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Stadtentwicklung und Wohnen in Frankfurt
Frankfurt wächst. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Doch wo sollen sie künftig leben?

29. Januar 2016

Altstadt in Frankfurt: Frankfurt hofft auf Touristen

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Sieht fast arabisch aus: Blick von der Braubachstraße auf die Häuser am Südrand der Altstadt.  Foto: Andreas Arnold

Das neue Quartier zwischen Dom und Römer soll weltweit vermarktet werden. 35 Häuser der neuen Altstadt sind jetzt im Rohbau fertig.

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Die Kälte hält sich hartnäckig zwischen den Betonmauern. Die 80 Männer, die hier Kräne dirigieren, Maschinen steuern, Leitungen verlegen, Fenster setzen, Holzverschalungen montieren sind alle dick vermummt, stoßen kleine Atemwölkchen aus. Auf der Baustelle der neuen Frankfurter Altstadt sind die frühlingshaften Temperaturen, die andernorts in der City herrschen, noch nicht angekommen.

Auch Michael Guntersdorf zieht die wattierte Jacke fest um sich, bevor er zum Foto kommt. Posieren ist etwas, das dem Geschäftsführer der städtischen Dom-Römer GmbH gar nicht liegt. Seit sechseinhalb Jahren zeichnet der gebürtige Franke jetzt für das politische Renommierprojekt der Stadtregierung verantwortlich. Nach dem Streit der Anfangsjahre steuert der erfahrene Manager das bald 200 Millionen Euro teure Vorhaben heute fast geräuschlos und recht effektiv.

Das Projekt

Zehn Jahre sind vergangen, seit die Stadt Frankfurt einen städtebaulichen Wettbewerb für die Bebauung des Geländes zwischen Dom und Römer ausgeschrieben hatte. Ihn gewann das Frankfurter Büro Jürgen Engel mit einem Entwurf für eine moderne Bebauung.

Doch die schwarz-grüne Mehrheit im Stadtparlament entschied sich im September 2007 für eine historisierende, kleinteilige Bauweise im Stil der 1944 bei Bombenangriffen zerstörten Altstadt.

Gebaut werden 35 Häuser, davon 15 Rekonstruktionen von zerstörten Altstadtbauten und 20 Neubauten. Die Kosten, ursprünglich auf 100 Millionen Euro veranschlagt, sind inzwischen auf 185 Millionen Euro geklettert. jg

Die Kommunalpolitiker wissen, was sie an dem 64-Jährigen haben – in der Immobilienszene gilt er als „Troubleshooter“, der gerufen wird, wenn es schwierig wird. Jetzt geht das Altstadtprojekt auf die Zielgerade: Die Rohbauten der 35 Häuser zwischen Dom und Römer stehen weitgehend, gerade rücken die Fachleute für den Innenausbau an, die Haustechniker, Elektroinstallateure.

Ist Guntersdorf stolz? „Diese Empfindung liegt mir nicht“, antwortet er und fügt hinzu: „Ich bin froh, dass wir eine hohe Akzeptanz für die Sache erreicht haben.“ Nein, der Manager ist gewiss keiner für große Worte.

Aber tatsächlich ist die öffentliche Diskussion darüber abgeebbt, dass die fünftgrößte deutsche Stadt ihr 1944 bei Bombenangriffen zerstörtes Herz rekonstruiert. Dass eine Kommune heute so viel Steuergeld ausgibt, um eine längst untergegangene Welt wiederzubeleben: schmale Gassen, kleine Plätze, Basaltpflaster, heimelige Butzen-Leuchten.

Guntersdorf steht mitten im Gewirr von Holzbalken und Eisendrahtgeflecht an dem Ort, den er am meisten liebt im neuen Quartier: dem künftigen Hühnermarkt, auf dem die Gässchen sich treffen werden. „Das ist ein richtiger Altstadtplatz.“ Und weil ein solcher Ort einen Mittelpunkt braucht, wird 2018 der Stoltze-Brunnen vom Stoltze-Platz hinter der Katharinenkirche hierher umziehen. Allerdings soll kein Wasser aus ihm sprudeln.

