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18. März 2009

Spanische Fußball-Liga: Keine Träume mehr auf Kredit

 Von RONALD RENG
Schnäppchen-Kicker: Lassar Nouioui (rechts) spielt für 4500 Euro monatlich für Deportivo La Coruña. Foto: afp

In Spanien hat die Finanzkrise auch namhafte Klubs erwischt. Auf der iberischen Halbinsel gehen satte 20 Prozent weniger Zuschauer zu den Spielen. Von Ronald Reng

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Vor zehn Tagen hat es beim FC Valencia geknallt. Vor dem Hotel, in dem sich die Mannschaft vor einem Spiel ausruhte, zündeten Fans einige Feuerwerkskörper. Sie wollten, sagten sie, ihre Fußballelf aufwecken. Doch als der Rauch der Kracher abzogen war, erschien der FC Valencia, Champions-League-Finalist 2000 und 2001, Uefa-Cup-Gewinner 2004, unverändert wie in Trance; 1:2 verlor man auch jenes Spiel, beim Letzten der spanischen Liga, Numancia. Valencia hat seit Mitte Januar von zehn Ligaspielen nur noch eines gewonnen, ist von Rang drei auf acht gestürzt, und es lässt sich nicht übersehen, dass die sportliche Implosion mit dem großen Knall einherging. Seit acht Wochen bezahlt Valencia seine Spieler nicht mehr.

Die internationale Finanzkrise trifft den spanischen Fußball wie keine andere führende Liga. Auch Racing Santander und der Zweitliga-Erste Xerez bleiben Gehälter und fällige Ablöseraten schuldig. Deportivo La Coruña verlor den Sponsor wegen Bankrotts, der Zuschauerschnitt der ersten Liga ist in einem Land mit dramatisch gesunkenem Wohlstand um 20 Prozent eingebrochen. "Wenn es früher gar nicht mehr ging, hat immer die Regierung die Vereine rausgeholt", sagt La Coruñas Sportdirektor Ricardo Moar und lacht, wie man sich über kleine Gaunereien freut. "Vorbei. Hier gibt es kein Geld mehr."

Ist es da Zufall oder Symptom, dass im Uefa-Pokal, den spanische Teams so oft dominierten, am heutigen Mittwoch zum ersten Mal seit 18 Jahren kein einziger spanischer Klub das Achtelfinale bestreitet? Die drei spanischen Vertreter, die in der dritten Runde des Cups scheiterten, waren jedenfalls just solche, die finanziell arg strapaziert sind: Valencia, Santander und La Coruña.

In ihrer Aufregung über das fehlende Geld verlor Valencias Elf den Kopf. "Wir befinden uns im Kampf gegen uns selbst", gesteht Verteidiger Emiliano Moretti. Draußen vor der Stadt thront halbfertig das neue Stadion, das zum Symbol des Ruins geworden ist. Am 1. Februar wurden die Kräne angehalten. Der Verein hat 490 Millionen Euro Schulden und bekommt keine neuen Darlehen.

Die Geschichte des FC Valencia ist die eines Mannes, der besonders schlau sein wollte. "Wenn ich Mediziner wäre, hätte ich einen Impfstoff erfunden", sagte Valencias damaliger Präsident Juan Soler 2005 stolz, "ich bin aber Bauunternehmer, deshalb habe ich diesen Schlag erfunden."

Er hatte der Stadt die Genehmigung abgerungen, Stadion und Trainingsgelände des Klubs in Bauland umzuwandeln. Den Boden in der Innenstadtlage würde er für 4800 Euro pro Quadratmeter verkaufen. So würde der Verein mehr als eine halbe Milliarde Euro einstreichen. Mit dem Geld ließe sich draußen auf günstigem Brachland ein neues Stadion und Trainingszentrum bauen - und nebenbei gut 150 Millionen Gewinn machen. Zwar war der Immobilienmarkt längst überhitzt. Doch Valencia nahm 200 Millionen Euro Kredit auf und heuerte wie wild Spieler, feuerte Trainer, begann schon mal das neue Stadion zu bauen; man würde doch bald die halbe Milliarde für den alten Grund bekommen. Heute drücken den Klub Gehaltskosten von 107 Millionen Euro im Jahr, er muss jeden Monat allein an Zinsen zwei Millionen abstottern. Und niemand kaufte bis heute den Boden des FC Valencia. In Fällen solcher Misswirtschaft konnten die Vereine in Spanien immer mit Großzügigkeit der Banken oder Politik rechnen. Das Finanzamt etwa toleriert 262 Millionen Euro Schulden der Profiklubs. In der Krise jedoch gibt die öffentliche Hand nicht mehr, und die Banken, selbst in Bedrängnis, fordern ihr Geld rigoros zurück.

Wie es weitergeht, lebt Deportivo La Coruña vor, jahrelang Stammgast in der Champions League, bis die Banken vor drei Jahren bei fast 200 Millionen Euro Schulden Stopp schrien. Seitdem muss der Klub jedes Jahr vier, fünf der besten Spieler verkaufen. Allerdings gibt es in Spanien ein Heer preiswerter Qualitätsfußballer; La Coruña etwa hat einen tunesischen Stürmer, Lassad Nouioui, "der verdient bei uns 4500 Euro im Monat", sagt Moar, und ist seit seiner Erstliga-Premiere vor sieben Spieltagen regelmäßig einer der Besten. So lässt sich überleben, La Coruña ist Siebter. Aber die Klasse, um im Europapokal zu triumphieren, lässt sich so nicht erhalten.

Träume gibt es im spanischen Fußball nicht mehr auf Kredit. Man muss bescheidenere Wege finden, und zumindest an Originalität mangelt es in Valencia nicht. Ein internes Papier, wie Einnahmen zu generieren seien, schlägt vor, Hochzeiten im Stadion auszurichten - und die Spieler dabei als Ehrengäste zu vermieten.

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