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19. Februar 2013

Schwimmen: „Ich will vor allem Kaizen“

Henning Lambertz in Istanbul. Foto: dpa

Seit dem 1. Januar ist er Schwimm-Bundestrainer: Wie Henning Lambertz alte Strukturen aufbricht.

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Seit dem 1. Januar ist er Schwimm-Bundestrainer: Wie Henning Lambertz alte Strukturen aufbricht.

Henning Lambertz ist seit 1. Januar Chefbundestrainer des Deutschen Schwimmverbandes (DSV). Nach der Enttäuschung von London – erstmals seit 80 Jahren gewann der DSV bei Olympia keine Medaille im Becken – soll er die Wende einleiten. Bis Ende April ist Lambertz zudem weiter Bundesstützpunkt-Trainer in Essen. Zwei Jobs, ein kleines Kind, eine Frau, zwei Hunde und ein geplanter Umzug mit der Familie bedeuten für ihn derzeit: ziemlich Stress. Zeit für ein Gespräch bleibt da nur im Taxi auf der Fahrt von Tegel zur Berliner Europaschwimmhalle, wo ein Treffen der Bundestrainer mit DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow ansteht.

Herr Lambertz, wie viele Klimmzüge schaffen Sie eigentlich?

Lustig, dass Sie das fragen. Wir haben gerade ein Athletik-Screening gehabt. Im Vorgaberhythmus eine Sekunde hoch, eine Sekunde runter, habe ich 14 geschafft. Als Maximum 18 – das geht noch.

Sie haben gerade bemängelt, dass es im Nationalteam Schwimmer gibt, die nicht mal fünf Klimmzüge schaffen. Ist das so schlimm?

Nein, das war eher plakativ gemeint. Ich will den Blick weit lassen und gucken, dass wir alle Bereiche, die uns hinter die Weltspitze haben rutschen lassen, wieder aktualisieren. Der Bereich, den ich im ersten Jahr am meisten im Fokus habe, ist die Athletik. Aber auch wenn ich darauf viel Wert lege, ist das Kilometerschwimmen unser täglich’ Brot.

Sie haben schon immer neue Ideen ins Landtraining eingebracht und Ihre Schwimmer Tae-Bo machen lassen, Gewichtheben, Kickboxen. Worauf können sich Britta Steffen und Co. nun einstellen?

Wir wollen das grundsätzlich zweigeteilt angehen. Britta Steffen und Paul Biedermann sind im Eliteteam. Sie haben in den letzten Jahren gezeigt, dass sie mit dem, was sie machen, so erfolgreich sein können, dass sie in der Weltspitze mithalten oder sie dominieren. Für das Eliteteam werde ich Angebote schaffen, aber die müssen da nicht mitmachen. Wer muss, ist das Perspektivteam. Die zweite Reihe. Da wollen wir angreifen und gucken, dass die sehr, sehr gut ausgebildet werden.

Offen für Neues

Viel Sport: Der diplomierte Sportwissenschaftler Henning Lambertz, 42, hat früher selbst Tennis, Volleyball und Zweitliga-Baseball gespielt, bevor er sich dem Schwimmen zuwandte.

Viele Sportler: Seit 2008 ist Lambertz Bundesstützpunkt-Trainer in Essen. Er betreute Athleten wie Thomas Rupprath, Antje Buschschulte, Sarah Poewe oder aktuell Hendrik Feldwehr und Caroline Ruhnau.

Auf welche Weise?

Unter anderem mit Bootcamps. Unser Athletiktrainer Arthur Jankowski und ich möchten die Schwimmer gern fünf-, sechsmal im Jahr für fünf Tage zusammenholen und erst einmal die Theorie vermitteln. Arthurs Ansatz, den ich super finde, lautet: nur das, was man versteht, nimmt man auch an. Wir wollen nicht sagen, du musst 15 Klimmzüge können, sondern: Wo ist die Assoziation zum Schwimmen. Bei den Bootcamps ist militärischer Drill dabei. Es kann also sein, dass die Sportler mal um fünf Uhr aufstehen müssen. Dass sie sich mal in der Badehose im Schnee bewegen müssen. In Bauchlage. Im Matschparcours. Es ist so angelegt, dass sie in der Athletik fit gemacht werden, aber mit dem größtmöglichen Faktor an Spaß.

Was gehört noch zum Konzept?

