacht. „Jeder Athlet sollte sich ein Team aufbauen, damit man Sicherheit hat“, sagte Nerius. Der Aufklärungsbedarf ist groß.

"Boosting" seit 1994 untersagt

Mehr als 4200 Athleten nehmen an den Paralympics teil, Einnahmen und Einschaltquoten brechen Rekorde. Wächst damit die Versuchung der Manipulation? „Boosting ist ein Thema, über das man sprechen sollte“, sagt Jürgen Kosel, Chefarzt des deutschen Teams. Von Boosting wird gesprochen, wenn sich Athleten absichtlich selbst verletzen, um Blutdruck und Herzfrequenz zu steigern – und so die körperliche Belastungsfähigkeit. Bei Sportlern mit Rückenmarksschädigung macht der Körper eine natürliche Steigerung nicht mehr mit. In einer anonymen Umfrage des Internationalen Paralympischen Komitees bei den Paralympics 2008 in Peking gaben 17 Prozent der Befragten zu, Boosting genutzt zu haben. Sie brechen sich Zehen, geben sich Elektroschocks, klemmen sich die Hoden ein. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert eine Studie von 1994, wonach Rollstuhlfahrer durch Boosting auf 7,5 Kilometer knapp zehn Prozent schneller waren. Seit 1994 ist die Methode offiziell untersagt, doch die Einhaltung des Verbots ist kaum zu kontrollieren.

Epo noch nicht entdeckt

Für London hatte das IPC 1250 Dopingkontrollen angekündigt, so viele wie nie zuvor. Das soll abschrecken, doch eine hohe Kontrolldichte führt nicht zwangsläufig zu einer hohen Trefferquote. „Es ist sinnvoll, vor allem während der Trainingsphase zu kontrollieren und nicht nur oder überwiegend im Wettkampf“, sagt Mario Thevis von der Sporthochschule Köln. 1984 hatte es erstmals Tests bei Paralympics gegeben, 21 Athleten wurden bei den vergangenen drei Sommer-Paralympics des Dopings überführt, 18 im Gewichtheben. Meist ging es um anabole Steroide. Das teure Blutdopingmittel Epo wurde noch nicht entdeckt. Nach Olympischen Spielen werden Proben acht Jahre aufbewahrt, nach Paralympics nur wenige Monate – aus Kostengründen.

Aufklärung tut not

Die Kontrollmethoden seien ausbaufähig, sagt Solveig Wörzberger, Referentin für Sportmedizin und Antidoping im Deutschen Behindertensportverband: „Unsere Kaderathleten haben schon lange die gleichen Pflichten wie die Kaderathleten im Deutschen Olympischen Sportbund, und die gleiche Verbotsliste.“ Der DBS führt seit zwanzig Jahren Kontrollen durch, seit 2008 begleitet durch die Nationale Antidoping-Agentur. Eine deutliche Zu- oder Abnahme von Dopingfällen ist nicht zu erkennen. 2010 und 2011 wurden jeweils nur zwei Sportler ertappt. Bleibt im System, das aus Kostengründen nur die Spitzenathleten regelmäßig kontrolliert, Missbrauch unentdeckt?

Qualität der Kontrollsysteme schwankt

2011 konnten sieben Athleten ihren Positiv-Befund aufheben lassen: Ihnen waren wegen ihrer Behinderungen Medikamente gestattet, die auf der Verbotsliste stehen. Etwa Diuretika, die das Gewicht reduzieren und die Einnahme anderer Substanzen verschleiern; oder Betablocker, die die Konzentrationsfähigkeit verbessern. Einer Studie der Uni Münster zufolge ist Doping im Behindertensport vor allem ein Problem der Aufklärung. Daher setzt der DBS auf Prävention, verteilt Broschüren bei Nachwuchswettkämpfen und organisiert Fortbildungen für Trainer: In Kathetern kann eine Vermischung des Urins mit Darmbakterien Spuren vermeintlichen Dopings erzeugen. Die Datenbank, die den Aufenthaltsort der Athleten für Kontrolleure speichert, ist für blinde Sportler nicht zugänglich. Und die Qualität der Kontrollsysteme in den Paralympics-Nationen ist höchst unterschiedlich.

Im Deutschen Haus in London berät Apothekerin Kerstin Neumann die Paralympier, sie verweist auf Spuren in Nahrungsergänzungsmitteln. Steffi Nerius ist froh, selbst keine Beipackzettel mehr studieren zu müssen.„Meine Sportler haben es da nicht so leicht“, sagt sie. „Sie sind sehr vorsichtig und stellen viele Fragen.“ Sie hat nicht immer eine Antwort.

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