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19. November 2011

Schiedsrichter: Rafatis Suizidversuch verstört die Fußball-Szene

 Von Wolfgang Hettfleisch und Jan Christian Müller
Der Selbstmordversuch von Babak Rafati sorgt für Entsetzen. Foto: imago sportfotodienst

Der Suizidversuch von Babak Rafati sorgt für hilflose Reflexe in einer Branche, die ihre Unschuld verloren hat. Die Erinnerung an den Tod von Robert Enke ist präsent.

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Wolfgang Mierswa spricht von „tiefer Betroffenheit“. Man hört: Der Selbstmordversuch des 41-jährigen Babak Rafati aus Hannover geht dem Boss der niedersächsischen Schiedsrichter an die Nieren. Mierswa kennt Rafati, der bislang 84 Bundesligaspiele pfiff, seit fast 30 Jahren. „Wir werden versuchen, ihm jetzt zur Seite zu stehen und tun, was wir können“, sagt Mierswa. Rafati sei ein „hoch geschätzter Kollege“ und außerdem „ein Mann, der mit dem, was er auf dem Platz leistet, immer sehr selbstkritisch umzugehen pflegt“.

Auch wenn Mierswa die Gründe für die Verzweiflungstat des Bankkaufmanns Rafati noch nicht kennt, so wird der ehemalige Bundesliga-Referee doch grundsätzlich. Es sei künftig umso mehr Aufgabe der DFB-Schiedsrichter-Kommission und der Verbands-Schiedsrichterausschüsse, „dafür zu sorgen, dass unsere Schiedsrichter von uns gestärkt werden, wenn sie von der Öffentlichkeit respektlos behandelt werden“. In den Medien und von den Fans werde viel zu wenig wahrgenommen, „wie sehr einem Schiedsrichter ein Fehler schon auf dem Platz unter die Haut geht“.

Mit Bestürzung reagierte DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel in einer kurzen, von den Agenturen verbreiteten Stellungnahme auf das, was sich in einem Kölner Hotel zutrug: „Wir Schiedsrichter sind alle tief betroffen. Das wichtigste ist zunächst, dass es Babak Rafati gesundheitlich schnell wieder bessergeht..“ Am Sonntag waren die höchsten deutschen Schiedsrichterfunktionäre für diese Zeitung nicht erreichbar.

Rafati war "geraume Zeit sehr niedergeschlagen"

Die DFB-Schiedsrichterkommission hatte kürzlich entschieden, dass Rafati seinen erst 2008 als Nachfolger von Markus Merk gewonnenen Platz unter den zehn deutschen Top-Schiedsrichtern auf der Fifa-Liste in der kommenden Saison verlieren wird − so wie der gleichaltrige Bayer Peter Sippel. Manuel Gräfe (30) und Marco Fritz (33) rücken nach. Neben einer notwendigen Verjüngung haben dabei auch Leistungskriterien eine Rolle gespielt.

Rafati hatte zu Jahresbeginn 2011 sehr betroffen gewirkt, nachdem er beim Spiel 1. FC Nürnberg gegen Borussia Mönchengladbach mit seinen Entscheidungen gleich mehrfach völlig danebengelegen und so nicht unerheblich zur 0:1-Niederlage der Nürnberger beigetragen hatte. Der Job als Unparteiischer kann brutal sein. „Er war damals geraume Zeit sehr niedergeschlagen“, berichtet ein Szenekenner.

Vorschnelle Schlüsse, weshalb Rafati sich am Samstagmorgen in der Badewanne seines Hotelzimmers im Kölner Hyatt Hotel die Pulsadern aufschnitt, sollte deshalb niemand ziehen. Auch persönliche Gründe können nicht ausgeschlossen werden. Rafati gehört nicht zu den aktuell unmittelbar der Steuerhinterziehung verdächtigen Schiedsrichtern. Sein Vater sagte dem Kölner Express, er könne „nicht verstehen, warum Babak das getan hat“.

Druck und Alarmzeichen

Der noch am Samstag nach Köln geeilte DFB-Präsident Theo Zwanziger schürte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in der Kölner Fußballarena aber Vermutungen, die Motive für den Suizidversuch könnten unmittelbar mit der Situation des Deutschen iranischer Abstammung als Bundesliga-Schiedsrichter zu erklären sein: „Der Druck auf unsere Schiedsrichter ist ungeheuer hoch, und wir schaffen es einfach nicht, das in die richtige Balance zu bringen.“ Es gebe doch „im Leben viele andere liebens- und lebenswerte Facetten, man darf sich nicht in eine Sache so stark hineinbewegen, dass man zum Schluss in eine ausweglose Situation gerät.“

Niedersachsens Schiri-Boss Wolfgang Mierswa findet: „Das war ein Alarmzeichen sondergleichen, das da gesetzt wurde.“ Für ihn gilt das unabhängig von der Klärung der Frage, was Rafati zu diesem Entschluss veranlasst hatte. „Wir müssen nun hoffen, dass das, was ihn so sehr belastet hat, dass es zur Ausweglosigkeit führte, transparent wird und man ihm helfen kann, diese Sorgen letztendlich zu nehmen“, erklärte Zwanziger am Samstag. Mierswa ergänzt: „Ich hoffe, dass diesmal nicht, wie bald nach dem Tod von Robert Enke, wieder zur Tagesordnung übergegangen wird.“

Vor diesem Hintergrund erhalten die Worte des Berliner Außenverteidigers Christian Lell besonderes Gewicht. Nach dem Spiel seiner Hertha beim SC Freiburg, in dem der Unparteiische Markus Wingenbach kurz vor Schluss einen Treffer der Freiburger nicht anerkannt hatte und danach von mehreren Spielern bestürmt worden war, sagte Lell: „Ich finde es tragisch, dass immer alles auf den Schiedsrichter reduziert wird. Der hat sein Bestes gegeben. Das kotzt mich langsam an.“

Wingenbach sei „den Tränen nahe gewesen, als er den Platz verlassen“ habe, berichtete Lell. Man lasse „die Schiris alleine mit ihren Entscheidungen. Und dann wundert man sich. Das sind doch auch nur Menschen“. Lell will das nicht länger mitmachen. „Ich werde mich aktiv dazu bekennen, auf und neben dem Platz. Das ist Wahnsinn, wo führt das noch hin?“

Der Selbstmordversuch von Babak Rafati hat die Branche aufgerüttelt.

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