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30. Dezember 2011

Vierschanzentournee: Hannawalds Erben

 Von Jörg Winterfeldt
Freitag Nachmittag startet die Vierschanzentournee. Foto: dapd

Durch die kontinuierliche Ausbildung der vergangenen Jahre verfügt das deutsche Skisprung-Team über eine neue Top-Generation mit Richard Freitag und Severin Freund

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Oberstdorf –  

Der Optimismus lässt sich aus einer gewissen Tragik schöpfen. Am vergangenen Mittwochabend hatte Sven Hannawald in das Kino von Oberstdorf geladen. Vor zehn Jahren war es ihm als bisher einzigem Athleten gelungen, in mittlerweile 60 Jahren Vierschanzentournee in einer Ausgabe alle Wettkämpfe zu gewinnen.

Von dem Ruhm zehrt er noch immer. Hannawald ist bald nach dem Triumph ausgebrannt zurückgetreten, aber ein Manager hat ihn vor drei Jahren in eine untere Motorsportserie verfrachtet, weil er gemerkt hat, dass der Name noch immer den einen oder anderen Sponsor anlockt. Deswegen wird im Kino auf einem kleinen Fernseher ein Zusammenschnitt der Siegsprünge gezeigt.

Ein Film von Hannawald bei einem Autorennen läuft nicht.

Auf der Suche nach dem Sinn

Dabei hofft Hannawald, irgendwann in den nächsten Jahren Amateurmeister im Motorsport zu werden. Er meint das ernst. Allen Ergebnissen zum Trotz, die beweisen, dass er immer weiter nach hinten rutscht, je mehr Autos starten − obwohl ihm inzwischen der frühere Formel-1-Pilot Heinz-Harald Frentzen zur Seite gestellt wurde.

Hannawald trägt heute einen Dreitagebart, auf seinen Autogrammkarten für einen Münchner Skimodenproduzenten steht „Skispringer und Motorsportler“. Er erinnert sich an die Zeiten nach der Schanzenheldenkarriere, als er nur „eine schöne Vergangenheit und eine vernebelte Zukunft“ sah.

Doch er vermag mit 37 Jahren noch immer nicht den Eindruck zu korrigieren, dass die Gesellschaft da einen Spitzensportler ziemlich allein gelassen hat auf der Suche nach dem Sinn des Daseins. „Man hat immer die Hoffnung, dass man der Einzige bleibt, der es geschafft hat, bei der Vierschanzentournee alle Springen zu gewinnen.“

Schmitt als halbe Boygroup

Mit Hannawald hatte sich fast zehn Jahre lang die Zuversicht aus dem deutschen Skispringen verabschiedet. Zwar rauscht der Mitbegründer des einstigen Adlerbooms, Martin Schmitt, als halbe Boygroup mit nunmehr 33 Jahren noch immer die Schanzen herunter, aber seine Weltcup-Platzierungen in diesem Winter registrierten allenfalls Spezialisten: 50, 25, 29 und 36.

Dafür erlebt der Deutsche Skiverband (DSV) seit dem vorigen Winter einen Generationswechsel, der Hoffnungsträger nach oben gehievt hat. Richard Freitag, in Erlabrunn im gleichen Krankenhaus geboren wie Hannawald und vor diesem bereits der viermalige Tourneesieger Jens Weißflog, ist in diesem Monat mit seinem ersten Weltcupsieg und einem zweiten Platz zum Vierten im Gesamtweltcup aufgestiegen.

