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10. März 2010

Schiedsrichter-Chef Volker Roth: Herr der Schattenwelt

 Von Frank Hellmann
Betretene Gesichter: Schiedsrichter-Chef Roth (re.) und sein designierter  Nachfolger Herbert Fandel haben schwere Zeiten hinter und vor sich. Foto: Imago

Das Schiedsrichterwesen ist reformbedürftig - weil Volker Roth seine Zunft in Krisenzeiten wie eine Art Geheimbund führt. Von Frank Hellmann

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Kritik am DFB

Die öffentliche Kritik an DFB-Präsident Theo Zwanziger in der Affäre um Manfred Amerell wächst. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, sagte, dass es dem Fußball nicht gut tue, "wie die ganze Diskussion geführt wird". Der Geschäftsführer von Werder Bremen, Klaus Allofs, äußerte: "Der DFB hat sich in dieser Angelegenheit überschätzt. Ich finde, man ist da zu sehr vorgeprescht. Jetzt sind eine ganze Reihe von Fakten dazugekommen, die die Angelegenheit sehr kompliziert machen." Nürnbergs Manager Martin Bader unterstellte dem Verband "nicht das beste Krisenmanagement". (dpa)

Das Spiel ist aus. Jedenfalls gilt das für Volker Roth, den Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses, wenn am Freitag zur Mittagsstunde in den Räumlichkeiten der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) der Tagesordnungspunkt "Neustrukturierung des Schiedsrichterwesens" auf den Tisch kommt. Die Beschlussvorlage für die Präsidiumssitzung hat federführend Roths designierter Nachfolger Herbert Fandel erarbeitet - gemeinsam mit Lutz Fröhlich und Hellmut Krug, Roths Intimfeind aus der Schiedsrichterabteilung der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Das Trio soll künftig für Offenheit, Transparenz und Toleranz stehen - Eigenschaften, die der Zunft in den fünf dreijährigen Amtsperioden Roths, der 1995 das Erbe von Johannes Malka antrat, abgingen.

Mittlerweile wird über Roths vorzeitigen Rücktritt spekuliert, der entweder schon am Freitag oder bei einem vorgezogenen Bundestag am 30. April erfolgen könnte. Der DFB möchte sich zur Person Roth derzeit nicht äußern, doch die Frage stellt sich: Ist ein Schiedsrichter-Chef noch im Amt zu halten, wenn er am 17. Dezember 2009 von Michael Kempter persönlich mit den Vorwürfen gegen den damaligen Sprecher und Talentförderer Manfred Amerell konfrontiert wurde, aber erst einen Monat später seinen Präsidenten Theo Zwanziger informierte? Roth beteuert, er habe sich in dem Fall nichts zuschulden kommen lassen - eine seltsame Eigenwahrnehmung des 68-Jährigen, der zusammen mit Amerell und Lehrwart Eugen Strigel das Schiedsrichterwesen als "Geheimbund" führt, wie DFL-Boss Reinhard Rauball kritisiert hat. Hinter dieser Äußerung steckte zum einen das Bestreben, die Schiedsrichter am liebsten unter DFL-Kuratel zu stellen, zum anderen aber auch viel Wahrheit.

Referees sagen unverblümt, dass Widerspruch gegen den Führungsstil der Troika nach Gutsherrenart nicht geduldet wurde. Und am Ende hatte immer Roth Recht - so schilderte es Zwanziger. "Man hat stark dazu geneigt zu denken: Der Chef ist der Chef, und der Chef entscheidet." Zwanziger, selbst schwer unter Beschuss, klagte unlängst offen über die "klassischen Männerstrukturen". Und: "Das oberste Gebot ist, nur nicht das eigene Nest zu beschmutzen."

Informationen abgeschottet

Roth erschuf in seiner Amtszeit einen Staat im Staate und sträubte sich gegen jede Einmischung. Der eigentlich zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch wurde zu wichtigen Themen weder gehört noch in sie eingeweiht - die Kempter-Amerell-Affäre wurde komplett von ihm ferngehalten. Daraufhin trat der Jurist zurück. Dazu stellte der DFB offiziell fest, dass Roth sehr wohl Koch hätte informieren müssen. Konsequenzen zog der Verband indes keine - weil man Roth partout einen ehrenvollen Abgang beim Bundestag im Oktober in Essen ermöglichen wollte?

In Krisenzeiten schottete Roth sich gerne ab. Für die Öffentlichkeit war er nur über einen Festnetzanschluss seines Großhandelsunternehmens für Stahl und Sanitärartikel in Salzgitter erreichbar. Medienschelte war ihm aber ein stetes Anliegen. Ganz so, als dürfe es in der guten Welt der Schiedsrichter nichts Böses geben. Ein Irrglaube, der spätestens mit dem bestechlichen Robert Hoyzer enttarnt wurde. Auch im ersten großen Wettskandal soll Roth Informationen verschleppt haben, doch an ihn wagten sich die DFB-Bosse nicht heran - der Chef von fast 80 000 Schiedsrichtern erschien zu mächtig.

Der in Chemnitz geborene Roth hat eine Musterkarriere hinter sich. Mit Vollendung des 16. Lebensjahres pfiff er sein erstes Spiel. Bis er am 6. Mai 1972 seine erste Bundesligapartie leitete, vergingen weitere 14 Jahre - damals lag das Mindestalter dafür bei 30. In 129 Ligaspielen zückte er nur zweimal die Rote Karte.

Rot zeigte Roth bei seinem Karrierehöhepunkt. Im EM-Eröffnungsspiel 1984 zwischen Frankreich und Dänemark (1:0) stellte er den Franzosen Manuel Amoros vom Platz. Nun macht Roth erstmals wohl selbst die bittere Erfahrung, ein Spiel nicht zu Ende bringen zu dürfen.

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