Am Ende eines wechselvollen Wochenendes gelangt Werner Spinner zu einer simplen Erkenntnis: „Für uns ist die Akte Kevin Pezzoni geschlossen. Wir konzentrieren uns wieder ganz auf das Fußballspiel unserer tollen Mannschaft“, teilt er am Sonntag mit. Der Präsident des 1. FC Köln behält sich aber vor, Kevin Pezzoni auf Rückzahlung der vom Klub gezahlten Abfindung zu verklagen, nachdem der 23-Jährige in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ schwere Vorwürfe gegen die Klubführung erhoben hatte.
Pezzoni: "Ich wollte nie meinen Vertrag auflösen"
Entgegen der Darstellung des Vereins, der Vertrag sei infolge von Drohungen gegen den Spieler und weiteren Ereignissen in der Vergangenheit in „bestem gegenseitigem Einvernehmen“ aufgelöst worden, sagt Pezzoni: „Ich wollte nie meinen Vertrag auflösen. Die Vereinsverantwortlichen haben sich wohl beraten und dann den Vorschlag unterbreitet, den Vertrag aufzulösen. Das war für mich ein schwerer Schlag.“
Pezzoni wirft der Klubführung vor, ihn nach den Bedrohungen in diversen Facebook-Gruppen und vor seiner Haustüre nicht ausreichend verteidigt zu haben: „Ich hatte gehofft, dass die Verantwortlichen sich hinter mich stellen und versuchen, mich zu schützen. Das war in diesem Fall nicht so.“ Pezzoni glaubt sogar, der Verein habe „nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um mich loszuwerden“.
Köln stellt Pezzonis Glaubwürdigkeit in Frage
Der Klub reagierte auf die Vorwürfe mit einer Mitteilung, die die Überschrift „Schutz von Kevin Pezzoni“ trägt und mit der Karnevalsschlägerei im Februar 2012 beginnt. „Wir stehen Kevin Pezzoni zur Seite, verurteilen diese schändliche Tat und erwarten, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird“, hatte Claus Horstmann damals für den Klub erklärt. Nicht diese Haltung, wohl aber der Vorgang entpuppte sich als ziemliche Lüge, was jetzt auch der FC mitteilt, um Pezzonis Glaubwürdigkeit zu erschüttern: „Für einen Zusammenhang zwischen der Gewalttat und gewalttätigen Fans des 1. FC Köln, wie ursprünglich von Kevin Pezzoni behauptet, gibt es offensichtlich keine Hinweise“, heißt es in dem Statement, „nach dem uns bekannten Status der Ermittlungen ist der Angriff vermutlich auf private Beziehungsumstände zurückzuführen.“
Die Mitteilung endet mit einer Aussage des Geschäftsführers Claus Horstmann: „Die von ihm nun erhobenen Vorwürfe sind substanzlos, unangebracht und schaden ihm selbst am meisten. Kevin Pezzoni ist vermutlich enttäuscht, da es insbesondere in Gesprächen mit seinem Vater immer wieder unterschiedliche Auffassungen zwischen dem 1. FC Köln und ihm gegeben hat.“ Schilderungen, wonach sich Pezzoni in einer SMS nach der Vertragsauflösung „ausdrücklich für die Unterstützung bedankt hat“, greifen erneut die Glaubwürdigkeit des Spielers an.
Weitere Details
Horstmann schilderte am Sonntag ein paar Details über die offenbar schon lange schwierige Zusammenarbeit mit dem Spieler: „Vor einigen Wochen bat mich sein Vater, eine Prämie der Vorsaison auszuzahlen. Dabei hatte Kevin nur 14 der erforderlichen 15 Spiele gemacht. Wären davon zehn über 90 Minuten gewesen, hätte ich zugestimmt. Da der Spieler aber überwiegend Kurzeinsätze hatte, haben wir die Prämie nicht gezahlt.“ Auch ein zuvor abgeschlossener Privat-Kontrakt mit einem Schuh-Hersteller habe für Ärger gesorgt. Der Klub hatte Pezzoni aufgefordert, diesen Vertrag zu kündigen. Der Spieler und sein Berater, Vater Franco, akzeptierten, waren aber „nicht erfreut“. Schließlich schlussfolgert Horstmann: „Wenn Pezzoni keine Auflösung gewollt habe, hätte er nicht unterschreiben sollen.“
Pezzoni erklärt, er habe den Vertrag aufgelöst, weil er nicht in einem Verein bleiben wolle, der in „solch einer Situation nicht für den Spieler kämpft, sondern ihm die Vertragsauflösung anbietet. Was hätte ich zu erwarten gehabt? Meine Situation wäre nicht besser geworden. Wer weiß, ob nach dem nächsten schlechten Spiel die Typen plötzlich in meiner Wohnung gestanden hätten statt nur davor.“
Ausschreitungen der Fans, Attacken auf Spieler, Jagdszenen auf der Autobahn: Der Fußballstandort Köln hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Negativmomente erlebt.