Severin Freund, der vorige Saison seine ersten beiden Weltcups gewonnen hatte, liegt nur zwei Plätze hinter seinem Zimmerkollegen. „Ihnen fehlt zwar noch die Routine, aber wir freuen uns, dass sie in der Lage sind, Springen zu gewinnen“, sagt Bundestrainer Werner Schuster, „mindestens einer von den beiden sollte es schaffen, bei dieser Vierschanzentournee eine gute Rolle bis zum Ende zu spielen.“

„Skispringer und Motorsportler“ - Sven Hannawald.
„Skispringer und Motorsportler“ - Sven Hannawald.
Foto: dpa

Der Österreicher befiehlt nun in seiner vierten Saison über Wohl und Wehe der deutschen Skispringer. Der für die Disziplin zuständige Koordinator im Verband, Horst Hüttel, hatte Schuster als Cheftrainer der Schweiz einst über die Grenze gelotst und mit ihm ein neues Erfolgskonzept zur Reanimation deutscher Skisprungerfolge erarbeitet.

In der Erfolgsära Hannawalds und Schmitts hatte der Verband − allzu beseelt von den Seriensiegen − die Hände allzu tatenlos in den Schoß gelegt. „Deutschland“, hat Schuster festgestellt, „ist hungrig auf Skispringen.“

Zuerst musste das Duo einige primär auf eigene Profilierung bedachte Stützpunkttrainer maßregeln und sich dabei auch von ausgewiesenen Fachleuten wie dem Kärntner Heinz Kuttin trennen, wenn sie sich nicht als ausreichend kooperationsfähig entpuppten.

So führten Hüttel und Schuster wieder von oben nach unten eine durchgängige Lehre an den Stützpunkten ein. „Die Mannschaft ist jetzt über Jahre gewachsen“, sagt Schuster, „es war eine richtige Maloche, über Hintergrundarbeit das System wieder in Gang zu bringen.“

Selbstbewusst und gelassen

Plötzlich entsteht daher in diesem Jahr der Eindruck, als ernte das Land allmählich den Ertrag seiner Saat aus Jahren kontinuierlicher Ausbildungsarbeit. Die Generationslücke, die Schuster zum Amtsantritt vorgefunden hatte, scheint geschlossen. Im Nationencup liegen die Deutschen gerade auf Platz zwei hinter den dominierenden Österreichern.

Zu Schusters Tourneekader zählen neben Freitag, 20, und Freund, 23, etwa Maximilian Mechler, 27, der laut Schuster „seinen dritten oder vierten Frühling erlebt“, Stephan Hocke, der sich mit 28 nach zwei Monaten Pause wegen einer Lungenentzündung zurückmeldet hat, und natürlich Martin Schmitt, der Routinier. Der behauptet: „Meine Rolle im Team hat sich durch die Erfolge der anderen nicht geändert.“

Neben größerem Selbstbewusstsein verbreiten die Athleten auch größere Gelassenheit als die Generation Hannawald.

Freund absolviert ein Studium des Internationalen Managements an der Fachhochschule Ansbach, das er dem Sport zuliebe unterbrochen hat. Freitag, dessen Vater einst auch Skispringer war, wechselt zum Wohle des Skispringens nach seinem Abitur mit einem Schnitt von 1,5 zum 1.Januar in eine Sportfördergruppe der Bundeswehr. Danach wird er studieren. „Das soll in Richtung Medizin gehen“, sagt er.

„Es geht gar nicht um mich“

Der frühere Erfolgsspringer Hannawald wird seine Erben aufmerksam beobachten.

Er kommentiert für einen Bezahlsender mit vergleichsweise geringer Reichweite und schreibt ein Blog für ein Internetportal. Er mag aber kaum verhehlen, dass er sich damit nicht ausreichend gewürdigt empfindet, weil das ZDF die Expertise des Österreichers Toni Innauer als Co-Kommentator vorzieht.

Der hatte nach seinem Rücktritt als Springer 1982 sechs Jahre lang Philosophie, Psychologie und Sportwissenschaften studiert, war dann Trainer und bis zum vergangenen Jahr Rennsportdirektor für Springen und Nordische Kombination im österreichischen Verband. „Es geht gar nicht um mich“, behauptet Hannawald, „aber so ganz verstehe ich das nicht.“

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