Zum Wochenanfang, wenn viele Neuwagenbesitzer nach Wolfsburg strömen, putzt sich die Autostadt immer besonders heraus. Kein Blatt, nicht mal ein Krümel scheint auf den Zufahrtsstraßen und Gehwegen zu liegen, und auch die Fußball-Arena wird stets picobello gepflegt. Zum Ordnungssinn passte am Montag nur nicht, dass am von einem Rasenmäher akkurat bearbeiteten Trainingsplatz des VfL Wolfsburg noch immer das überdimensionale Farbbild hing, das einen gewissen Felix Magath in bestimmender Pose zeigt, während die Spieler ihren Trainer mit verschränkten Armen betrachten.
Es mag Zufall sein, aber die Realität hat auf der gegenüberliegenden Stadionseite anders ausgesehen. Lorenz-Günther Köstner stand mitten im Geschehen, und dieser unscheinbare Mann schien Teil einer riesigen Mannschaft zu sein. Dabei waren die Trennlinien unter mehr als 30 Fußballern nicht zu übersehen: Die erste Elf aus dem siegreichen Düsseldorf-Spiel mit der Zentralfigur Diego übte gegen eine engagierte B-Mannschaft um Christian Träsch und weiteren Nationalspielern aus aller Welt. Hinter dem Tor erledigte Griechen-Legionär Sotirios Kyrgiakos mit weiteren Aussortierten eine Art Bewegungstherapie. Köstner gab zu, dass er die Kategorisierung mit seinem Co-Trainer Alexander Strehmel und dem Niederländer Andries Jonker abgesprochen habe, als dritten Vertrauten hat er seinen U-23-Teammanager Pablo Thiam dazugeholt. „Es ist jetzt wichtig, dass die gleiche Mannschaft oft zusammenspielt.“
Wie befreit spielten die Wolfsburger unter Interimstrainer Lorenz-Günther Köstner (l) gegen Düsseldorf auf. Foto: Jonas Güttler
Seine Helfer-Mission – die zweite, nachdem er im Winter 2010 ein halbes Jahr eingesprungen war − sei aber nicht zu unterschätzen. „Damals hatten wir eine funktionierende Mannschaft. Diesmal hat es den Anschein, dass gar nichts funktionierte.“ Solche Aussagen sollen kein Nachtreten sein – den Spielern hat das der Interimstrainer gar untersagt −, aber auch er ist von Magath ein bisschen enttäuscht, weil „ich versucht habe, den Felix zu erreichen, aber kein Rückruf kam“.
Der gelernte Elektroinstallateur hat zwar bei seinem Amtsantritt gesagt, er wolle die Arbeit im Sinne Magaths weiterführen, doch wenn der 60-Jährige das wirklich tun würde, hätte er sofort verloren. Also führt er viele Gespräche: mit Emanuel Pogatetz, den er auf die Bank verbannte, oder Träsch, der auf die Tribüne musste. Köstner: „Und viele sind von sich aus zu mir gekommen.“ Die Profis haben auf eigenen Antrieb hin einen Kassettenrekorder in der Kabine installiert und hören jetzt Musik. „Der Trainer ist der richtige Mann für den Neustart“, glaubt der in die Stammelf rotierte Tscheche Jan Polak. Als „Mister Lorenz“ bezeichnet ihn liebevoll der Brasilianer Diego, den Magath offenbar hinterrücks in die brasilianische Heimat abschieben wollte. „Er gibt uns allen Selbstvertrauen.“
Köstner indes als Menschenfänger oder Motivationsguru zu bezeichnen, ginge zu weit. Pastorale Ausführungen und zackige Ansagen wechseln sich bei ihm ohne Ankündigung ab. Einerseits hat er allen für das Pokalspiel gegen den FSV Frankfurt (Mittwoch 20.30 Uhr) aufgetragen, „Dankbarkeit und Demut zu zeigen, damit das Publikum uns unterstützt“. Andererseits hat er deutlich gemacht, „dass dies der kürzeste Weg nach Europa ist.“ Gleichzeitig geht es um übergeordnete Ziele: „Wir wollen Ehrlichkeit und Vernunft zurückbringen.“ Beides war in der Magath-Ära wohl auf der Strecke geblieben.
Beinahe stündlich emanzipiert sich die Fußball GmbH von ihrem Alleinherrscher, dabei ist es dienlich, dass sich der Oberfranke mit den Befindlichkeiten im östlichen Niedersachsen auskennt. Als Köstner von Magath Anfang 2009 als Trainer für die zweite Mannschaft geholt wurde, „hatte ich nicht gedacht, dass ich so lange bleibe“. Er habe damals gleich eine Doppelhaushälfte angemietet. Und? „Heute fühle ich mich hier wohl.“ Sein Eigenheim mit Bergpanorama im Dörfchen Breuningsweiler nahe dem schwäbischen Winnenden besitze er immer noch.
Köstner vollbrachte einst in Unterhaching Bemerkenswertes, wo er aus minimalen Möglichkeiten Maximales erschuf – in Wolfsburg geschah zuletzt Gegenteiliges. Mit dem Regionalliga-Team konnte Köstner beobachten, wie die Profis das Ansehen des Klubs ramponierten. „Über Wolfsburg wurde gespottet. Millionen sind verbrannt worden. Es war doch nix mehr zusammen.“ Der zweifache Vater redet sich dabei in Rage, weil auch seine Grundwerte in Gefahr gerieten. Diese Überzeugung könnte ihm helfen, dass die VW-Bosse ihm bis zum Winter vertrauen, zumal zunächst ein neuer Sportdirektor gefunden werden soll. Köstner kann damit gut leben. „Ich werde nichts fordern.“ Nur möchte er auch nicht „rumeiern“, wie er sagt: „Bundesliga-Trainer ist der geilste Job – wenn man Erfolg hat.“
Die WM-Qualifikation soll für Joachim Löw und die DFB-Auswahl nur eine Zwischenstation sein. Mehr in unserem WM-Spezial.
Hier verpassen Sie nichts: Die Rennen live - mit allen Informationen über die Teams, Strecken sowie die aktuellen Ranglisten.

Auch unterwegs bestens informiert - holen Sie sich FR-Online.de in unserer speziellen Aufbereitung aufs Handy. Neben unseren News bekommen Sie unterwegs viele Sport-Liveticker, die aktuelle Verkehrslage, das Kinoprogramm für Rhein-Main samt Bilder und Trailer, TV-Tipps und das lokale Wetter. All das ganz ohne App. Die Adresse: mobil.fr-online.de.
|
|