Foto: dapdHorstmann ist inzwischen von der Sprachregelung des Klubs abgerückt. Bislang hatte er erklärt, der FC Köln habe mit der Vertragsauflösung „der ausdrücklichen Bitte Kevin Pezzonis“ entsprochen. Nun sagt er: „Der Spieler ist am Mittwoch, 29. August, zu uns gekommen, weil er sich nicht mehr zutraute, im Spiel gegen Cottbus aufzulaufen. Die für ihn schlechtere Alternative zur Vertragsauflösung wäre gewesen, ihn aus dem Kader zu streichen. Deswegen haben wir uns auf die Vertragsauflösung geeinigt.“ Auch nach den neuen Vorwürfen und Klarstellungen bleiben einige Details unklar:
- Warum zahlte der verschuldete Klub Pezzoni eine Abfindung von 150000 Euro, wenn der den FC verlassen wollte?
Horstmann erklärte nur, der Klub „habe sich großzügig gezeigt“.
- Warum wurde Stanislawski beauftragt, die Umstände der Trennung mit den Bedrohungen durch Fans zu begründen („Es sind Dinge vorgefallen, die Kevin Pezzoni das Fußballspielen in diesem Klub nicht mehr ermöglichen“)?
Stanislawski stand da womöglich unter dem frischen Eindruck der Erzählungen Pezzonis, der das Gespräch mit dem Trainer gesucht hatte. Zwei Tage später allerdings widersprachen Präsident Werner Spinner und Claus Horstmann dieser Darstellung in einem handschriftlich unterzeichneten Brief an die Mitglieder: „Es ist absurd anzunehmen, der FC kapituliere vor aggressivem Verhalten einzelner Störer, wie zunächst behauptet wurde.“ Pezzoni sagt dazu: „Stanis Schutz hat nicht gereicht. Im Gegenteil: Als er sich hinter mich gestellt hat, wurde er selbst attackiert. Das tat mir sehr leid für ihn.“
- Wer hat die Vertragsauflösung vorgeschlagen? Horstmann wich einer Antwort am Sonntag im Sport1-„Doppelpass“ aus: „Wer zuerst das Wort Vertragsauflösung in den Mund genommen hat, ist irrelevant.“
Widersprüchliche Aussagen
Frühere Aussagen der sportlichen Leitung entsprechen eher den Schilderungen Pezzonis. So sagte Holger Stanislawski nach dem Cottbus-Spiel: „Ich habe Pezzo auch gesagt, dass es Zeit ist, das Buch hier zu schließen.“ Am Dienstag sagte Frank Schaefer: „Wir haben uns intensiv mit Pezzo und seinem Vater unterhalten und sind zu der Entscheidung gekommen, dass ein Punkt erreicht ist, wo man sagen muss: Es macht einfach keinen Sinn mehr – es ist für alle Beteiligten, insbesondere für Kevin, das Beste, wenn er jetzt einen neuen Start macht.“. Seit Tagen widersprechen sich die FC-Verantwortlichen in der Schilderung des Ablaufs. Kölns Kaderplaner Jörg Jakobs bestätigte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass der Verein einige Gründe der Vertragsauflösung bislang nicht kommuniziert hat: „Die ganze Geschichte hat einen speziellen Verlauf. Ob wir den schildern, wird man sehen. Auch, ob das der ganzen Sache dienlich ist.“
Spinner hatte unter der Woche erklärt, es sei „ein ehernes Gesetz, dass der FC sich mit allen Möglichkeiten für seine Spieler einsetzt“. Pezzoni erklärte dazu: „Wenn ich diese Unterstützung gespürt hätte, wäre ich heute noch in Köln.“
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