Im August vergangenen Jahres hat Werder Bremen seinen Innenverteidiger Per Mertesacker für mehr als zehn Millionen Euro an den FC Arsenal in die Premier League verkauft. Seit Montagabend gibt es gesicherte Hinweise darauf, wie dringend notwendig dieser Transfer war: Die SV Werder Bremen GmbH & Co. KG aA hat bei der Mitgliederversammlung am Montagabend ein Defizit von 13,9 Millionen Euro für die vergangene, völlig verkorkste Saison ausweisen müssen. Damit haben die hanseatischen Kaufleute im Spieljahr 2011/12 zwei Negativrekorde aufgestellt: den größten Verlust ihrer Klubhistorie und die schwächste Rückrunde seit Bundesligazugehörigkeit.
Der von Willi Lemke angeführte Aufsichtsrat war im Zuge eines Zwists mit dem investitionsfreudigen Sportdirektor Klaus Allofs öffentlich heftig kritisiert worden, nachdem er die Ausgabenpolitik tiefgreifend auf den Prüfstand gestellt hatte.
Jetzt zeigt sich, weshalb die seinerzeit erheblich missverstandenen Kontrolleure so heftig auf die Bremse traten: Es war angesichts der sportlichen Talfahrt geboten, um den Klub in der Balance zu halten. Zum Ende der Saison folgten auf Mertesacker noch die Verkäufe des Brasilianers Wesley (für 6 Millionen Euro zu Palmeiras São Paulo), von Marko Marin (8 Millionen, FC Chelsea) sowie Naldo (4,8 Millionen, VfL Wolfsburg). Zudem wurden mit Claudio Pizarro (ablösefrei zum FC Bayern), Tim Wiese (ablösefrei nach Hoffenheim) und Tim Borowski (Karriereende) weitere Spieler von der Lohnliste gestrichen, die mehrfache Millionengehälter kassierten. Die Personalkosten für die Profiabteilung wurden so von mehr als 50 Millionen auf 35 Millionen Euro gesenkt.
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Die Verantwortlichen sind nun eifrig bemüht, der aktuellen negativen Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Rekordverlust entgegenzuwirken. Die Höhe des Minusbetrages sei „ein Erfolg“, sagte der stellvertretende Aufsichtsratschef Hubertus Hess-Grunewald. Geschäftsführung und Aufsichtsrat hätten „die Weichen für die Zukunft gestellt, um ein Defizit, das sonst vielleicht um ein Vielfaches höher ausgefallen wäre, zu verhindern.“ Hess-Grunewald räumte aber auch ein: „Es war ein hartes Jahr.“
Im Geschäftsjahr 2011/2012 reduzierten sich die von den Profis erwirtschafteten Gesamterträge gegenüber dem vorherigen, vor allem dank des Verkaufs von Mesut Özil an Real Madrid mit dem zweithöchsten Gewinn (8,2 Millionen Euro) der Vereinsgeschichte abgeschlossenen Geschäftsjahr um 24,2 Millionen auf 95,6 Millionen Euro.
Klubchef Klaus Allofs erläuterte in seiner Rede vor den Mitgliedern: „Das negative Ergebnis ist im Wesentlichen auf die fehlenden Erträge aus der Champions League zurückzuführen. Unsere traditionell hohe Eigenkapitalausstattung ermöglicht es jedoch, den Fehlbetrag aus eigenen Mitteln auszugleichen.“
Das ist in der Tat tröstlich. Das angesparte Kapital betrug zum Ende vergangener Saison 24,4 Millionen Euro. „Werder ist gesund und verfügt nach wie vor über eine hohe Liquidität, die es unter anderem gestattet, Transfers aus Eigenmitteln zu finanzieren“, so Finanzchef Klaus Filbry.
Für die laufende Saison kündigte Allofs ein im Vergleich zum Vorjahr „verbessertes Ergebnis“ an, was freilich keinen Gewinn bedeutet. Stattdessen fährt der Verein den Kurs eines kalkulierten Risikos, erwartet wieder einen Verlust, der das Eigenkapital weiter aufzehrt, hofft aber auf sportlich bessere Zeiten: ein Erreichen der Europa League oder besser der Champions League, was nach dem schwächsten Saisonstart seit zwölf Jahren trotz des 2:1-Siegs gegen Mainz 05 illusorisch erscheint. Da lag es vor allem am gereiften Kapitän Aaron Hunt, dass die Bremer glücklich zu drei Punkten kamen: reiche Beute für die armen Schlucker. Vom Leistungsniveau eines Champions- League-Kandidaten ist die Mannschaft aber noch weit entfernt.
Die Bremer sind also weiterhin gezwungen, die Kostenseite sehr genau zu betrachten. Der neu in den Aufsichtsrat rückende Ex-Nationalspieler Marco Bode hat es bereits klar formuliert: „Zwei weitere Jahre wie die vergangenen kann sich Werder weder sportlich noch wirtschaftlich leisten.“
Nationalspieler Andre Schürrle traf noch vor der Pause zum 2:1 für Leverkusen. Foto: Federico Gambarini
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