Guntersdorf zuckt mit den Schultern. Er kennt die Kritik von Architekten, Stadtplanern, Journalisten, die der Stadt teuren „Zuckerbäckerstil“ vorwerfen. Der Geschäftsführer spricht statt dessen vom „Grundbedürfnis“ der „Leute“ nach Heimeligkeit, nach Heimat: „Sie wollen einen vertrauten Bereich, in den sie heimkommen können.“

Kommen werden aber zunächst einmal die Touristen. Derzeit arbeiten die Dom-Römer GmbH und die städtische Tourismus GmbH am Vermarktungskonzept für die neue Altstadt nach der Eröffnung 2018. Etwa 30 bis 40 Touristengruppen könnten täglich durch die Gassen und über die Plätzchen laufen, bis zu 1000 Menschen, sagt Manager Guntersdorf vorsichtig.

Thomas Feda, der Geschäftsführer der Tourismus GmbH, äußert da weiter gesteckte Ziele: mindestens „mehrere Tausend Touristen“ täglich in der Altstadt. „Das Quartier wird ein Schwerpunkt meiner touristischen Vermarktung sein.“ Besucher aus den USA, Großbritannien und Asien seien „unheimlich begeisterungsfähig für Altstädte“.

So schnell wie möglich soll weltweit für die Altstadt geworben werden. Gerade bei den Gästen aus der Volksrepublik China und Japan komme schon die rekonstruierte Römerberg-Ostzeile mit ihren Fachwerkhäuschen gut an. Ironie der Geschichte: Die frühere Altstadt besaß seit dem 18. Jahrhundert nur noch wenig sichtbare Fachwerkhäuser – die Behörden hatten als Feuerschutz Verputz verordnet.

Aber das spielt heute keine Rolle mehr. Weiter geht es über die Baustelle vom Hühnermarkt nach Westen über das künftige Gässchen „Hinter dem Lämmchen“. Hier reihen sich mehrere rekonstruierte Häuser, man sieht jetzt, wie nahe das letzte in der Reihe, „Klein Nürnberg“, dem Frankfurter Kunstverein rückt: bis auf etwa drei Meter.

Die Direktorin des Ausstellungshauses, Franziska Nori, bemüht sich deshalb schon seit Monaten bei der Kommunalpolitik darum, Unterstützung für einen inneren Umbau des Hauses zu gewinnen. Der Haupteingang des Kunstvereins soll sich künftig nicht mehr nach Süden, sondern nach Osten, direkt zur Gasse „Hinter dem Lämmchen“ hin, öffnen. Um so mehr Raum vor dem Eingang zu gewinnen. Ob das in der Kommunalpolitik durchgesetzt werden kann, ist offen. „Die Gespräche laufen noch“, heißt es im Kunstverein.

Auch nach Süden hin, zur Kunsthalle Schirn, ist die Einbettung der neuen Altstadt nicht einfach. Knapp 2,50 Meter Höhenunterschied, so Guntersdorf, seien hier zu überwinden. Zu erkennen sind schon die Treppenstufen, die von oben nach unten führen. Eine knapp drei Meter hohe Pergola entlang des künftigen „Krönungsweges“ zwischen Dom und Römer soll dann das Quartier zur Schirn hin abschirmen.

Geschäftsführer Michael Guntersdorf auf dem künftigen Hühnermarkt.  Foto: Andreas Arnold

Der Chef der Dom-Römer GmbH sieht die Altstadt vor allem als Wohnviertel für etwa 200 Menschen, nicht so sehr als Tourismusdestination. Guntersdorf beginnt gerade mit der Vermietung der 15 Läden. Er will so viel Qualität wie möglich: „Viele kleine Manufakturen, Schmuck, Höchster Porzellan.“ Unter den 90 Bewerbern für die Ladenräume freut sich Guntersdorf so zum Beispiel über den Porzellan-Weltmarktführer Selb aus Bayern.

Im Haus Markt 16, entlang des künftigen „Krönungsweges“, soll ein kleines Bembel-Museum unterkommen, „16 Regalmeter“ mit historischen Ebbelweibehältnissen.

Mehr dazu

Wir erreichen den östlichsten Zipfel der Altstadt, die „Goldene Waage“ direkt am Dom. Auf die Rekonstruktion dieses Gebäudes ist Guntersdorf dann doch stolz. Überreste des alten Hauses werden eingebaut. Der Gewürzhändler Abraham von Hameln war Anfang des 17. Jahrhunderts als Flüchtling hergekommen – als Reformierter aus dem katholischen Holland. Er ließ 1619 die „Goldene Waage“ errichten. So schließt sich der Kreis zur Gegenwart.

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