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12. März 2010

Zuckerbrot und Peitsche: Das System Amerell

 Von Jan Christian Müller
Manfred Amerell beim Betreten des Verhandlungssaales des Landgerichts in München Anfang März 2010. Foto: ddp

Wie das heute im DFB-Präsidium auf dem Prüfstand stehende deutsche Schiedsrichterwesen jahrzehntelang funktionierte: Nur mit Leistung schaffte es niemand bis in die erste Liga. Von Jan Christian Müller

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Wer als Schiedsrichter Karriere machen will, muss nicht nur gut pfeifen, er muss vor allem auch gut vernetzt sein. In der Szene herrscht weitgehend Einigkeit: Nur mit Leistung schaffte es niemand bis in die erste Liga. Von Mitte der 90-er bis zum Jahresende 2009 waren vor allem gute Kontakte zu Manfred Amerell hilfreich. Der einflussreiche Amerell, erzählt ein Insider, der lieber ungenannt bleiben will, sei ein hochintelligenter Mensch, der "brutale Macht ausgeübt" habe, indem "geschickt ein System aufbaute", von dem seine Lieblinge "besonders profitiert" hätten: "Bei Amerell liefen alle Fäden zusammen". Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Franz-Xaver Wack, als jahrelanger Intimfeind von Amerell allerdings Partei, spricht von einem "Zuckerbrot- und Peitschenspiel". Die Konkurrenz ist extrem. Ein anderer Kenner der Szene sagt: "Jeder lächelt jeden an, aber jeder will nur hochkommen." Denn es geht auch um recht viel Geld: Spitzen-Schiedsrichter, die allesamt auch noch einen Beruf ausüben, verdienen bis zu 100.000 Euro im Jahr.

Der Vorsitzende des Schiedsrichter-Ausschusses, Volker Roth, 68, Mitglied der Uefa-Schiedsrichterkomission, habe sich der Darstellung zufolge mehr für seine internationale Karriere interessiert. In Deutschland sei also Amerell, 63, der entscheidende Mann gewesen, der auch auf Drängen des Weltfußballverbandes Fifa einen konsequenten "Verjüngungswahn" unterstützt habe. Bis in die 90-er Jahre hinein konnten Jung-Schiedsrichter nur alle zwei Jahre eine Klasse aufsteigen. Unter diesen Voraussetzungen hätte Michael Kempter im Alter von 23 Jahren noch nicht in der Bundesliga pfeifen können. Bei ihm ging es dann so schnell wie bei keinem vor ihm - mit Amerell im Hintergrund als Förderer. Bald nach seinem Aufstieg ins Oberhaus sagte Kempter in einem Interview: "Schon in der zweiten Liga bin ich am Abend vor dem Spiel angereist und musste nach dem Schlusspfiff zur Spielanalyse mit Manfred Amerell und Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Strigel vom DFB. Das wird so bleiben, solange ich als Nachwuchs-Schiedsrichter gelte."

Mittlerweile wissen junge Schiedsrichter, dass sie es nicht mehr nach oben schaffen werden, wenn sie es bis zum Alter von 25 Jahren nicht zumindest in die Regionalliga, der vierthöchsten Spielklasse, geschafft haben. Bereits mit zwölf Jahren können Jugendliche auf Kreisebene ihre erste Schiedsrichterprüfung ablegen, sie werden dann zunächst unregelmäßig auf Kreis - und Landesverbandsebene beobachtet und bewertet, ab der Regionalliga und den A- und B-Jugendligen aufwärts dann regelmäßig von DFB-Beobachtern. Grundprinzip einer erfolgreichen Laufbahn: "Ein Mentor mit guten Beziehungen ist wichtig, sonst kann ein Talent pfeifen und pfeifen, und es passiert gar nichts." Ein solcher Mentor war Manfred Amerell, noch dazu einer, der die Ansetzungen sowohl der Schiedsrichter als auch der Beobachter in Regionalligen und Jugend-Bundesligen persönlich bestimmte, "nach Gutsherrenart", wie Kritiker sagen, aber auch mit dem Resultat, dass deutsche Schiedsrichter sich einen guten internationalen Ruf erworben haben. Das "System Amerell" soll an diesem Freitag bei der DFB-Präsidiumssitzung nun gekippt werden, um allzu viel Machtkonzentration künftig zu vermeiden.

Weil der umtriebige Amerell als Fachmann mit einem sehr guten Blick für Talente gilt, darf es wenig verwundern, dass von 42 Erst- und Zweitligareferees neun aus Bayern kommen. Sechs (Deniz Aytekin, Felix Brych, Helmut Fleischer, Günter Perl, Peter Sippel und Wolfgang Stark) pfeifen in der Bundesliga. Das ist bei insgesamt 22 Erstligaunparteiischen ein sehr hoher Anteil von 27 Prozent, den sich zu einem Gutteil auch Amerell zuschreiben kann, der sich aber auch damit erklärt, dass der bayerische Fußballverband von deutschlandweit 80.000 Schiedsrichtern allein 18.000 stellt.

Wie wichtig es ist, im Schiedsrichterwesen auf die richtigen Beziehungen zählen zu können, zeigt der Fall des inzwischen 37-jährigen Stefan Trautmann. Der Hesse pfiff in der Saison 2004/05 21 Spiele in der ersten Liga, obwohl ihm bereits im Sommer 2001 vor dem Amtsgericht Frankfurt nachgewiesen worden war, als Lehrwart der Kreisschiedsrichtervereinigung Frankfurt 43 Unterschriften gefälscht und sechs Quittungen manipuliert zu haben. Im Februar 2005 endete dann auch seine Bundesligakarriere. Trautmann, seinerzeit als Sachbearbeiter der Schiedsrichterabteilung in der DFB-Zentrale tätig, hatte mehr als hundert Sportartikel der Firma Adidas im Internet versteigert, die er eigentlich an Schiedsrichterkollegen hätte weiterreichen sollen. Beide Fälle zusammen führten nicht dazu, dass Trautmann auf höherer Ebene keine Fußballspiele mehr leiten darf. Tatsächlich wurde er lediglich für eine Saison aus dem Verkehr gezogen, ehe er ab August 2006 in der Regionalliga (300 Euro pro Einsatz) wieder pfeifen durfte, seit 2008 sogar wieder in der dritten Liga 700 Euro pro Spiel kassiert und inzwischen in der zweiten Liga als Assistent (1000 Euro) und in der Bundesliga als Vierter Offizieller (900 Euro) eingesetzt wird. Statt in der DFB-Zentralverwaltung arbeitet Trautmann nun bei der DFB-Tochter DFB Medien in Hannover.

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