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12. Dezember 2012

Zum Tod von Manfred Amerell: „Ich lebe nicht mehr, ich existiere nur noch“

 Von Jan Christian Müller
Michael Kempter / Manfred Amerell Foto: dapd

Der Tod des ehemaligen Schiedsrichter-Funktionärs Manfred Amerell ist das Ende einer menschlichen Tragödie, die medial bis über die Schmerzgrenze hinweg ausgetragen wurde.

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Der Tod des ehemaligen Schiedsrichter-Funktionärs Manfred Amerell ist das Ende einer menschlichen Tragödie, die medial bis über die Schmerzgrenze hinweg ausgetragen wurde.

Vor einigen Wochen klingelte schon recht zeitig am Morgen mein Telefon im Newsroom der Frankfurter Rundschau. Am anderen Ende meldete sich Manfred Amerell. Es wurde ein längeres Gespräch, das mich traurig zurückließ. Der ehemalige Schiedsrichterfunktionär sagte, sein Leben sei nicht mehr lebenswert und werde auch nie mehr lebenswert werden: „Ich lebe nicht mehr, ich existiere nur noch.“  Er sei ein gebrochener Mann, aber er werde nicht aufhören, darum zu kämpfen, dass sein ruinierter Ruf wiederhergestellt würde: „Der Fall wird mich bis an mein Lebensende verfolgen.“ 

Der Fall Manfred Amerell/Michael Kempter

Am Dienstag fand die Polizei die Leiche des 65-Jährigen in dessen Wohnung in München. Bei einer Pressekonferenz wurde am Mittwoch mitgeteilt, es gebe nach ersten Erkenntnissen weder Hinweise auf  einen Suizid noch auf Fremdverschulden. Auch ein Abschiedsbrief sei nicht gefunden worden. Dann wäre Manfred Amerell eines natürlichen Todes gestorben. Eine Obduktion sollte am Mittwochnachmittag Klarheit über die Todesursache geben, das Ergebnis aber nicht vor Donnerstag bekannt werden.

Am Telefon hatte Manfred Amerell seinerzeit einige Hintergründe zu einem von mir im  Zimmer des Steigenberger Flughafenhotels geführten Interview mit dem jungen Bundesliga-Schiedsrichter Michael Kempter aus dem Februar 2010 erbeten. Darin hatte Kempter seinem Patron unterstellt, ihn sexuell belästigt zu haben: „Nachts um drei klopfte es an meiner Hoteltür.“ Amerell hatte dieser Darstellung immer widersprochen und von einem einvernehmlichen Verhältnis gesprochen.

Im Zivilprozess vor dem  Stuttgarter Oberlandesgericht im vergangenen Dezember widerrief Kempter in steifem Juristendeutsch die zentrale Aussage des Interviews: „Ich erkläre hiermit, dass ich die Behauptung gegenüber der Frankfurter Rundschau, bild.de und dem Sportsender Sport 1 vom 22. und 23. Februar 2010 dahingehend, dass ich Herrn Amerell meinen entgegenstehenden Willen eindeutig und klar zum Ausdruck gebracht habe, im Hinblick auf sexuelle Kontakte zwischen uns beiden nicht weiter aufrechterhalte.“

Hoffnung auf Rehabilitation

Amerell stimmte daraufhin einem Vergleich zu – und hoffte, nach dem Rücktritt Zwanzigers auch vom DFB öffentlich rehabilitiert zu werden. Weil es dazu nicht in der gewünschten Form kam, kündigte er bei einer kurzfristig von seinem Münchner Anwalt einberufenen Pressekonferenz in diesem April an, er werde wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte gegen den Verband klagen. Das war auch der Grund seines Anrufs neulich  in der Redaktion. Er bereitete die Klage vor.

Ich hatte Amerell am Telefon geraten, die Vergangenheit doch besser ruhen zu lassen, um Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Er antwortete, er könne das nicht, er könne erst aufhören, wenn seine Ehre wiederhergestellt sei: „Der Kampf wird bis zum Ende geführt werden. Und das Ende bestimme ich.“ 

Manfred Amerell war es Zeit seiner Schiedsrichterkarriere gewohnt zu bestimmen. Er war kein Mann, der Widerworte duldete. Bis zum 8. Februar 2010.

Tragische Geschichte

Da meldete sich ein unbekannter Informant im Sekretariat der FR-Sportredaktion und ließ durchblicken, dass Amerell von seinem Amt als Sprecher des DFB-Schiedsrichterausschusses zurückgetreten sei, die offizielle Begründung aber nicht den Tatsachen entspräche. Der DFB bestätigte am selben Abend den Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“. Doch es wurde mir noch in derselben Nacht nach einigen Telefonaten klar, dass mehr dahinter steckte. Ein junger Schiedsrichter, so hieß es aus DFB-Kreisen, erhebe Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Schiedsrichter-Funktionär. Amerell dementierte entschieden: „Das ist aus der Luft gegriffen, da lache ich mich kaputt.“

Der „Fall Manfred Amerell/Michael Kempter“, der sich bald zum „Fall Amerell/Kempter/Zwanziger“ ausweiten sollte, wurde zu einer der spektakulärsten, undurchsichtigsten und tragischsten Geschichten in der Historie des Deutschen Fußball-Bundes. Am vorläufigen Ende steht nun der Tod des Manfred Amerell, die zerstörte Schiedsrichterlaufbahn des ambitionierten Talents Michael Kempter, der statt in der Champions League lediglich in der Oberliga pfeifen darf,  und der jähe Karriereknick des ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. Vermutlich ist dies auch das Ergebnis eines unheilvollen Aufeinandertreffens furchtbar selbstgerechter, machtbewusster und kompromissloser Menschen - geschürt von einer Berichterstattung wie leider auch meiner, die dieser menschlichen Tragödie in ihrer ganzen Tragweite nicht immer gerecht wurde.   

Zwanziger und Amerell gaben nie bei

Zwanziger und Amerell haben in ihrem Kampf um öffentliche Anerkennung und Deutungshoheit in einer Angelegenheit, in der es doch nur Verlierer geben konnte, nie klein beigegeben. Zwanziger forderte den Deutschen Fußball-Bund in seinem soeben erschienenen Buch „Die Zwanziger Jahre“ sogar auf, Amerell vor das DFB-Sportgericht zu zitieren. „Der Verband sollte alsbald tätig werden“, schrieb der Ex-Verbandschef, sonst dränge sich der „Verdacht auf, dass der Fall unter den Teppich gekehrt werden“ solle, „bei Amtsmissbrauch“ dürfe ein Sportverband gleichwohl „nicht taktieren“.  Da hatte das DFB-Präsidium unter seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach aber längst entschieden, Amerell in Ruhe zu lassen.

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