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04. März 2014

VfB Stuttgart Cacau: "Der Deutsche in mir ist größer als der Brasilianer"

Cacau  Foto: dpa

Fußballprofi Cacau vom VfB Stuttgart über Heimweh, die schwäbische Kehrwoche und seinen Verdruss über falsche Versprechungen vor der WM.

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Nach Korb, seit zehn Jahren Heimat des deutsch-brasilianischen Fußballprofis Cacau, kommt man mit der S-Bahn aus Stuttgart über Waiblingen und dann weiter mit dem 209er Bus. In dem Ort mit etwas mehr als 8000 Einwohnern gibt es einen Discounter, einen Waschmaschinen-Händler, eine Kelterei und die Pizzeria Italia Antica. In seinem Stammrestaurant wird Cacau, der 1999 praktisch mittellos aus São Paulo nach Deutschland kam und hier Nationalspieler wurde, von Wirt Pino fast täglich bedient. Auch beim Interview zur Mittagszeit, zu dem Cacau gänzlich unbrasilianisch auf die Minute pünktlich erscheint.

Tut es Ihnen weh, morgen Abend nur als Ex-Nationalspieler in Ihrer zweiten Heimat Stuttgart auf der Tribüne zu sitzen, statt selbst auf dem Platz dabei zu sein?

Nicht so sehr. Es hat sehr wehgetan, als ich vor der Europameisterschaft 2012 aus dem Trainingslager abreisen musste, nachdem ich aus dem erweiterten Kader gestrichen worden war. Das war hart für mich. Aber dann kamen einige schwere Verletzungen, erst ein Kreuzband-
riss und dann ein Muskelbündelriss, so dass ich mich damit arrangieren musste, nicht mehr zur Nationalmannschaft zu gehören.


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Zur Person

Cacau kam 1981 in Santo André, Bundesstaat São Paulo, als Claudemir Jerônimo Barreto zur Welt. Seit 2003 steht er beim VfB Stuttgart als Stürmer unter Vertrag. Von 2009 bis 2012 war er deutscher Nationalspieler. Der 32-Jährige engagiert sich für verschiedene soziale Projekte und baut in Zusammenarbeit mit dem christlichen Kinderhilfswerk World Vision ein Sportzentrum für Kinder und Jugendliche in Mogi das Cruzes, wo er aufwuchs. (FR )

Sie waren bei der WM in Südafrika dabei. Was ist dort als einprägsamste Erinnerung haften geblieben?

Für mich persönlich steht mein Tor im ersten Gruppenspiel gegen Australien über allem. Das war ein Traum für mich. Ich habe 1990 erstmals bewusst eine WM vor dem Fernseher verfolgt.

Und Sie haben mitbekommen, wer 1990 Weltmeister wurde?

Natürlich: Deutschland, Elfmeter von Andy Brehme. Er wurde später Co-Trainer in Stuttgart. Ich kannte aber schon damals nicht nur ihn, sondern viele deutsche Spieler, etwa Klinsmann und Völler – und Matthäus sowieso.

Aber da ahnten Sie natürlich noch nicht, dass Sie mal den deutschen Einbürgerungstest bestehen und in einer schwäbischen Kleinstadt heimisch werden würden. Es ist eine unfassbare Geschichte: Sie wurden in Brasilien sowohl als Jugendspieler wie auch als Jungprofi von ihren Vereinen aussortiert, suchten dann Ihr Glück in Deutschland und haben es geschafft.

Ja, und deshalb erfüllt sich mit diesem Tor gegen Australien ein ganz, ganz großer Traum. Da ist der ganze Film von 1990 bis 2010 noch einmal vor mir abgelaufen.

Damals, in Mogi das Cruzes vor den Toren von Sao Paulo, lebten Sie in sehr einfachen Verhältnissen?

Ja. Trotzdem ist es in Brasilien so: Selbst wenn es nicht immer etwas zu essen gibt, einen Fernseher gibt es immer. Wir hatten nur einen sehr kleinen, aber wir haben die Weltmeisterschaften bei Freunden geschaut. Die hatten einen großen.

Sie selbst sind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Ihr Vater war Alkoholiker und hat die Familie bald verlassen, Ihre Mutter hat gearbeitet und drei Jungen allein großgezogen.

Ja, und sie hat niemals gejammert. Und sie hat uns beigebracht, nicht zu jammern, auch dann nicht, wenn es einmal nur Reis zu essen gab oder wenn das Geld fürs Gas ausgegangen war und sie deshalb nicht kochen konnte. Sie hat uns Jungen auch den Blick erweitert, raus aus unserem engen Mogi das Cruzes.

Was macht Ihre brasilianische Familie derzeit?

Meine Brüder arbeiten beide in Brasilien. Meine Mutter muss nicht mehr arbeiten, sie kann machen, was sie möchte. Ich habe ihr ein Haus gekauft.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?

