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13. August 2014

Videoanalyse: Bilder statt Worte

 Von 
Eintracht-Videoanalyst Marcel Daum (m.) im Gespräch mit Trainer Thomas Schaaf.  Foto: Imago

Die visuelle Schulung hat den Profifußball flächendeckend erfasst. Aktuell werden in der Bundesliga die Videositzungen vor allem zur Integration der Neuzugänge eingesetzt.

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Franz Beckenbauer hat aus seiner Epoche als Trainer- und Teamchef mal die Geschichte erzählt, wie er sich eine VHS-Cassette zur Hand nahm, die er so oft vor- und zurückspulte, bis fast der Daumen blutig war. Ähnliche Episoden geben Fußballlehrer älteren Semesters gerne zum Besten. Wahre Tausendsassas, die mit den Feldspielern noch selbst Kondition bolzten, zwischendrin die Torhüter trainierten; die mit bloßem Auge die Verletzungen diagnostizierten und mit einem Anruf einen Neuzugang verpflichteten. Und wenn sie nachts nicht besseres zu tun hatten, sichteten sie eben auch die Videos selbst. Das war einmal.

Als unlängst der FC Bayern sein Sponsorenturnier in Hamburg spielte, befanden sich allein fünf Münchner Videoanalysten unter der Leitung von Michael Niemeyer in der Arena. Und selbst der finanziell nicht auf Rosen gebettete Hamburger SV beschäftigt drei Spezialisten auf einem Gebiet, in dem Boris Notzon als einer der Pioniere gilt. „Die Videoanalyse ist unerlässlich geworden“, sagt der Spielanalytiker, der von 2008 das Sportslab des 1. FC Köln mit aufgebaut hat und bei der WM als Chefanalyst für die Nationalelf von Kamerun tätig war, da ihn Nationaltrainer Volker Finke aus der gemeinsamen Kölner Zeit gut kannte. „Wer nicht anfängt, mit Fachleuten zu arbeiten, bleibt auf der Strecke“, behauptet Finke. Der Vormarsch der videogestützten Spielvorbereitung ist gar nicht mehr aufzuhalten, „weil sie bereits im Nachwuchsbereich fest verankert ist“, erklärt Notzon. Diese Generation kenne es gar nicht anders, so der 34-Jährige, interaktiv an Bildschirmen zu lernen. „Und mitunter ist es ja ein bisschen wie an der Playstation.“

Die visuelle Schulung hat den Profifußball flächendeckend erfasst. Und sie wird abgedeckt von Experten, „die uns das abnehmen“, wie der zum VfB Stuttgart zurückgekehrte Armin Veh erläutert. „Wenn wir etwas begründen wollen, können wir alles zeigen.“ Sein Kollege Christian Streich gab kürzlich auf dem Trainerkongress zu, es damit bisweilen gar übertrieben zu haben. „Bis spät abends Videos zeigen – irgendwann schalten die Jungs ab.“ Grundsätzlich sei es aber gut, „wenn auch der Spieler alles über den Gegner weiß und nicht nur der Trainer.“ Bei der Nationalmannschaft heißt es, permanente Videoanalysen helfen, „Eigenreflektion und Eigenfeedback zu fördern.“ Ein Bild sagt eben mehr als 1000 Worte.

Aktuell werden in der Liga die Videositzungen vor allem zur Integration der Neuzugänge eingesetzt. In Köln erteilte Co-Trainer Manfred Schmid dem aus Kaiserslautern geholten Stürmer Simon Zoller Nachhilfe am Fernseher, damit sich die Laufwege besser verinnerlichen. Und nicht nur bei Eintracht Frankfurt wird zusätzlich sogar das Training gefilmt. Trainer Thomas Schaaf sieht „viel Bedarf, aber es braucht das richtige Gefühl, wie viel man davon macht.“ Welchen Umfang sich Frankfurts Berufsfußballers an digitaler Förderung gönnen, ist ihnen teils selbst überlassen. Die Tür zum Videoanalysten Marcel Daum steht offen: Der Sohn des ehemaligen Bundesligatrainers Christoph Daum kann auf Knopfdruck zehn prägende Zweikämpfe des Widerparts vom Wochenende präsentieren. Seine Gilde macht meist noch viel mehr, als nur den Gegner auszuspähen – bei der Rekrutierung neuer Spieler treffen sie nach der Videosichtung oft das allererste Urteil.

Generell stellt Notzon eine große Offenheit für die Thematik fest; der Baustein „Spielanalyse“ ist als fester Bestandteil in der Fußballlehrer-Ausbildung verankert. Es bringe aber nichts, „jeden Tag in den Kinosaal zu bitten.“ In der prosperierenden Branche sei es mittlerweile leicht möglich, die digitalen Spieldaten – Torschüsse, Zweikämpfe, Laufwerte – mit den Spielbildern zu „verheiraten“. Es gebe einige Klubs, erzählt Notzon, „die senden ihren Spielern die wichtigen Erkenntnisse in einer Dropbox zu.“ Anderswo sind Kennwörter an die Kicker vergeben, damit diese sich am iPad ihre Szenen anschauen. E-Learning im Profifußball.

Thomas Tuchel war so ein Technikfreak, der mit diesem Instrument die Profis beim FSV Mainz 05 besser machte. „Ich bin dankbar gewesen, wenn er oder sein Co-Trainer Arno Michels mit mir immer wieder Szenen durchgegangen sind“, erzählte einmal Johannes Geis. Der Mittelfeldspieler bringt mit 20 Jahren bereits ein exzellentes Verständnis für Raum und Zeit mit – einen Teil hat er nach eigener Einschätzung der Videoanalyse zu verdanken. Notzon ergänzt nur, bei aller Schwärmerei dürfe eines nicht vergessen werden: „Sie liefert nur eine Unterstützung – die zentrale Arbeit findet immer noch auf dem Platz statt.“ Das hätte „Kaiser Franz“ nicht besser sagen können.

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