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16. Februar 2010

Zwanziger in der Defensive: Warten auf den öffnenden Pass

 Von Wolfgang Hettfleisch und Jan Christian Müller
Alles nicht sehr lustig: Theo Zwanziger.Foto: getty

Theo Zwanziger muss befürchten, dass aus dem öffentlich konstatierten Chaos beim DFB geschlussfolgert wird, er habe seinen Laden nicht im Griff. Von W. Hettfleisch und J.C. Müller

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Er kam über halblinks, der junge Herr Steuerinspektor; war der Mann hinter den Spitzen, zuständig für die zündende Idee, den finalen Pass. Das ist keine Position für einen Zauderer, sondern eine, wo blitzschnelle Entscheidungen gefragt sind.

Das sind Qualitäten, die Theo Zwanziger, jener ehemalige "Zehner" vom VfL Altendiez, jetzt gut brauchen kann. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes muss befürchten, dass aus dem öffentlich konstatierten Chaos beim DFB geschlussfolgert wird, er habe seinen Laden nicht im Griff. Beim Ärger um die Vertragsverlängerung von Joachim Löw, Oliver Bierhoff und deren Hintersassen machte sich der 64-jährige Verbandschef angreifbar. Er kann bis heute nicht schlüssig erklären, wie Details des von ihm als unmoralisch empfundenen Angebots von Löws Unterhändler Bierhoff an die Bildzeitung gelangt waren.

Kaum war der mutmaßlich brüchige Friede mit Trainer und Manager verkündet, erschütterten auch schon Vorwürfe gegen den langjährigen Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell die Theokratie an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise. Schwere Tage für den medial bislang überwiegend sehr wohlwollend begleiteten DFB-Präsidenten, der im Oktober beim Bundestag in Essen seine Wiederwahl anstrebt.

Zwanziger hat im Clinch mit Löw und Bierhoff Fehler gemacht und sie eingeräumt; er müsste eigentlich erklären, weshalb zwischen dem Zeitpunkt, als er vom Vorwurf gegen Amerell erfuhr, und der "intensiven Telefonkonferenz" mit Michael Kempter rund zwei Wochen liegen. Doch nun zu behaupten, die Zeit des Juristen aus Altendiez an der Spitze des größten Einzelsportverbands der Welt drohe abzulaufen, wäre die Übertreibung des Jahres.

Im obersten DFB-Zirkel sitzen 19 Funktionäre. So groß ist nicht mal das CDU-Präsidium

Zwanzigers Machtbasis im Verband ist breit und überaus solide. Als Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder im deutschen Fußball-Krisensommer 2004 in Portugal die Zügel entglitten, zögerte der gelernte Spielmacher keine Sekunde und stellte sich an die Spitze der meuternden Landes- und Regionalfürsten. Er weiß, wem er seine Macht verdankt. Und er pflegt die Beziehungen zum als Basis deklarierten Mittelbau wie wohl kein DFB-Chef vor ihm. Dem aktuellen Präsidium gehören stolze 19 Fußballfunktionäre an. So viele Mitglieder hat nicht mal das Präsidium der CDU, deren Parteibuch Zwanziger den ersten Teil seiner Karriere verdankt.

Es ist ein beliebtes Missverständnis, die joviale Art des DFB-Präsidenten mit Führungsschwäche oder gar geistiger Trägheit zu verwechseln. Eines, das er bedient mit dem weichen, leicht verwaschenen Idiom, das seine Herkunft aus dem Lahntal verrät. Die Erkenntnis, dass Zwanziger knallhart bis zur Starrköpfigkeit sein kann, ist nicht erst dem jüngsten Konflikt mit Löw und Bierhoff zu verdanken. Als ihn der Journalist und spätere Grimme-Preisträger Jens Weinreich in seinem Blog einen "unglaublichen Demagogen" schalt, brach der einstige Verwaltungsrichter im DFB-Chefsessel einen Rechtsstreit vom Zaun, der Weinreich in Robin Hood und ihn selbst in den Sheriff von Nottingham verwandelte. Den Imageschaden nahm Zwanziger in Kauf. Die Ehre geht dem Vater und Großvater aus dem Rhein-Lahn-Kreis auch mal über die Vernunft.

Dass nun ausgerechnet der Fall Amerell Zwanziger die bislang vielleicht größte Bewährungsprobe aufzwingt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Der Halblinke der CDU, Mitglied der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, hat den Verband im Hauruckverfahren ins 21. Jahrhundert befördert. Zwischen Vorgänger "MV", der als landespolitischer Rechtsausleger Baden-Württembergs Schülern noch die erste Strophe des Deutschland-Lieds ans Herz legte, und dem mit Preisen überhäuften Kämpfer gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie liegen Welten.

Der Umgang mit den Vorwürfen gegen Amerell wird so freilich erst recht zur Nagelprobe für einen DFB-Präsidenten, der dem ersten schwulen Profi, der ein Coming Out wagt, größtmögliche Unterstützung verspricht. Homophobie im Fußball sei lange Zeit ein Thema gewesen, "mit dem sich unzureichend beschäftigt wurde", konstatierte Zwanziger jüngst als Gastredner beim Völklinger Kreis, einem Zusammenschluss schwuler Führungskräfte. Vorigen Sommer ehrte das Schwule Netzwerk NRW Zwanziger für seinen Einsatz gegen die Diskriminierung Homosexueller mit der seit 2001 verliehenen Kompassnadel. Fehlt nur noch der Auftritt bei einer CSD-Parade.

Der Freund der Schwulen und Feind der Rassisten ist ein gewiefter Taktiker der Macht

Es ist schwer zu sagen, wo bei Theo Zwanziger die persönliche Überzeugung endet und die Sphäre des Politischen beginnt. Dass er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf gutem Fuße steht, schmeichelt ihm ein wenig mehr, als sich schickt. Und dass er es sich mit der im Fußball unverändert mächtigen Springerpresse nicht verderben mag, ist evident. Der Freund der Schwulen und Feind der Rassisten ist ein gewiefter Taktiker der Macht. Zuletzt demonstrierte er das, als er den ehrgeizigen DFB-Vize Rainer Koch, der sich im Fall Amerell als Aufklärer positionieren wollte, eiskalt auskonterte.

Es mögen beschwerliche Tage sein in der DFB-Zentrale im Frankfurter Stadtwald, bedrohlich für Theo Zwanziger sind sie nicht. Was er an Herrschaftstechnik benötigt, um für Ruhe zu sorgen, bis der DFB wieder aus der Defensive kommt, hat er von Ziehvater und Vorvorgänger Egidius Braun gelernt. Und ein Außenminister seiner selbst war Zwanziger schon immer - ob es nun zum Abendessen ins Kanzleramt geht, zur Übergabe präsidialer Latschen ins Hauensteiner Schuhmuseum oder zum gemeinen Fußballvolk ins Vereinsheim des SC Spelle-Venhaus. Der Zehner aus der Otto-Fleck-Schneise wird warten, bis sich die Chance zum öffnenden Pass bietet - und dann blitzschnell handeln.

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