Es sind fünf große Säulen: 1. Richtlinien für die unmittelbare Wettkampfvorbereitung zwischen den Deutschen Meisterschaften und dem Saisonhöhepunkt. Da haben wir in der Vergangenheit Schwächen gehabt. Der nächste Punkt 2. ist ein Belohnungssystem statt eines Sanktionssystems. Für mich ist der Sportler, der etwas motiviert tut, weil er es verstanden hat, der erfolgreiche und nicht der, der etwas tut, weil er es muss.

Was kann so eine Belohnung sein?

Wenn ich einen 16 Jahre alten Sportler überzeugt habe, dass es sinnvoller ist, sich einem Bundesstützpunkt anzuschließen, statt beim SV Hückelhoven 05 zu bleiben. Als Belohnung bekommt er zum Beispiel bei der nächsten Kurzbahn-EM eine Wildcard. Oder er muss das Vollinternat nicht voll zahlen. Die vierte Säule ist das Zentralisieren an den Bundesstützpunkten und Großvereinen. Die fünfte Säule ist das Schaffen von zwei Teams. Zum Eliteteam zählen Britta Steffen, Paul Biedermann, Steffen und Markus Deibler im Becken. Dem Perspektivteam gehören zirka 20 Athleten an.

Ihre Ansätze bedeuten, viel mit Athleten und Trainern zu reden.

Ganz wichtig ist die Kommunikation. Da müssen wir am besten fünf, sechs Schippen drauflegen. Es gibt immer noch zu viele Fragezeichen, das höre ich, wenn ich mit den Trainern in der Peripherie spreche. Wir müssen versuchen, mehr und offener zu kommunizieren und alle mitzunehmen.

An diesem Punkt sind die Bundestrainer der Vergangenheit alle gescheitert. Die Trainer-Sportler-Gespanne dachten oft: Was will mir der da oben erzählen? Sind Sie masochistisch veranlagt, weil Sie sich trotzdem an die Aufgabe wagen?

Das haben mich viele gefragt. Aber wenn man in der Vergangenheit genau diese Missstände sieht, dann hat man nur die Möglichkeit zu sagen, es bleibt halt so, oder man glaubt daran, mit langem Atem diese festgefahrenen Strukturen zu ändern. Wenn man den Glauben hat, sollte man es probieren. Vor allem wenn man wie ich im Vorfeld darüber gemeckert hat.

Haben Ihnen die Ergebnisse der Strukturkommission weitergeholfen, die DSV-Präsidentin Christa Thiel nach dem Olympia-Schreck einberufen hat?

Dazu müsste ich sie erst mal kennen. Die Kommission hat getagt, aber ich weiß bis heute keine Ergebnisse. Als Chefbundestrainer ist das natürlich suboptimal.

Sind seit Ihrem Amtsantritt schon viele Hindernisse aufgetaucht?

Wenn es keine Hindernisse gegeben hätte, hätten sich die Leute auf den Job gestürzt. So war es von der Bewerbungslage ja eher dünn. Die Problemdichte ist hoch, sonst wären wir nicht so schlecht.

War der Misserfolg in London gut, um Änderungen anzugehen?

Im DSV sind alle schon lange aufgewacht. Aber uns sind ein bisschen die Hände gebunden. Das, was wir tun müssten, können wir nicht. Weil wir einerseits nicht die finanziellen Möglichkeiten wie andere Länder haben. Und weil unser Schulsystem das nicht hergibt. Es muss sportfreundlicher werden. Wir müssten für Leistungssportler eine Schulzeitstreckung hinkriegen. Wir brauchen Eliteschulen des Sports, die nicht nur so heißen, sondern sich auch so verhalten.

Welches sind Ihre Erwartungen an 2013 und die WM in Barcelona?

Für mich ist der Punkt, an dem ich gemessen werden will nicht der Gewinn von Medaillen. Denn auf dem Weg dorthin kann man viele Dinge tun, die sich nicht sofort niederschlagen. Das klingt vielleicht komisch, aber ich will vor allem: Kaizen. Das ist ein japanischer Ausdruck für Veränderung. Mein größtes Ziel für dieses Jahr bleibt, die Kommunikation zu verbessern. Und dass wir den Spaß wieder in die Nationalmannschaft bringen und nicht mehr wie geprügelte Hunde in die Halle schleichen.

Das Gespräch führte Karin Bühler

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