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08. Januar 2013

Skispringen: Kein Vergleich mit Nykänen

 Von Jörg Winterfeldt
Zwei, eins, drei: Die Podestspringer der Vierschanzentournee Anders Jacobsen, Gregor Schlierenzauer und Tom Hilde (v. l.).  Foto: Getty Images/Agence Zoom/Stanko Gruden

Gregor Schlierenzauers Erfolg ist kein Zufall – kaum jemand arbeitet härter für seinen Erfolg als der Sieger der Vierschanzentournee. Das ist nicht das einzige, was ihn vom bis dato besten Skispringer aller Zeiten unterscheidet.

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Gregor Schlierenzauers Erfolg ist kein Zufall – kaum jemand arbeitet härter für seinen Erfolg als der Sieger der Vierschanzentournee. Das ist nicht das einzige, was ihn vom bis dato besten Skispringer aller Zeiten unterscheidet.

Die Disziplin bleibt nie auf der Strecke. Nicht einmal im Moment des Triumphes, an den sich nur Stunden später die Feierlichkeiten des 23. Geburtstages anschlossen. Gregor Schlierenzauer begeht solche Anlässe wie ein Staatsmann. Das Minimum an Ausgelassenheit, dass sich der Skispringer nach dem Einzelsieg in Bischofshofen und dem erneuten Gesamterfolg bei der Vierschanzentournee gönnte, war eine für seine Verhältnisse ungewohnt jugendliche Schwärmerei im ZDF, „das Scheißding“ nun gleich zwei Mal in Folge gewonnen zu haben. Anschließend bei der kleinen Party mit der Familie und Freundin Sandra auf der Forsthof-Alm war Schlierenzauer wieder ganz Schlierenzauer: „Eigentlich trinke ich mitten in der Saison keinen Alkohol. Ein paar Schluck zum Anstoßen sind aber okay.“

Schmitteinander

Gratulation: Nach dem Ende der Vierschanzentournee geht es für Martin Schmitt am Mittwoch beim Weltcup in Polen weiter. Der Routinier ist zurück ins Team gesprungen und darf sogar auf die WM hoffen. „Martin ist weiterhin im Weltcupteam. Man kann vor ihm nur den Hut ziehen und gratulieren. Er hat nie aufgehört, an sich zu glauben“, sagte Bundestrainer Werner Schuster über den Überraschungs-Zehnten der Gesamtwertung, der zur Tournee nach einjähriger Pause ins Team zurückgekehrt war.

Rotation: „Mein Fazit zur Tournee ist sehr positiv, ich bin rundum zufrieden“, sagte Schmitt, 34, der am Wochenende in Zakopane wieder für Severin Freund und Andreas Wellinger Platz machen wird. Anschließend aber soll er mit nach Sapporo fliegen. „Er blockiert definitiv niemanden“, sagte Schuster. „Im Dezember hat es nicht so ausgesehen, dass er so eine Tournee springen kann. Sein Sieg im Continentalcup in Engelberg hat ihm im Nachhinein erst diese Tournee ermöglicht.“ Sogar die WM Ende Februar in Val di Fiemme scheint für Schmitt noch erreichbar zu sein.

Dabei wäre Überschwang durchaus angebracht gewesen, schließlich hatte er auf der Abschlussstation der Tournee eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er der beste Skispringer der Welt ist. Derzeit ohnehin, der Geschichte wohl auch. Zwar weist der Finne Matti Nykänen mit 46 Erfolgen noch immer einen Weltcupsieg mehr auf, doch ändert sich das womöglich schon morgen, wenn Schlierenzauer in Wisla (Polen) fortfährt mit Skispringen: „Ich habe nach wie vor große Ziele.“

Die Fachleute um Schlierenzauers früheren Trainer Werner Schuster, der heute die deutschen Springer anleitet, oder Alexander Stöckl, der die Norweger zu den härtesten Widersachern getrimmt hat, können ihre Bewunderung nur schlecht verbergen. „Er wird der beste Springer aller Zeiten werden, wie er auftritt, wie er alle Situationen löst, technisch und auf der Schanze, Drucksituationen. Wie er akribisch ständig nach Weiterentwicklung sucht, ist schon einzigartig“, schwärmt Schuster. „Wenn Talent und Arbeitswille aufeinandertreffen, ist das eine unschlagbare Kombination. Bei ihm passt es vom Elternhaus angefangen, vom Umfeld, von den Anlagen, von der Muskulatur, von der Technik, vom Gefühl, von der Einstellung.“