Ja, obwohl es einige Jahre gab, in denen wir nicht wussten, was er macht und wo er ist. Ich habe ihm eine kleine Farm gekauft, wo er gut leben kann mit seiner neuen Familie. Das war für mich eine wichtige Entscheidung in einer Phase, in der es ihm nicht gut ging. Ich habe mich entschieden, ihm zu vergeben, auch aus meinem christlichen Glauben heraus. Die Bibel sagt, dass man Vater und Mutter ehren soll. Sie sagt nicht, wie sich Vater und Mutter deshalb zu verhalten haben. Das war für mich die Leitlinie.

Als Sie am 12. Juli 1999 nach Deutschland kamen, hat Ihr Freund Osmar de Oliveira, der gemeinsam mit Dietmar Ness heute ihr Berater ist, Ihnen sogar die S-Bahn-Karten zahlen müssen, damit Sie zum Training des Fünftligisten Türk Gücü München fahren konnten. Sie haben anfangs Oliveiras Sambagruppe beim Auf- und Abbau geholfen. Haben Sie auch mal Ausländerfeindlichkeit erlebt in Deutschland, als Sie noch kein berühmter Profifußballer waren?

Noch nie bewusst. Ich bin in Brasilien immer gewarnt worden, dass es in Deutschland sehr viel Rassismus gäbe. Ich habe immer nur das Gegenteil erlebt. Der Fußball hat dabei sicher eine wichtige Rolle gespielt.

Hatten Sie niemals Heimweh, zumal auch Ihre damalige Freundin und spätere Frau Tamara ja anfangs nicht mitkommen konnte.

Ja, aber ich wusste auch, dass ich dagegen ankämpfen musste, denn ich hatte nur diese eine Chance, und die wollte ich unbedingt wahrnehmen. Die brasilianische Gemeinde in München hat mir dabei sehr geholfen.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in Brasilien sind?

Das Essen, das Meer, das Wetter und die Unbekümmertheit.

Was würden Sie, wenn Sie in Brasilien wären, an Deutschland am meisten vermissen?

Die Ordnung und Zuverlässigkeit, und dass es so unkompliziert ist, von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Wie finden Sie die schwäbische Kehrwoche?

Man ist in einer Mietergemeinschaft immer mal wieder für das ganze Haus und damit auch für die Gemeinschaft verantwortlich. So was finde ich gut. Aber ich bin, was Ihre konkrete Frage betrifft, nicht betroffen, weil wir in einem Einfamilienhaus wohnen.

Bleibt es dabei, dass Sie, Ihre Frau und die drei Kinder sich eine Zukunft in Deutschland sehr gut vorstellen können?

Wir haben in Korb gebaut und wohnen schon zehneinhalb Jahre hier. Natürlich vermissen wir Brasilien sehr. Unsere siebenjährige Tochter vor allem, sie liebt es, in Brasilien mit den Cousinen zu spielen und bei unseren Urlaubs-Aufenthalten nicht zur Schule gehen zu müssen. Der fünfjährige Sohn freut sich immer wieder, nach Deutschland zurückzukommen. Ihm sind die Freunde hier sehr wichtig.

Hier in Korb steht am Marktplatz ein großes Schild. Es weist nicht etwa auf die Geschichte von Korb hin, sondern auf die Bußgelder für Ordnungswidrigkeiten. Das ist typisch deutsch. Sind Sie auch so?

(lacht lange) Ich muss zugeben, dass ich am Anfang immer Probleme habe, wenn ich zurück nach Brasilien komme. Da brauche ich stets ein paar Tage, bis ich wieder lockerer geworden bin. Der Deutsche in mir lebt sehr stark. Der ist größer als der Brasilianer.

Aber Sie passen sich in Brasilien dann auch wieder an?

Ich muss, sonst flippe ich aus. Und die anderen wären ständig sauer auf mich. Es ist nun einmal so: Eine Stärke kann gleichzeitig auch eine Schwäche sein. Die Deutschen sind pünktlich, diszipliniert, ordentlich. Das kann negativ wirken, weil man dann als unflexibel angesehen wird. Aber ich finde es gut. In Brasilien werde ich allerdings ausgelacht, wenn ich mit meiner ständigen Pünktlichkeit daherkomme. Wenn man da nicht locker und ein bisschen entspannt würde, liefe man ständig sauer herum.

Ist es Ihr Rat an die deutsche Nationalmannschaft, bei der WM alles etwas lockerer zu sehen?

Unbedingt! Spontanität und Flexibilität sind ganz wichtig in Brasilien. Wenn ein Bus kaputt geht, fährt man eben zur Not mit fünf Autos weiter. Man kommt immer irgendwie an, sollte sich dabei aber nicht zu sehr stressen. Es gibt im alltäglichen Leben immer einen Plan B, den der Deutsche jedoch normalerweise gar nicht erst hat, weil Plan A sicher funktioniert. Wenn die Deutschen ganz, ganz locker sind, sind sie dennoch höchstens bei 80 Prozent dessen, was ein Brasilianer unter Lockerheit versteht. 100 Prozent deutsch geht in Brasilien nicht.

