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05. Juli 2012

Torlinien-Technologie: Elfmeter für Sepp

 Von Daniel Theweleit
Die Herren Präsidenten: Michel Platini (UEFA) und Sepp Blatter (FIFA). Foto: dpa

Die Gralshüter der Fußball-Regeln entscheiden in Zürich über die Einführung der Torlinien-Technologie, die Fifa-Chef Joseph Blatter befürwortet.

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Köln –  

Rene Dünkler lacht, aber seine Unsicherheit ist nicht zu überhören: „Ich weiß wirklich nicht, was uns in Zürich erwartet.“ Dünkler ist Ingenieur am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen, und er wird heute ins Hauptquartier des Weltfußballverbandes Fifa reisen, wo möglicherweise eine revolutionäre Entscheidung fällt. Das International Football Association Board (Ifab), jenes hohe Gremium, das über die Regeln im Fußball wacht, trifft sich zu einer Sondersitzung, um über die Einführung einer Technik zu entscheiden, mit der objektiv messbar ist, ob ein Ball im Tor ist oder nicht.

Vorprüfungen bestanden

Dünkler und seine Erlanger Kollegen haben das GoalRef-System entwickelt, das zusammen mit der im Tennis bewährten Hawk-Eye-Technologie alle Vorprüfungen bestanden hat. Nun wird dem Ifab der Abschlussbericht vorgelegt, und vieles deutet darauf hin, dass die Technik sehr bald eingesetzt werden darf. Schließlich gab es gerade erst bei der EM im Spiel England gegen die Ukraine eine fatale Fehlentscheidung, die mit funktionierender Torlinientechnologie verhindert worden wäre.

Und dennoch ist Dünklers Unsicherheit begründet. Im Ifab sitzen die Präsidenten der Nationalen Fußballverbände aus Wales, Schottland, Nordirland und England, und natürlich Blatter, der Fifa-Chef. Die Fifa besitzt vier Stimmen. Und da Geld oft eine zentrale Rolle spielt bei den Entscheidungen der Fifa, kursiert ein Verdacht, der Dünkler missfallen muss. Hawk-Eye gehört zum Sony-Konzern, der wiederum einer der bedeutsamsten Fifa-Sponsoren ist. „Darüber weiß ich nichts“, sagt Dünkler, dessen GoalRef-System einen entscheidenden Vorteil hat: „GoalRef braucht keine Sichtverbindung. Der Torhüter kann auf dem Ball liegen und das System liefert trotzdem zuverlässige Daten.“

Am Torpfosten montierte Antennen erzeugen ein Magnetfeld, das wie ein Vorhang im Tor hängt. Fliegt der Ball, in dessen Hülle Spulen eingebaut sind, hindurch, wird diese Information auf die Armbanduhr des Schiedsrichters gesendet. Hawk-Eye hingegen berechnet auf Grundlage der Bilder mehrerer Kameras, ob der Ball die Torlinie vollständig überschritten hat. Möglich ist sogar, dass beide Techniken zugelassen werden, auch „andere Hersteller können jederzeit wieder in den Wettbewerb einsteigen, wenn sie die Testkriterien erfüllen“, sagt Fifa-Sprecher Alex Stone. Erst mal geht es also um das Grundsätzliche: Technik, ja oder nein?

Platinis Zynismus

Die Bundesligaschiedsrichter und viele deutsche Funktionäre sind dafür, nur Michel Platini, der Präsident des Europäischen Fußballverbandes (Uefa), nicht. „Haben wir dann auch bald technische Hilfsmittel, um Abseits zu erkennen oder um zu sehen, ob der Ball im Toraus war?“, fragt er zynisch. Dass Platini keine besseren Argumente hat, nährt den Verdacht, er wolle den vielen kleinen Verbänden Europas, die ihn in sein Amt gewählt haben, mit seinen seit drei Jahren durch Europa reisenden Torrichtern einen Gefallen tun. Für Nationen wie Moldawien oder Albanien und ihre Klubs wäre die Einführung der Torlinientechnik ziemlich teuer, die Installation von Hawk-Eye etwa kostet 250 000 bis 300 000 Euro pro Stadion. GoalRef ist zwar etwas günstiger, aber beide Systeme müssen gewartet werden. Torrichter hingegen werden honoriert, sie erhalten Spesen, generieren also Einnahmen, oftmals kleine Vermögen in diesen Ländern. Der Dank gilt Platini.

Fifa-Präsident Joseph Blatter selbst war vor eineinhalb Jahren noch strikt gegen die Torlinien-Technik, nun würde er eine Einführung vermutlich als großen persönlichen Triumph feiern. Auch, weil eine solche Entscheidung Michel Platini, der sich zuletzt als Nachfolger Blatters positioniert hatte, empfindlich treffen würde.

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