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Heldt: Wenn Bayern schwächelt, muss Schalke da sein

Manager Horst Heldt gibt Einblick bei Schalke 04. Foto: Daniel Naupold
Manager Horst Heldt gibt Einblick bei Schalke 04. Foto: Daniel Naupold

Düsseldorf. Horst Heldt ist zurzeit sehr umtriebig. Der Manager des FC Schalke 04 will die letzte Woche vor dem Transferschluss nutzen, um Personalentscheidungen zu treffen. Geht Lewis Holtby noch vorzeitig zu Tottenham Hotspur?

Wird das Interesse am Brasilianer Michel Bastos (Olympique Lyon) intensiviert? Zudem muss Heldt den neuen Cheftrainer Jens Keller gegen Kritiker verteidigen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa nahm Heldt ausführlich Stellung zu zahlreichen weiteren aktuellen Themen.

Herr Heldt, wie ist der letzte Stand der Transferaktivitäten? Kommt Bastos? Er soll ja schon einen Medizincheck absolviert haben...

«Dem ist aber nicht so. Es gibt keine neue Tendenz. Richtig ist: Wir beschäftigen uns aktuell mit dem Spieler. Darüber ist Lyon informiert, und wir haben Kontakt mit dem Spielerberater. Mehr als ein grundsätzliches Interesse von uns gibt es zurzeit nicht. Weder haben wir dem Verein ein Angebot gemacht, noch stehen wir in Verhandlungen. Einen Medizincheck hat es schon gar nicht gegeben.»

Woran hakt ein vorzeitiger Wechsel von Lewis Holtby nach England?

«Am bisherigen Angebot von Tottenham. Wir sind im regen Austausch, aber Lewis ist ein junger deutscher Nationalspieler mit entsprechender Qualität. Den gibt man nicht einfach für einen Schleuderpreis vorzeitig frei.»

Sind wegen der aktuellen Personalsorgen weitere Transfers geplant?

«Wir verlieren jetzt nicht die Nerven. Schade, dass sich Obasi verletzt hat, der auf den Außenpositionen spielt. Bastos ist ein Spieler, der vielseitig einsetzbar wäre.»

Die Entscheidung für Jens Keller als Trainer hat öffentlich hohe Wellen geschlagen. Sie haben dafür viel Kritik einstecken müssen. Können Sie sich die großen Vorbehalte erklären?

«Dass solch eine Entscheidung mit Skepsis begleitet wird, ist in Ordnung. Aber zwischen Skepsis und Vorverurteilung in einigen Medien sehe ich einen großen Unterschied. Mit welcher Berechtigung hat Jens Keller keine Chance verdient? Da müssen sich auch einige Journalisten fragen, ob sie auf dem richtigen Weg sind.»

Glauben Sie, dass Keller einen ähnlich erfolgreichen Weg gehen kann wie zum Beispiel Mirko Slomka, der seinerzeit seine Chance bei Schalke nutzte und heute ein etablierter Bundesligatrainer ist?

«Natürlich. Jens hat den Fußballlehrer ja nicht geschenkt bekommen, sondern sehr gut abgeschlossen. Er hat große Erfahrung als Bundesligaspieler, hat schon in der Verantwortung als Chefcoach und Co-Trainer gestanden und im Nachwuchsbereich hervorragende Arbeit geleistet. Sicher, er ist ein junger Trainer, aber er macht seine Sache sehr gut. Wir haben ein charakterlich einwandfreies Team, das die Position des Cheftrainers respektiert. Das würden wir auch gar nicht anders dulden.»

Ist die Beförderung von Keller nicht ein großes Risiko?

«Ich persönlich hätte es mir leicht machen können, indem ich einen externen Trainer mit Erfahrung hole. Dann hätte ich einen eventuellen Misserfolg leicht auf den Trainer abschieben können. Es geht bei solch einer Entscheidung aber nicht darum, den eigenen Hintern zu retten, sondern die beste Entscheidung für Schalke zu treffen.»

War das kuriose 5:4 gegen Hannover besonders wichtig?

«Ja, damit sich die Diskussion ein wenig beruhigt. Aber mir ist auch klar, dass die Ruhe trügerisch sein kann. Es sei denn, Jens gewinnt jetzt die nächsten vier Spiele. Dann haben einige Leute keine Chance, das negativ zu begleiten. Wenn wir nicht gewonnen hätten, hätten jene schon den Weg zur Kreuzigung beschworen.»

Ist Keller mehr als eine Übergangslösung bis Saisonende?

«Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass er zunächst das Vertrauen bis zum 30. Juni hat. Es ist klar mit Jens besprochen: Wir schauen, wie es bis zum Sommer läuft, dann treffen wir gemeinsam eine Entscheidung. Wenn ich eine Best-Case-Situation formulieren müsste, hieße die: Vertragsverlängerung mit Jens Keller. Natürlich müssen wir ebenso den Worst-Case durchspielen. Sicher ist auch dann, dass Jens dem Verein erhalten bleibt.»

Wie sehen Sie die Arbeit von Borussia Dortmund. Schauen Sie motiviert, frustriert oder neidisch zum Nachbarn?

«Man sollte nicht mit Scheuklappen durch die Welt laufen. Man muss immer überprüfen, ob man selbst auf dem richtigen Weg ist. Und wir erkennen neidlos an, dass der BVB in den vergangenen zwei, drei Jahren bessere Entscheidungen getroffen hat als die meisten anderen Konkurrenten. Und da sie zweimal Meister geworden sind, haben sie sogar viele bessere Entscheidungen getroffen als die Bayern. Oder als Schalke 04. Das ist ärgerlich genug, weil wir bessere Voraussetzungen und in vielerlei Hinsicht mehr Möglichkeiten hätten.»

Wie meinen Sie das?

«Wir haben unsere eigene Philosophie und Identität. Schalke lässt sich nicht mit Bayern oder Dortmund vergleichen. Trotzdem müssen wir dahin kommen, zu sagen: Wenn der FC Bayern, der normalerweise in zehn Jahren neunmal Meister wird, schwächelt, dann darf kein anderer Verein da sein, um die Chance zu nutzen. Dann muss der FC Schalke da sein. Das war in den vergangenen Jahren nicht so.»

Schalkes tolle Nachwuchsarbeit ist bekannt und anerkannt. Die U 19 und U 17 beherrschen ihre Bundesligen als souveräne Spitzenreiter. Ist das nicht ein Pfund, mit dem man noch mehr wuchern könnte?

«Dieser Bereich hatte zuvor ein bisschen brach gelegen. Aber in den vergangenen Jahren haben viele Mitarbeiter intensiv an der Konzeption unserer Knappenschmiede gearbeitet. Die U 19 ist Meister. Unsere aktuelle U 17 ist eigentlich unterfordert in der Bundesliga. Aber man darf nicht die Nerven verlieren und sagen, ich lasse einen 16-Jährigen bei den Profis mitspielen. Jens könnte sich sicher beliebt machen, indem er zum Beispiel Max Meyer ins kalte Wasser wirft. Dann sagen alle, der setzt auf die Jugend. Das kommt bei jedem gut an. Dann kann man Jens auf die Schulter klopfen und mir auf die Schulter klopfen. Das Wichtige aber ist, das Richtige zu machen.»

Wie geht das?

«Es gilt, einen talentierten Spieler so früh wie möglich bei den Profis zu integrieren, ihn aber nicht zu verheizen. Wir haben Angebote aus England für zahlreiche unserer U 17-Spieler. Da könnten wir richtig Geld einnehmen. Aber das ist nicht unser Ziel. Die wollen wir bei uns spielen sehen.»

Schalke ist momentan Fünfter und wäre damit nicht wieder in der Champions League. Wäre ein Jahr ohne Königsklasse zu verkraften?

«Wenn ich nirgendwo international vertreten bin, wird es schwierig, Verbindlichkeiten weiter abzubauen. Deswegen ist eine Teilnahme wichtig. Aber es gefährdet nicht die Existenz des Vereins, wenn wir die Champions League einmal verpassen. Und ich glaube nach wie vor, dass wir aufgrund unserer sportlichen Möglichkeiten in diesen Wettbewerb gehören. Das ist unser Ziel und darauf fokussieren wir uns.»

Auch für Klaas-Jan Huntelaar lief die Hinrunde nicht optimal. Glauben Sie, dass er in der Rückrunde zu alter Stärke zurückfindet?

«Ein Stürmer ist immer abhängig von seinen Mitspielern. Wenn Klaas-Jan nicht dementsprechend eingesetzt wird, kann er auch keine Tore machen. Er hat aber auch Chancen selbst liegen lassen. Das weiß er und sieht er genauso. Ich bin davon überzeugt, dass es nach der Entscheidung zur Vertragsverlängerung für ihn persönlich wieder besser laufen wird. Er kann befreiter aufspielen, weil ihn die Sache schon beschäftigt hat. Das kann niemand ganz ausblenden.» (dpa)