Der DFB ist in der Regel perfekt durchgeplant…

Ja, das weiß ich. Aber ich gehe davon aus, dass sie beim DFB schon wissen, was auf sie zukommt. Joachim Löw habe ich als jemanden kennengelernt, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Er kennt andere Kulturen und war ja auch schon Trainer in der Türkei. Genauso ist es bei Oliver Bierhoff, der viele Jahre in Italien gelebt hat – er ist ebenfalls ein entspannter Typ.

Der DFB lässt eine Anlage als Team-Camp bauen, an die man nur über eine Fähre herankommt. Würden Sie sagen, das ist gut gewählt oder ist es zu abgelegen und zu wenig Brasilien?

Es ist viel Brasilien! Strand, Sonne, Palmen, Ruhe. Das haben sie gut ausgesucht. Man braucht dieses Rückzugsgebiet, um wieder auftanken zu können.

Cacau – Immer den Blick nach oben“, mit Elisabeth Schlammerl. Scm Hänssler, 320 Seiten.
Cacau – Immer den Blick nach oben“, mit Elisabeth Schlammerl. Scm Hänssler, 320 Seiten.

Die Engländer haben sich für ein großes Hotel in Rio entschieden.

Da muss ich lachen. Ich denke, dass das ein Fehler ist. Es wäre kein Wunder, wenn die Engländer vermutlich nach der Vorrunde schon nach Hause fliegen.

Weil in Rio zu viel Ablenkung besteht?

Zu viele Menschen, zu viel Unruhe, zu viele hübsche Frauen. Dazu hätte ich niemals geraten.

Die Fifa ist sehr unzufrieden mit den Baufortschritten in einigen Städten. Ist es richtig, dass die Funktionäre Druck auf die brasilianischen Organisatoren machen?

Völlig richtig. Der Druck ist allerdings zu spät gekommen.

Aber Brasilianer haben doch immer einen Plan B?

Nicht bei derart großen Bauvorhaben. Wenn mal ein Bus kaputt geht oder das Licht geht aus, findet sich immer eine Lösung. Aber was die Stadien angeht, haben sie in einigen Städten halt gedacht, sie hätten sieben Jahre Zeit, das haut schon irgendwie hin. Aber es haut eben nicht von selbst hin. Ich kann nicht verstehen, dass ein Stadion für ein derart großes Turnier erst kurz vor Beginn fertig wird. Das macht mich sehr traurig.

Macht es Sie auch traurig, dass so viele Milliarden in die Stadionbauten gesteckt wurden und so wenig Geld in Infrastruktur und Bildung?

Ja, auch das macht mich traurig. Die Regierung hat seinerzeit versprochen, dass für die Stadionbauten keine Steuergelder ausgegeben, sondern alles privat finanziert würde. Das hat sie nicht eingehalten. Mehr als 70 Prozent der Gesamtinvestitionen für die Arenen wurden aus Steuergeldern finanziert. Das kann nicht sein. Entweder ich verspreche nichts oder ich halte meine Versprechen ein.

Können Sie nachvollziehen, dass es beim Confederations Cup Proteste gegeben hat?

So lange keine Gewalt ausgeübt wurde, selbstverständlich. Die Menschen wurden schließlich belogen. Sie sehnen sich nach besseren Schulen, besseren Straßen und besseren Lebensbedingungen, was ihnen auch versprochen wurde. Und dann fragen sie sich natürlich: Warum ist plötzlich Geld vorhanden für riesige Stadionprojekte, aber nicht für Investitionen, die wirklich notwendig sind und bei ihnen ankommen? Jeder in Brasilien weiß: Es wäre Geld für alles da, aber das Geld geht oft nicht dahin, wo es eigentlich hingehört. Schauen Sie: In Deutschland ist der Top-Steuersatz fast bei 50 Prozent. Das ist viel, aber ich sehe hier überall, wohin das Geld investiert wird. Hier gibt es tolle Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Flughäfen, Autobahnen und Bahnstrecken.

Wird bei der WM Begeisterung überwiegen oder Proteststimmung?

Die Begeisterung wird ganz sicher da sein, aber ich glaube auch, dass es zu Protesten kommen wird. Ich finde es richtig und wichtig, dass die Leute zeigen, dass sie nicht zufrieden sind. Aber es ist genauso wichtig, dass jeder bei sich selbst anfängt und nicht selbst Korruption im Kleinen betreibt. Da braucht es eine Veränderung im Kopf. Das ist ein langer Prozess.

Interview: Jan Christian Müller

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