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19. Februar 2013

TSG Hoffenheim: Anreiz zum Söldnertum

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Frust und Freude: Die Hoffenheimer Vincenzo Grifo und Takashi Usami (v.l.) sind bedient, während die VfB-Profis den Sieg feiern.  Foto: Getty

Die erschreckende Rückwärtsentwicklung der TSG Hoffenheim könnte am Ende mit dem Abstieg bestraft werden − und dies trotz bester Voraussetzungen für erfolgreichen Erstligafußball.

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Die erschreckende Rückwärtsentwicklung der TSG Hoffenheim könnte am Ende mit dem Abstieg bestraft werden − und dies trotz bester Voraussetzungen für erfolgreichen Erstligafußball.

Sinsheim –  

Mitte der zweiten Halbzeit lief Eugen Polanski mit dem Ball am Fuß mitten auf dem Feld herum. Er schaute nach links, doch da bot sich niemand seiner Mitspieler an, und weil sich die Situation nach vorn und nach hinten und nach rechts nicht besser darbot, spielte der Hoffenheimer Mittelfeldmann in der Not einen Fehlpass. Polanski ist in der Winterpause für drei Millionen Euro von Mainz 05 ausgelöst worden. Jetzt sieht es verdächtig danach aus, als hätten dreieinhalb Wochen im Kraichgau bereits ausgereicht, um den polnischen Nationalspieler zu einer Karikatur seiner selbst mutieren zu lassen. Er trug am Sonntagabend beim 0:1 gegen den VfB Stuttgart so schwer an seiner Rückennummer 42, dass Trainer Marco Kurz ihn bald darauf erlöste und auswechselte.

Rangnicks Befürchtungen

Polanski steht exemplarisch für den Niedergang eines Klubs, in dem sich − den kernigen Bayern Kevin Volland und den auf dem Weg der Genesung befindlichen Boris Vukcevic ausgenommen − seit einer großartigen Vorrunde nach dem Aufstieg 2008 unter Ralf Rangnick kein Fußballspieler signifikant verbessern konnte. So trist stellt sich die Situation dar, dass der in Hoffenheim noch gut verdrahtete Rangnick am Montag beim Sportbusiness-Kongress in Düsseldorf äußerte, er „befürchte dass der Verein tatsächlich wieder den Rückweg in die zweiten Liga“ antreten müsse. Egal, ob der inzwischen in Diensten von Brausemischer Red Bull stehende Rangnick, dessen Nachfolger Marco Pezzaiuoli, Holger Stanislawski, Markus Babbel, Frank Krämer oder nun Marco Kurz sich seit dem Umzug ins Stadion nach Sinsheim im Januar 2009 um die Weiterbildung der Profis mühten − stets war das, was hinten heraus kam, weniger als jenes, was vorn hineingesteckt worden war.

Beste Voraussetzungen

Dabei sind die Trainingsbedingungen auf dem Campus in dem Hoffenheimer Nachbarort Zuzenhausen ebenso exorbitant wie die finanzielle Ausstattung, die zuletzt auch Männer wie Igor de Carmago aus Mönchengladbach und Eren Derdiyok aus Leverkusen anlockte. Stürmer beide, die mit ihrem Minimum an läuferischem Aufwand mühelos von der Stuttgarter Innenverteidigung in ihrem übersichtlichen Tatendrang gestoppt werden konnten. Man kann nur vermuten, dass sich eine bestimmte Gattung hochbezahlter Fußballprofis in dem Dorf-Idyll nicht genötigt sieht, einen entsprechenden Gegenwert für die monatlich durch den unglücklichen Mäzen Dietmar Hopp abgesicherte Gehaltsüberweisung einzuspielen. Der Anreiz zum Söldnertum scheint hier ebenso größer als an den allermeisten anderen Bundesligastandorten wie der Reiz, relativ planlos Spieler zu kaufen.

Es offenbart einiges über den Großmut der TSG-Fans, dass sie ihre Mannschaft mit Beifall aus dem Wochenende verabschiedeten. Die Motivation ist ehrenwert: nicht noch ungnädig draufzutreten auf eine Truppe, die ohnehin schon am Boden liegt und am Samstag beim Tabellennachbarn in Augsburg sogar um den Relegationsplatz fürchten muss.

Der Vorgesetzte der weitgehend willenlos sich ergebenden TSG-Profis wählte später am Abend die gegensätzliche Strategie der Fans. „Unterirdisch“ nannte Andreas Müller die Gruselshow. Der Sportchef hat sich seit seiner Ankunft im September um eine klare Sprache verdient gemacht, immerhin, und erhöht nun den Druck noch einmal. Er habe „keinerlei Verständnis für den Auftritt ohne Mumm und ohne Leidenschaft“ gegen den VfB: „So brauchen wir gar nicht erst nach Augsburg zu fahren. Wenn wir dort so agieren wie gegen Stuttgart, werden wir verlieren.“

Nackter Überlebenskampf

Ex-Nationalspieler Andreas Beck, ein Schatten vergangener großer Tage, versprach für Augsburg „nackten Überlebenskampf“. Von nacktem Überlebenskampf ist eine Mannschaft, die mit dem Selbstverständnis der Aussicht auf einen internationalen Platz in die Saison gegangen war, allerdings derzeit so weit entfernt wie die Hügellandschaft des Kraichgaus von Großstadtatmosphäre.

Dass der neue brasilianische Torwart Heurelho Gomes als einziger Hoffenheimer erkennbare Widerstandskraft im Abstiegskampf zeigt, lässt nichts Gutes erwarten für den am Reißbrett entwickelten Klub, für den es angesichts von zehn Punkten Rückstand auf Platz 15 nur noch realistisch erscheint, Augsburg und Fürth hinter sich zu lassen, um in der Relegation mutmaßlich auf den 1. FC Kaiserslautern zu treffen. In der Pfalz ist die Motivation besonders groß, den ungeliebten Klassenfeind mitsamt dessen dicker Hose zurück ins sportliche Nirwana zu bugsieren.

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