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26. Mai 2011

Torwart des FC Barcelona: Immer am Rande des Abgrunds

 Von Ronald Reng
Ist eigentlich gar Lautsprecher: Victor Valdés.  Foto: Getty

Seit acht Jahren ist Victor Valdés Barças Nummer eins. Niemand kennt einen Besseren für die unter Umständen schwierigste Torwartposition der Welt. Doch einst wäre er fast am Druck zerbrochen.

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Josep Guardiola jubelte scheinbar in die falsche Richtung. Im gegnerischen Strafraum feierten die Fußballer des FC Barcelona das entscheidende Tor gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale, doch Barças Trainer Guardiola zeigte begeistert zum anderen Tor. Dort stand, einsam wie immer, wenn die eigene Elf ein Tor begeht, sein Torhüter Victor Valdés. 100000 Fans hatten just ein hinreißendes Tor von Flügelstürmer Pedro erlebt, Guardiola schrieb es seinem Torwart gut.

Unter Druck hatte Valdés den Ball aus seinem Strafraum heraus, über Reals Mittelfeldspieler Xabi Alonso hinweg zu einem 20 Meter entfernten Mitspieler gespielt. Der Torwart hatte mit einem Traumpass den Spielzug gestartet, den Pedro vor dem anderen Tor vollendete. Schlagartig verstand jeder, warum es heißt, Torwart beim FC Barcelona zu sein, sei einspezieller Job.

In der Elf des schwingenden Angriffsfußballs „gibt es Tage, da spiele ich mehr mit dem Fuß als mit der Hand“, sagt Valdés. Nach Barças Offensivplan muss er weiter vor dem Tor als fast alle anderen Torhüter stehen, um mit gewagten Pässen das Pressing des Gegners zu durchbrechen sowie Konterbälle in den Rücken seiner Abwehr abzufangen. So weit vor dem Tor stehe ein Torwart bei Weitschüssen oder Kontern oft „am Rande des Abgrunds“, sagt er vor seinem dritten Champions-League-Finale in sechs Jahren mit Barça, am Samstag in Wembley gegen Manchester United.

Seit acht Jahren ist Valdés Barças Nummer eins. Wenige nennen ihn unter den besten Torhütern der Welt. Niemand kennt einen Besseren für Barça, für die unter Umständen schwierigste Torwartposition der Welt.

Er nimmt auf einem Sofa in Barças Sportstadt Platz, und was irgendwann auffällt, ist der kleine Finger der linken Hand. Valdés kann ihn nicht mehr strecken und kaum noch beugen. Er hätte ihn schienen müssen, nachdem Sehnen und Kapseln bei einer Torwartaktion rissen. Er stabilisierte ihn nur mit Tapeverband, ein Profi kennt keine Pause, so verkrüppelte der Finger. Torhüter arbeiten mit den Händen, aber sie brauchen nicht alle Finger. Der Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger sorgen für den Griff.

Angst vor einem Fehler würgte ihn

Zahlen und Fakten

Der begehrteste Pokal im europäischen Vereinsfußball hat inklusive der auffälligen Griffe eine Höhe von 73,5 Zentimeter und wiegt 8,5 Kilogramm. Die aktuelle Trophäe, die am Samstagabend im Londoner Wembley-Stadion entweder Barcelonas Kapitän Carles Puyol oder Manchester Uniteds Spielführer Nemanja Vidic überreicht wird, ist bereits die sechste Version, da eine Regel aus den 60er-Jahren besagt: Wer den Pokal dreimal in Serie oder insgesamt fünfmal gewinnt, darf das Original behalten.

Real Madrid, Ajax Amsterdam, der FC Bayern, der AC Mailand und der FC Liverpool haben daher ein Original in der vereinseigenen Vitrine. Diese Regel gibt es inzwischen nicht mehr. Seit 2009 geht der überreichte Original-Pokal direkt wieder in den Besitz der Uefa über, der siegreiche Verein bekommt eine Nachbildung in Originalgröße.

Der FC Barcelona, 21-facher spanischer Meister, hat die Champions League beziehungsweise den früheren Europapokal der Landesmeister dreimal gewonnen (1992, 2006 und 2009).

Gegner Manchester United, 19-facher Meister in England, hat die europäische Krone für Vereinsmannschaften ebenfalls dreimal gewonnen (1968, 1999 und 2008). (dpa/fr)

Valdés erscheint erfreut über das Interview mit einem deutschen Reporter. Endlich kann er einmal seine Bewunderung für die deutsche Torwartschule mitteilen. Er war 14, als Bayern München 1996 im Uefa-Cup in Barcelona spielte. Er stand als Balljunge hinter Oliver Kahns Tor. „Ich sah seine Paraden, und es durchfuhr mich: ,Boah! Das ist mein Torwart!' Fortan war Kahn mein Idol.“ Er ignorierte, dass dem klassischen deutschen Torhüter wie Kahn genau jene Fähigkeiten fehlten, die es in Barças Tor braucht, etwa das vorausschauende Spiel weit vor dem Tor. Wer ein Vorbild anbetet, lässt sich nicht von rationalen Argumenten stören. Und gerade in jungen Jahren half es Valdés, sich an abstrakten Torwarthelden festzuhalten. Damit er nicht am Torwartsein zerbrach.

„Am Samstag ist wieder ein Spiel − der Gedanke war der Horror.“ Die Angst des Torwarts vor einem Fehler würgte ihn. Äußerlich wurde er der eiskalte Mann in schwarzer Lederjacke, die Haare galeerenkurz. So versuchte er, die Angst zu verstecken. Als er mit 28 Jahren in einem Fernsehinterview zum ersten Mal darüber reden wollte, benötigten sie drei Tage für das Interview. Er hatte sich so daran gewöhnt, sich zu verschließen, dass er sich auch nicht öffnen konnte, obwohl er es wollte.

Nur einmal scheint es natürlicher, über die Angst zu reden, beim Interview für die Robert-Enke-Biographie. Valdés und der spätere deutsche Nationaltorwart stritten im Jahr 2002 um die Nummer eins im Tor des FC Barcelona. Valdés fand, „Robert war besser als ich.“ Enke glaubte, „der Victor kennt keine Selbstzweifel.“ So gut täuschten sie sich mit ihrer coolen Fassade gegenseitig. In Wahrheit durchlebte Enke damals seine erste klinische Depression. Wie oft dachte er sich, warum kann ich nicht so stoisch kühl wie Victor sein. Von den Depressionen 2009 in den Tod getrieben, erfuhr er nie mehr, dass dieser Valdés wegen seiner Torwartangst eine Psychotherapie hinter sich hatte.

„Mein Leben war so voller Druck, dass ich keine Ruhe fand“, sagt Valdés heute. Die Therapie mit 18 half ihm, als Torwart weiter zu funktionieren. Befreit von der allgegenwärtigen Anspannung hat ihn erst das Älterwerden, die Geburt seines Sohnes Dylan, das Selbstvertrauen der Fußballerfolge. Heute, mit 29, versteckt er sich nicht mehr ständig in Lederjacken. Nur seine kleinen Manien wird er nicht mehr los. So glaubt Victor Valdés, er müsse auch morgen in Wembley auf jeden Fall das grüne oder schwarze, auf keinen Fall aber das graue Torwarttrikot tragen, wolle Barça gewinnen.

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