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26. September 2012

Sportförderung: Auf zum nächsten Gefecht

 Von Wolfgang Hettfleisch
Imke Duplitzer sticht gern dahin, wo es den Allgewaltigen des Sports wehtut.  Foto: dapd

Die Welt der deutschen Sportfunktionäre könnte so schön sein - ohne Imke Duplitzer, Ines Geipel und Co. Missstände prangert Fechterin Duplitzer nun in ihrem Buch an - das entstand in Zusammenarbeit mit Daniel Cohn-Bendit.

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Das Böse trifft sich in Berlin-Charlottenburg. In einem dieser Ladengeschäfte mit Sitzecke, die neuerdings Showroom heißen. Es ist eine kleine Runde. Das Böse hat im deutschen Leistungssport nicht viele Freunde. Es gibt Saft, Mineralwasser und eine wilde Debatte. Darüber, was schiefläuft im Spitzensport und warum. „Sind die Leistungen heroisch, und sind die, die sie vollbringen, Helden? Oder sind die Sportler Helden in Haft, weil sie instrumentalisiert werden von den Funktionären, der Wirtschaft, der Politik?“, fragt Imke Duplitzer.

Es ist eine rhetorische Frage. Und eine, die auf das Buch verweist, das es zu bewerben gilt: Helden Haft. Der Titel, der auf besagte Doppeldeutigkeit rekurriert, klingt ein bisschen bemüht. Es handelt sich um eine Sammlung von Interviews mit dem Extrem-Bergsteiger i. R. Reinhold Messner und den ehemaligen Spitzensportlern Heidi Schüller, Ines Geipel, Toni Innauer und Sylvia Schenk.

Duplitzer, die Degenfechterin, hat die Gespräche zusammen mit Daniel Cohn-Bendit geführt. Eine schräge und gerade deshalb irgendwie logische Kombination. Hier die kratzbürstige Fechterin, die bei den Bossen des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) ungefähr so beliebt ist wie der Gold-Querulant Robert Harting; dort der streitbare politische Passepartout der Grünen, der vermutlich noch im Durchmesser eines Diskusrings genügend Zündstoff für eine muntere Kontroverse fände. In der Runde des Bösen tief im Berliner Westen hat auch Ines Geipel Platz genommen. Die unnachgiebige Kämpferin gegen Doping war als junge Sprinterin Opfer der systemisch-pharmazeutischen Spitzensportförderung à la DDR. Wenn eine bei deutschen Sportfunktionären und -politikern womöglich noch unbeliebter ist als Duplitzer, dann die Roman- und Sachbuch-Autorin Geipel. Sie ist in ihrer Direktheit und Unversöhnlichkeit ein Dorn im Fleisch der Weiter-so-Fraktion. Jener Leute, die eine aufkeimende Debatte über Sinn und Maß von Medaillenzielen gerade mit einer trotzigen Entscheidung abwürgen wollen: dass auf dem Weg zu den Spielen von Rio 2016 alles so bleibt, wie es ist, in der klandestinen Welt der deutschen Spitzensport-Förderung.

Kampf gegen das System

„Warum dokumentieren wir nicht explizit: Wir gehen raus aus dieser Chemie-Scheiße?“, fragt Geipel. Und setzt also voraus, dass der deutsche Leistungssport noch mittendrin sitzt im Mist. Und das laut Geipel auch, weil die Politik kein Interesse daran hat, dass sich etwas fundamental ändert. „Es wäre schon gut, wenn mal ein paar wenige Politiker als Korrektiv gegen das System ankämpfen.“

In Kämpfen gegen das System kannte sich Daniel Cohn-Bendit mal aus. Aber man merkt ihm an, dass das schon ein bisschen zurückliegt. Debatten sind erkennbar noch immer sein Metier. Aber am schicken Massivholztisch in Berlin-Charlottenburg, wo es allenfalls am Rande noch um das Buch geht, ist er der um Ausgleich bemühte Liberale – und pocht auf das Naturrecht des Sportliebhabers auf Naivität: „Ich finde ja keine Orientierung. Wir wissen jetzt: Lance Armstrong war gedopt, Jan Ullrich war gedopt. Und doch ist da noch diese Faszination, wenn ich Fernsehbilder von den beiden am Berg sehe. Man macht sich ja nicht klar, was dahintersteckt.“

Sollte man aber, findet Imke Duplitzer und denkt beileibe nicht nur an Doping. Sie fordert eine breite öffentliche Auseinandersetzung über die Rolle, die Spitzensportlern aufgenötigt werde, über falsche und richtige Maßstäbe und eine zweifelhafte Vorbildfunktion: „Wollen wir Sporthelden, in die man alles reinprojizieren kann? Die immer lieb und nett sind? Die dürfen dann auch keine eigene Meinung haben. Denn das stört bei der Vermarktung.“

Duplitzer ist überzeugt, dass Millionen Sportfans einem gigantischen Schwindel aufsaßen, als sie die Olympischen Spiele von London live oder im Fernsehen verfolgten. Ihr zufolge gibt es diese Spiele nicht. Sie sind Fassade. Bei den Spielen, die Duplitzer kennt, werden Athleten von Funktionären zur Teilnahme an Presseterminen und Feiern genötigt, auf die sie liebend gern verzichten würden; müssen Missstände verschwiegen werden und Abläufe toleriert, die nicht mal mehr den Gang zur Toilette erlauben. „Das da im Fernsehen“, sagt sie, „ist eine völlig andere Welt.“

Missstände angesprochen

Imke Duplitzer muss es wissen. Sie war viermal dabei bei Olympischen Sommerspielen. Mit der Degenmannschaft gewann sie 2004 in Athen die Silbermedaille. Dass die 37-Jährige auch in London wieder auf die Planche ging, wird nicht jedem im DOSB geschmeckt haben. Unmittelbar vor den Spielen an der Themse hatte sie die Zustände im deutschen Spitzensport in einem Interview angeprangert. Sie wies auf gravierende Mängel in der Nachwuchsarbeit hin. Auf Trainer, die ins Ausland abwandern, weil sie mies bezahlt werden. DOSB-Präsident Thomas Bach und Generaldirektor Michael Vesper attestierte sie Realitätsferne. Dass die erklärte Linke das im deutschen Zentralorgan des Medaillenzählens, der Bildzeitung, tat, zeigt, dass ihr der Bote wurscht ist, wenn nur die Botschaft durchdringt.

Das tat sie. Die Aufregung war entsprechend groß. Groß genug jedenfalls, um auch einen jungen Agenturkollegen zur Gesprächsrunde in Berlin-Charlottenburg zu locken, der sich weitere Spitzen der Degenfechterin gegen die Herren des deutschen Sports erhofft – und nicht enttäuscht wird.

Es sollte ja eigentlich um ein Buch gehen. Eines, das in Gesprächsnotizen aufgreift, was die Duplitzers, Geipels und Cohn-Bendits beim Blick auf den Zustand des Leistungssports im Land so umtreibt. Es ist schon schwer, das in einem strukturierten Gespräch auszudrücken. Zwischen zwei Buchdeckeln ist es noch ein bisschen schwerer. „Wir müssen über den Sport reflexiv werden – darum kommen wir nicht herum“, findet Cohn-Bendit. Duplitzer, er und die fünf Gesprächspartner der beiden haben das versucht. Es ist kein Meisterwerk geworden, aber doch immerhin ein Lebenszeichen. Das Böse existiert. Es wird uns und unserer Vorstellung von der schönen Welt des Sports keine Ruhe geben.

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