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04. Januar 2013

Rassismus im Fußball: Boateng denkt an Abschied aus Italien

 Von Matti Lieske
Kevin-Prince Boateng. Foto: REUTERS

Sein Vertrag läuft noch bis 2014. Doch Kevin-Prince Boateng denkt nach dem Rassismus-Eklat bei einem Testspiel des AC Mailand gegen den Viertligisten Aurora Pro Patria über einen Abschied aus Italien nach.

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Sein Vertrag läuft noch bis 2014. Doch Kevin-Prince Boateng denkt nach dem Rassismus-Eklat bei einem Testspiel des AC Mailand gegen den Viertligisten Aurora Pro Patria über einen Abschied aus Italien nach.

So viel Zuspruch dürfte Kevin-Prince Boateng bisher selten erhalten haben in seiner Karriere. „Wir sind alle Boateng“, verkündete etwas schwülstig die Gazzetta dello Sport, und von überall her kamen Glückwünsche. Der Präsident des italienischen Fußballverbandes, Giancarlo Abete, lobte den 25-Jährigen ebenso wie Nationaltrainer Cesare Prandelli.

„Ich bin stolz auf dich“, twitterte Nuri Sahin von Real Madrid. „Gut gemacht, Bruder“, übermittelte der englische Nationalspieler Shaun Wright-Phillips, und, man glaubt es kaum, selbst Marco Materazzi, Zinédine Zidanes Kopfstoßopfer vom WM-Endspiel 2006, beteiligte sich an den Lobeshymnen: „großartiger Prince“.

Geduldsfaden gerissen

Dabei war dem Berliner, der in Deutschland seit dem üblen Foul an Michael Ballack vor der WM 2010 noch immer als böser Bube gilt, nur widerfahren, was ihm häufiger passiert: Ihm riss der Geduldsfaden. Von der ersten Minute des Testspiels seines AC Mailand beim Viertligisten Aurora Pro Patria an waren Boateng und einige schwarze Mitspieler am Donnerstag rassistisch beschimpft worden.

In der 26. Minute schnappte sich Boateng den Ball und drosch ihn mit voller Wucht in Richtung der Beleidiger, traf aber nur die Tribünenbegrenzung. Dann riss er sich das Trikot vom Leibe und schritt vom Platz, gefolgt von seinem gesamten Team. Die Partie war beendet.

Oft war in der Vergangenheit über die Möglichkeit einer solchen Aktion diskutiert worden, auch bei der EM 2012, doch es war das erste Mal in Italien, dass es tatsächlich passierte. Eigentlich ist der Schiedsrichter angehalten, bei massiven rassistischen Beschimpfungen das Match zu beenden, was so gut wie nie geschieht.

In einem Ligaspiel der Serie A wären Boateng und seine Kollegen daher sicher bestraft worden. Ein Testspiel wie jenes im Mailänder Vorort Busto Arsizio hingegen lieferte die perfekte Bühne, um ein Zeichen zu setzen gegen den allgegenwärtigen Rassismus in Italiens Fußball.

Rechtsnationalistische Elemente

Trotz seines prägnanten Namens aus dem Jahr 1919 hat der Verein Pro Patria keine besonders berüchtigte Gefolgschaft, aber, wie bei den meisten Klubs des Landes, gibt es rechtsnationalistische Elemente unter den Tifosi. Verein und Fanklub distanzierten sich eilig von den Vorfällen, letzterer gab die Schuld „vier Schwachsinnigen“ im Publikum. Ein paar mehr waren es schon, etwa zwanzig bis dreißig, auf Filmaufnahmen leicht zu erkennen und bereits Objekt polizeilicher Ermittlungen.

Es tue ihm leid für die mehr als 2000 Zuschauer, darunter viele Familien mit Kindern, die ein schönes Spiel sehen wollten, sagte Milan-Coach Massimiliano Allegri, aber: „Man muss mit diesem unzivilisierten Verhalten aufräumen.“

Der in Italien durchaus beliebte Kevin-Prince Boateng bedankte sich per Twitter für die Unterstützung: „Das bedeutet mir sehr viel.“ Aurora Pro Patria bedankte sich auch: für einen neuen Rekord an Klicks auf der vereinseigenen Webseite.

Boateng erwägt Abschied

Inzwischen denkt Kevin-Prince Boateng sogar über seinen vorzeitigen Abschied aus Italien nach. „Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich werde jetzt drei Nächte darüber schlafen und mich nächste Woche mit meinem Berater Roger Wittmann treffen. Dann muss man schauen, ob es weiter Sinn macht, in Italien zu spielen“, sagte der 25-Jährige vom AC Mailand der Bild-Zeitung (Samstagausgabe).

Er sei über den Vorfall sauer, traurig und geschockt gewesen, sagte Boateng: „Dass so etwas im Jahr 2013 noch passiert, ist eine Schande - nicht nur für Italien, sondern für den Fußball auf der ganzen Welt. Ich wollte ein Zeichen setzen für die ganze Welt, dass es so nicht weiter geht.“

Er hob hervor, dass man Rassismus nicht mehr tolerieren dürfe. „Weggucken ist einfach, Handeln schwieriger. Aber ich hätte das auch in der Champions League beim Spiel gegen Real Madrid gemacht - und werde es immer wieder tun“, sagte Boateng, der bei Milan noch bis 2014 unter Vertrag steht. (mit sid)

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