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23. Mai 2012

Schach-WM: Teuflische Tricks in 17 Schach-Zügen

 Von Hartmut Metz
Es ist zum Haare raufen: Boris Gelfand verliert bei der Schach-WM in Rekordzeit.  Foto: dpa

Die achte von zwölf Partien der Schach-WM entschädigt für die vorherige Langeweile: Boris Gelfand verliert in nur 17 Zügen gegen Viswanathan Anand. Schneller hat noch nie ein Spieler bei einer Schach-WM verloren.

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Boris Gelfand sah noch zerzauster aus als sonst. Vergräbt der Israeli bei jedem Zug ohnehin stets seinen Haarschopf tief in den Händen, bestand am Montagabend in der Tretjakow-Galerie Anlass, richtig gerupft zu wirken. In nur 17 Zügen kassierte der Herausforderer von Viswanathan Anand die schnellste Niederlage in der Geschichte der Schach-Weltmeisterschaften seit 1886! Der bisher so handzahme „Tiger von Madras“ bewies in der achten von zwölf Partien in Moskau endlich Biss und glich nach der Vortagesschlappe zum 4:4 aus.

Die Kommentatoren rätselten, wie es zu diesem Missgeschick kommen konnte. Jan Nepomniachtschi geißelte Gelfand: „Man muss nach einem Sieg mit den schwarzen Steinen solider spielen“, tadelte der russische Großmeister den 43-Jährigen aus Rishon LeZion und suchte gleich nach einer Erklärung für dessen Patzer. „Boris spürte vielleicht, dass sein Gegner kaum Zuversicht ausstrahlte und wollte ihm den K.o. verpassen.“

Das ging gründlich daneben, obwohl Gelfand nach dem Führungstreffer in 38 Zügen „acht Stunden exzellent durchgeschlafen“ hatte, während der Titelverteidiger laut eigener Aussage schon merklich ruhigere WM-Nächte durchlebt hatte.

Schach-WM zunächst prächtiges Einschlafmittel

Keine Überraschung, denn der mit 2,55 Millionen Dollar dotierte Wettbewerb war bis zur Halbzeit ein prächtiges Einschlafmittel. Die WM sei ein „PR-Desaster“ schimpfte der ukrainische Großmeister Michail Golubew nach den sechs Remis am Anfang. Beide spielten ähnlich offensiv wie Chelsea im Champions-League-Finale gegen Bayern München. War alles doch zu harmonisch? Arteten frühere WM-Zweikämpfe meist zum Psychokrieg aus, mögen sich die beiden netten wie humorvollen Typen – vor Jahresfrist beschenkten sich die fast gleichaltrigen Väter jeweils bei der Geburt ihrer Söhne.

Aber plötzlich erwachten sie doch. Schuld war wie bei den Fußballern die Führung. Gelfand bezwang zum ersten Mal seit 1993 wieder den Spitzenspieler der OSG Baden-Baden in einer Turnierpartie mit klassischer mehrstündiger Bedenkzeit. Nun befand sich Anand plötzlich unter Zugzwang. Der angeschlagene Inder wollte nicht ganz ausschließen, dass er endlich „aggressiver“ zu Werke ging.

Auf jeden Fall witterte er im Gegensatz zum Weltranglisten-20. die fette Beute: die schwarze Dame. Die fraß einen weißen Turm auf dem rechten Eckfeld h1. Nach einem weißen Sicherungszug mit der eigenen Dame vom Feld d2 nach f2 war der stärksten feindlichen Figur der Rückzug abgeschnitten. „Ich sah nur den Damenzug von d2 nach f4 – der nach f2 entging mir völlig“, räumte Gelfand entnervt ein.

Anand hatte zwar auch erst den schwachen „Damenzug gen f4 wie Boris“ analysiert, erspähte aber den teuflischen Trick hingegen schon früh im 11. der 17 Züge!

Keiner verlor schneller bei einer WM

Boris Gelfand tritt an gegen Viswanathan Anand (re.).
Boris Gelfand tritt an gegen Viswanathan Anand (re.).
 Foto: AFP

Für den unterlegenen Israeli war es ein schwacher Trost, dass der frühere Vizeweltmeister Peter Leko und Nepomniachtschi ihn in der Kommentatorenbox zunächst für sein mutiges Spiel gelobt hatten. Beide Großmeister übersahen ebenso Anands Gewinnzug, der die schwarze Dame nicht mehr aus ihrem Gefängnis entkommen ließ. Schneller hatte noch nie ein Spieler bei einer WM verloren, nimmt man Bobby Fischers kampflose Erstrunden-Niederlage 1972 beim „Kampf des Jahrhunderts“ gegen Boris Spasski aus.

Den unrühmlichen Rekord hielt bis dahin Johannes Zukertort bei der ersten offiziellen WM vor 126 Jahren gegen Wilhelm Steinitz. Er büßte im 19. Zug plumper als Gelfand die Dame ein und gab sofort auf.

Die zweite Spielhälfte in Moskau könnte die Fans für die vorherige Langeweile entschädigen. In der neunten von zwölf Partien hat Gelfand heute wieder mit Weiß Aufschlag. Sollte das Match am Montag 6:6 stehen, folgt mittwochs die Verlängerung mit vier Schnellschach-Partien. Welche Dramen sich dabei abspielen können, weiß der Israeli seit Samstag. Nachdem sich der Barcelona-Fan im Vorjahr das Champions-League-Finale gegen Manchester United live in Wembley gönnte, schaute er sich Bayern gegen Chelsea auf dem Bildschirm an.

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