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04. März 2016

WM 2006: Freshfields-Bericht belastet Beckenbauer

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Sommermärchen 2006: Deutschland wollte schönen Fußball – ehrlich, brav und fröhlich.  Foto: Ilona Surrey

Vor der WM 2006 sind 6,7 Millionen Euro von Franz Beckenbauers Konto über mehrere Umwege nach Katar geflossen, wie der Freshfields-Bericht bestätigt. Und das ist nicht die einzige skandalträchtige Erkenntnis.

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Es dürfte eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte des Deutschen Fußball Bundes (DFB) gewesen sein, das am Freitag in exakt 90 Minuten abgehandelt, aber längst nicht aufgeklärt wurde. Was die Frankfurter Kanzlei Freshfields bei ihren Nachforschungen im Zuge der WM-Vergabe 2006 zutage förderte, gewährte detaillierte Einblicke in die Machenschaften der Entscheidungsträger. Vor allem auf Lichtgestalt Franz Beckenbauer, aber auch auf seine wichtigsten Helfer Horst R. Schmidt, Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger fällt ein Schatten. DFB-Interimspräsident Rainer Koch diagnostizierte ein „völliges Versagen interner Kontrollmechanismen“. Man habe es mit einem Zahlungsvorgang zu tun, der „zehn Jahre verheimlicht und zehn Monate beschönigt“ wurde, wiewohl er eigentlich in „zehn Sekunden zu erklären“ gewesen sei: „Der DFB hat zehn Millionen Franken an das katarische Unternehmen Kemco gezahlt und über die Fifa verschleiert.“

Diese umgerechnet 6,7 Millionen Euro flossen zwischen Konten von Beckenbauer, dem Organisationskomitee (OK), der Fifa und des verstorbenen Adidas-Chef Robert-Luis Dreyfus über das Konto einer Anwaltskanzlei im Schweizer Kanton Obwalden hin und her, um am Ende im Einflussbereich des skandalumwitterten Mohamed bin Hammam in Katar zu landen. Warum dies geschah, bleibt fraglich. Nicht auszuschließen, aber auch nicht verifizierbar bleibt Beckenbauers Behauptung, man habe das Geld zahlen müssen, um einen Fifa-Zuschuss von 170 Millionen Euro zur WM 2006 zu bekommen.

Was aber geschah mit dem bewusst falsch als „Kostenbeteiligung OK an Fifa Football Gala“ deklarierten Geld, nachdem es im Mai 2002 auf einem offensichtlichen Schmiergeldkonto in Katar landete? Das konnte auch Anwalt Christian Duve in der Zusammenfassung seines 380 Seiten starken Reports – für den allein 128 000 elektronische Dokumente und 740 Aktenordner, 92 Ordner mit Überweisungsträgern gesichtet sowie 31 Personen befragt wurden – nicht beantworten. Die Fifa-Gala fand nie statt, das Geld war da längst schon in Katar. Und wohin wanderte es von dort? Sepp Blatter lehnte eine Befragung durch Freshfields ab.


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Skandalträchtig stellt sich auch der in den DFB-Archiven gefundene Vertragsentwurf mit dem korrupten Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner aus dem Juni 2000 dar, den das OK vier Tage vor der WM-Vergabe fixierte und sich nicht scheute, dem einflussreichen Funktionär Firstclass-Flüge zu bezahlen, Nationalflaggen zu drucken und Ticket-Rohlinge zukommen zu lassen. Hintergrund: Nicht alle vier Asien-Vertreter wollten für Deutschland stimmen. Warner sollte gefügig gemacht werden, Stimmenkauf sei das aber nicht nachweislich gewesen, beschwichtigten sowohl Freshfields-Anwalt Duve als auch DFB-Mann Koch.

Für die Antikorruptionsexpertin Sylvia Schenk hat der DFB mit dem öffentlichen Vorstoß – der Report wurde zeitgleich online gestellt – einen glaubwürdigen Eindruck hinterlassen. „Es spricht einiges dafür, dass es sich bei dem Geldfluss um eine Kick-back-Zahlung zur Erhöhung des WM-Zuschusses“ gehandelt habe. „Wir wissen, dass damals mit harten Bandagen gekämpft wurde. Das waren Grauzonen, die wir heute als Schwarzzonen ansehen. Korruption war damals ein Kavaliersdelikt!“ Aber entbinden diese Umstände die OK-Bosse rückwirkend von der Verantwortung? Das wird auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft zu klären haben, die wegen Steuerhinterziehung in besonders schwerem Fall gegen Niersbach, Schmidt und Zwanziger ermittelt und weitere Akten auswertet, die Freshfields nicht zur Verfügung standen.

Die Bundesanwaltschaft der Schweiz kritisierte am Abend die Veröffentlichung des Reports. Sie ermittelt aufgrund eines Rechtshilfeersuchens der Frankfurter Kollegen in der Affäre und befürchtet nun erhöhte Verdunkelungsgefahr durch Verdächtige.

Dass der zurückgetretene DFB-Chef Niersbach das Präsidium monatelang über interne Recherchen nicht in Kenntnis setzte, bezeichnete Koch derweil als „inakzeptables Verhalten, für dass er die Konsequenzen gezogen hat“. Liga-Präsident Reinhard Rauball wand sich um die Frage, ob Niersbach den deutschen Fußball noch glaubwürdig in Fifa- und Uefa-Exekutive repräsentieren könne: „Das müssen die Gremien entscheiden.“

Auch Niersbach meldete sich schließlich noch zu Wort: „Den Vorwurf, im Sommer 2015 meine Kollegen im DFB-Präsidium nicht zügig über die mir bis dahin bekannten Vorgänge informiert zu haben, verstehe ich. Ich habe mich zum damaligen Zeitpunkt bemüht, die Hintergründe des Sachverhalts zu recherchieren und zufriedenstellende Antworten zu erhalten, bevor ich das Präsidium informiere. Dass mir dies nicht gelungen ist, bedauere ich zutiefst.“

Für den designierten DFB-Präsidenten Reinhard Grindel steht fest, dass der Verband dringlich „eine Strukturveränderung“ braucht. Der bisherige Schatzmeister möchte dafür eine Stabsstelle Compliance und Controlling einrichten und plädiert für eine Ethikkommission. Wenn im Zuge der geplanten EM-Bewerbung 2024 wieder ein deutsches Organisationskomitee gegründet werde, soll es von drei Instanzen kontrolliert werden. Konkret will Christdemokrat Grindel beim außerordentlichen Bundestag am 15. April in Frankfurt werden.

Und ob die Nationalmannschaft auch weiterhin in Trikots mit den drei Streifen von Adidas spielen wird, soll nicht mehr, wie jahrzehntelang gewohnt, in Hinterzimmern ausbaldowert werden, sondern in einem transparenten Verfahren. Am 18. März darf sich deshalb auch die Firma Nike höchst offiziell dem Präsidium vorstellen.

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