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04. März 2013

Werder Bremen: Sinnkrise bei Werder Bremen

 Von 
Nachdenklich: Werder-Coach Thomas Schaaf.  Foto: getty

Die Talfahrt des SV Werder Bremen scheint mittlerweile eng mit Trainer Thomas Schaaf verknüpft zu sein, noch aber gelten an der Weser gewisse Tabus.

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Bremen –  

Ganz vorne im fensterlosen Mediensaal unter der Ostkurve des Weserstadion steht der weiße Tisch, an dem Thomas Schaaf rechts außen seinen Stammplatz hat. Es gab eine Zeit, in der der Trainer des SV Werder nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz unbehelligt aus dem Raum trat, weil sich die Medienschar flugs um einen Mann versammelte, der aus der ersten Reihe zugehört hatte: Klaus Allofs. Doch seit Schaafs Vertrauter abgewandert ist, geht die Prozedur der medialen Aufarbeitung ein bisschen anders: Der Cheftrainer bleibt stattdessen sitzen und vertieft seine Sicht der Dinge. Nach dem 0:1 gegen den FC Augsburg – der fünften Pleite im siebten Rückrundenspiel – muss sich Schaaf dabei wie ein Angeklagter vorgekommen sein.

Die Stimmung kippt

Er ist schon viel zu lange in diesem Sportverein tätig – Mitglied seit 1972 –, um nicht zu spüren, dass die Stimmung gerade zu kippen droht. Auch gegen ihn. Und als er nun nach einem abermals in jeder Hinsicht besorgniserregenden Auftritt gefragt worden ist, ob er auch an Rücktritt denke, antwortete der 51-Jährige vielsagend: „Ich habe 1000 Gedanken im Kopf, die müssen nicht immer in diese Richtung gehen.“ Seine Reaktion auf die Schmährufe von der Stammkundschaft auf der Südtribüne: „Ich weiß, dass wir keinen Applaus erwarten können, wenn wir so ein Spiel verlieren. Wir sehen alle, dass sich die Mannschaft sehr schwertut, den nächsten Schritt zu gehen.“

Und die Frage nach dem Abstiegskampf, den sein nun in Mönchengladbach gesperrter Abwehrchef Sokratis ja unmittelbar ausgerufen hatte? „Für mich ist das im Moment scheißegal. Meine Gedanken sind nicht bei der Tabelle.“ Sondern womöglich bei einem geordneten Rückzug am Saisonende? Ein freiwilliger Abgang trotz des bis 2014 laufenden Vertrags gilt mittlerweile als mögliche Variante für diesen Bremer Sommer.

Kritik an der Arbeit eines Fußballlehrers, der die Viererkette schon bei Werders Amateurmannschaft auf Platz 11 installierte, als in den Bundesliga-Stadien noch der Libero zu besichtigen war und der gleich in seinem ersten Cheftrainerjahr 1999 den DFB-Pokal gegen den FC Bayern gewann, wagt im Verein kaum jemand. Und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Hinzu kommt: Seit dem Allofs-Abgang entschloss sich die Geschäftsführung, Schaafs Position noch zu stärken. Im Werder-Kosmos hat der dienstälteste Bundesliga-Trainer nicht nur die zentrale Position inne, sondern wird umgeben von Unterstützern und Vertrauten, Förderern oder Freunden – ganz gleich, ob die Willi Lemke (Aufsichtsrat), Klaus-Dieter Fischer (Vereinspräsident), Frank Baumann (Direktor Profifußball) oder Klaus Filbry (Vorsitzender der Geschäftsführung) heißen.

Treibende Kraft einer Trainerentlassung müsste vom Organigramm her eigentlich Thomas Eichin sein, der erst seit wenigen Wochen als neuer Geschäftsführer Sport tätig ist. Aber dann könnte sich der Novize auch gleich daran machen, mit Hammer und Meißel eigenhändig den steinernen Roland vom Sockel am Marktplatz zu entfernen – das wäre vermutlich einfacher.

Schwieriger Job für Eichin

Er hat also den schwierigsten Job. Kaum überraschend, dass Eichin die Verantwortung fürs nächste kollektive Versagen flugs an die Mannschaft weiterreichte. „Wir haben einige Spieler mit sehr hohen Ansprüchen, die müssen es jetzt auch mal auf dem Platz zeigen und nicht nur in Interviews zwischen den Spieltagen.“ Auch der 46-Jährige schützte – wie sein Vorgänger Allofs in Krisenzeiten – reflexartig den Trainer. „Dass sich in der Mannschaft Dinge ändern müssen, das weiß Thomas Schaaf auch. Der Trainer steht in keiner Weise zur Diskussion.“

So hat es die Werder-Familie immer gehalten. Sie sind so ja auch immerhin einmal Meister, einige Male gefühlter Meister und zweimal Pokalsieger geworden und dazu sechsmal in die Champions League gekommen. Aber geht es jetzt nicht jetzt um Grundsatzfragen? Zuletzt sind die Platzierungen 13 und neun herausgesprungen – mehr als biederes Mittelmaß ist im dritten Jahr in Folge nicht drin, obgleich die Personalkosten der Bremer in diesen drei Jahren mindestens gehobenen Bundesliga-Durchschnitt darstellten. 35 Millionen sollen es aktuell sein, die Profis vom Kaliber de Bruyne und Petersen, Elia oder Ekici, Junuzovic, Sokratis und Arnautovic kosten. 13 Nationalspieler vereint das Aufgebot. Das müsste eigentlich reichen, um Kaliber wie Freiburg und Mainz, allemal aber Düsseldorf oder Nürnberg auf Distanz zu halten. Oder um Augsburg zu schlagen.

Einige Spieler, die meisten noch jung und entwicklungsfähig, werden übrigens ihre eigenen Lehren aus der Talfahrt ziehen: Mit wichtigen Abgängen ist am Saisonende bei Werder zu rechnen, wenn dieser einstige Vorzeigeverein wieder zu dem schrumpft, was er bei Schaafs Amtsantritt war: eine kleine nationale Nummer

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