Die Tournee hat gerade das wieder besonders herausgearbeitet, weil Schlierenzauer gezeigt hat, dass er auch Rückschläge und Druck inzwischen routiniert wegsteckt. „Es waren viele Dinge dabei: ein Jacobsen in bestechender Form, die Materialdiskussion, das schwierige Wetter. Dass ich da am Ende oben stehen konnte, ist sensationell“, fand Schlierenzauer. Vor sechs Jahren hatte er in einer ähnlichen Konstellation mit 16 Jahren noch die Tournee an den Norweger Anders Jacobsen verloren.

Mehr auf als ab

Tatsächlich ließ er sich in diesem Jahr nur kurz schockieren, als Jacobsen ihm mit einem geretteten Fastabsturz und zwei Skisprungwundern am Neujahrstag den sicheren Erfolg entriss: „Das Härteste für mich war in Garmisch, als Anders im Finaldurchgang nicht gesprungen, sondern geflogen ist“, gestand Schlierenzauer, „es war schwer, den Sieg aus der Hand zu geben.“

Doch nicht nur das. Auch die Leistungen seiner Mannschaftskollegen hätten ihn verunsichern können. Denn die ruhmreiche österreichische Adlerschar enttäuschte, so dass in Bischofshofen plötzlich ein Nachwuchsmann aus der zweiten Reihe zum großen Auftritt kam: Der junge Stefan Kraft landete als Dritter hinter Schlierenzauer und Jacobsen. Mit wie viel Disziplin sich Schlierenzauer den Triumph nicht mehr nehmen ließ, zeigte er unmittelbar nach seinem ersten Sprung. Er verschwand so schnell aus dem Auslauf, dass die Fernsehregie die Übersicht verlor. Er entfloh dem Regen, denn Wasser durchnässt den Anzug und hätte ihm größeres Gewicht im Finaldurchgang verordnet. Ein Weltklassemann muss an solche Nuancen denken.

So kommt er im derzeitigen Schwebezustand des Skispringens nach den Regel- und Materialänderungen dem Optimum am nächsten. Die Dynamik hat bei der Tournee prominente Opfer gefordert: Der Schweizer Olympiasieger Simon Ammann ringt genauso vergeblich um seine Konkurrenzfähigkeit wie Schlierenzauers Landsleute Thomas Morgenstern und Andreas Kofler. „Diese Saison ist mehr auf und ab“, sagte Schlierenzauers Cheftrainer Alexander Pointner in Garmisch-Partenkirchen. „Ich glaube, dass noch keiner das neue Material so richtig ausnutzt. Nämlich, dass weniger Widerstand da ist und das den Sprung so richtig schnell macht, und der Springer trotzdem in der Balance bleibt, das kann noch keiner. Wenn das mal einer kann, dann geht es richtig ab.“

Schlierenzauer könnte der Erste sein, dem das gelingt. Nykänen wäre dann der Letzte, den es in den Annalen des Skispringens noch zu überflügeln gälte. Aber Vergleiche verbieten sich eigentlich. Zu unterschiedlich verhalten sich die Charaktere von Schlierenzauer und dem Finnen, der in den Achtzigerjahren das Skispringen dominierte, bevor ihm das Leben aus dem Ruder lief. Als das Geld schneller ausgegeben als verdient war, verdingte Nykänen sich mal als Popsänger, mal als Stripper, heiratete drei Mal und fand sich kaum seltener im Gefängnis wieder, so dass es schon vor knapp zehn Jahren zur vielsagenden Biografie reichte: „Grüße aus der Hölle“.

Auch wenn Nykänen, 49, inzwischen behauptet, Alkohol und Eskapaden seien Vergangenheit, verbietet sich jeder seriöse Vergleich mit dem tugendhaften Tiroler Schlierenzauer: „Gegen Nykänen bin ich selbst noch gesprungen: Der war auf der Schanze einzigartig. Aber er hatte nur diese Genialität auf der Schanze und war ein bisschen verloren im Leben“, sagt Schuster, „das ist ja wirklich schade, dass so ein großartiger Sportler immer wieder auch in andere Schlagzeilen gerät. Da hat Gregor ganz andere Optionen.“

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