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12. November 2009

Psychologe Thomas Schnelzer: "Der letzte Ausweg"

Thomas Schnelzer ist Diplom-Psychologe. Der Dozent ist Autor der Broschüre Trauernde trösten. Foto: privat

Der Psychologe Thomas Schnelzer spricht im FR-Interview über den Suizid von Robert Enke und darüber, wie ein solcher Schicksalsschlag zu verarbeiten sei. Den Ausdruck Freitod hält er für völlig unangemessen. Fotostrecke: Trauer um Robert Enke Fotostrecke: Die Karriere von Torhüter Robert Enke

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Herr Schnelzer, Robert Enke hat seine Depression jahrelang verschwiegen. Warum ist diese Krankheit so ein Tabuthema?

In unserer Gesellschaft ist die sogenannte Event-Kultur weit verbreitet, das bedeutet Spaß und gute Stimmung. In diese geistige Landschaft passen Depressionen und negative Gefühle nicht hinein. Depression heißt für viele, keine Leistung mehr bringen zu können. Darüber spricht man lieber nicht. Die Leute reden von Burn-out. Das gesteht man dem gestressten Manager schon mal zu. Das ist ein beschönigendes Wort für eine depressive Erkrankung. Die bekommen nach landläufiger Meinung aber nur die Schwachen. Früher hat man von Wochenbett-Depression gesprochen, heute heißt das Baby-Blues.

Robert Enke hat Selbstmord begangen. Gibt es Hinweise auf eine Suizid-Gefährdung?

Viele psychische Leiden gehen einher mit einer erhöhten Suizidalität, insbesondere Depressionen. Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Aussagen wie "Ich sehe keinen Sinn mehr, ich habe keine Zukunft mehr", sind ernste Hinweise. Wir sprechen von einer depressiven Triade. Der Mensch hat eine schwarze Brille auf. Er sieht keinen Ausweg mehr. Zehn bis 15 Prozent depressiv Kranker töten sich selbst.

Wie können Freunde und Angehörige so einen Tod verarbeiten?

Einen Suizid zu verarbeiten, ist ein hoher Anspruch. Wichtig ist, ein angemessenes Verständnis von Suizid zu bekommen. Ein Mensch tut so etwas nicht aus freien Stücken, sondern unter dem immensen Druck eines schweren seelischen Leidens. Deshalb ist der Ausdruck Freitod völlig unangemessen. Wer so etwas tut, ist kein böser egoistischer Mensch, sondern ein leidender Mensch. Angehörige können so auch unweigerlich aufkommende Schuldgefühle besser verarbeiten. Selbst für Psychotherapeuten ist es eine große Herausforderung, Suizid-Gefahr zu erkennen. Suizide kommen auch in psychiatrischen Kliniken vor.

Wir waren überrascht, dass seine Frau an der Pressekonferenz teilgenommen hat.

Sie hat von der Krankheit gewusst. Beide sind untereinander damit offen umgegangen. Möglicherweise ist dabei auch schon das Thema Suizid-Gefahr auf den Tisch gekommen. Wir alle wissen, dass vor drei Jahren beider Tochter gestorben ist. Zu einem Zeitpunkt, da Robert Enke schon länger unter Depressionen litt. Wir wissen, dass depressive Menschen Verlusterlebnisse ganz besonders schlecht verarbeiten.

Welche Art von Trauer hilft den Kollegen in der Nationalmannschaft und in Hannover, um ihre Fassungslosigkeit zu überwinden?

Gespräche sind immer hilfreich. Wichtig ist, das tabubedingte Schweigen über die Krankheit und über den Suizid durch offenen Austausch zu durchbrechen. Aktives Totengedenken hilft, etwa ein Bild aufstellen. Manche schreiben Briefe: "Was möchte ich Robert Enke noch mitgeben?" Jeder sollte offen seine Gefühle ausdrücken. In einem Ritual können die Trauernden dann die zu Papier gebrachten Gedanken verbrennen. Jeder sollte sich aber auch sachlich über Suizid informieren. Das ist der letzte Ausweg aus einem schweren seelischen Leiden. Depression ist eine potentiell lebensbedrohliche Erkrankung. Mit Freitod hat das nichts zu tun. Selbstmord ist auch falsch, weil das moralisierend annimmt, jemandem Schuld anlasten zu können. Man hat es nicht mit einem bösen Menschen zu tun.

Das Spiel der Nationalmannschaft ist abgesagt worden. Ist das ein richtiges Zeichen?

Ein Suizid ist ein plötzlicher, völlig unerwarteter Tod. Den Gedanken, dieser Mensch kommt nicht wieder, den muss ich erst einmal an mich heranlassen. Es braucht Zeit, das Gefühl der Trauer zu verarbeiten. Die haben die Spielerkollegen nun. Die Absage des Spiels ist eine angemessene Lösung, ein Zeichen des Respekts vor Robert Enke. Ein Signal, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen, nicht einfach weiterzumachen wie bisher. Depressive Menschen sind oft sehr einfühlsame, sehr charaktervolle Personen. Das Innehalten ist ein Zeichen der Ehre für Robert Enke.

(Interview: Jürgen Ahäuser)

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