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Stadtentwicklung und Wohnen in Frankfurt
Frankfurt wächst. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Doch wo sollen sie künftig leben?

26. Februar 2014

Frankfurt Gentrifizierung: Bei Mietern geht die Angst um

 Von 
Durchbruch in ein anderes Milieu - die Luxussanierung.  Foto: Christoph Boeckheler

Die Hilferufe der von Kündigung oder teuren Sanierungen betroffenen Mieter in Frankfurt werden immer lauter. Vor allem im Westend ist Existenzangst zu einem Lebensgefühl geworden. Das FR-Stadtgespräch beschäftigt sich mit dem Thema Gentrifizierung. Einer der Gäste ist OB Peter Feldmann (SPD).

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Frankfurt. –  

Frau Herlemann-Meyer wohnt jetzt in Praunheim. Es ist ein Neubau der ABG, wo sie gelandet ist. So „ein Haus für Gentrifizierungsopfer“, wie Beobachter des Wohnungskampfs in Frankfurt lästern. Herlemann-Meyer war kurz vor Weihnachten Knall auf Fall zwangsweise aus ihrer Wohnung in der Wöhlerstraße 22 geräumt worden. Seit dem FR-Bericht damals kennen sie viele.

Die Adresse Wöhlerstraße 22 findet sich in den anwachsenden „Mietervertreibungslisten“ der Bürgerinitiativen aus dem Westend immer an der obersten Position. „Betrifft acht Mietparteien wg. Abriss“, steht daneben. Das schlichte Eckhaus liegt von oben bis unten leer da. Die Türschlösser haben die Eigentümer ausgetauscht, die alten Mieter sollen nicht mehr reinkommen.

Bei der Zwangsräumung am 10. Dezember war auch das Ehepaar S. betroffen. Mit Überredungskunst hatten die Leute für die Nacht ein Obdach in der Jugendherberge gefunden. Jetzt lebt Ehepaar S. in Preungesheim. Ruhig sei es da, „und auch ein bisschen grün“, übermittelt Frau S. Sie seien bloß „so kaputt“. „Das macht man doch nicht, so vor Weihnachten“, sagt Frau S.

Frau Herlemann-Meyer hat „immer noch Kartons auszupacken“. Als sie jetzt einen Brief der Vermieterin ABG bekam, hat sie den erst mal liegengelassen. „Hört der Spuk denn gar nicht auf?“, fragte sie sich. Sie rechnete mit neuen Vermieter-Drohungen. Im Briefumschlag steckte aber nur die Mitteilung, dass „Techem“ kommt, zum Zähler-Ablesen. „Ich war über mich enttäuscht, dass ich das nicht im Griff habe,“ gibt sie preis.

Im Westend ist Existenzangst ein Lebensgefühl. Vor allem ältere Frauen, langjährige, oft allein lebende Mieterinnen, hat die Angst im Griff. „Wir leben unter dauerndem Druck und Stress“, berichtet die 80 Jahre alte Frau P. aus der Oberlindau 29, einer Nachkriegswohnzeile am Rothschildpark. Seit 60 Jahren ist das ihr Zuhause. Noch hat sie „nur eine Ankündigung bekommen“. Es soll umgebaut werden, die Miete wird teurer. Frau P. bangt, „dass ich raus müsste, irgendwohin, j.w.d.“.

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„Wir wollen uns nicht rausklagen lassen“, trug eine ihrer Mitbewohnerinnen in die Bürgerfragestunde, zu der der Ortsbeirat 2 zwei Monate nach der alarmierenden Zwangsräumung in der Wöhlerstraße eingeladen hatte. Fast ausschließlich Frauen sitzen auf den Zuhörer-Stühlen. Die smarten Männer an den Tischen, Mitglieder des Ortsbeirats, lassen die Berichte ungerührt über sich ergehen. Ortsvorsteher Axel Kaufmann (CDU) tigert auf und ab durch den Saal. Von „Drama des Mittelstands“ (Wöhlerstraße) ist die Rede, von „rausgejagten Mietern“ (Wolfsgangstraße), von „20 Osteuropäern, die sich eine Toilette teilen“ (Böhmerstraße), von einem Mehrfamilienhaus Auf der Körnerwiese, wo „nur noch eine Dame lebt und der steht jetzt das übliche Programm bevor“. Gerlinde Becker von der AG Westend zeigt die Häuser per Lichtbild: „Ich bin beauftragt, das hier mitzuteilen.“

Das Leermachen der Häuser, der Leerstand von Wohnungen fällt in der 1-a-Lage Westend am meisten ins Auge. Es wird gebaut, saniert, meist wohl verkauft, dann aber ungenutzt stehengelassen. Dann passt nur noch „SUV Sicherheitsdienst“ aufs Haus auf, wie man Aufklebern entnehmen kann. Als Gisela Becker aus der Emil-Claar-Straße registrierte, dass aus dem spätklassizistischen Wohnhaus Nummer 5 gegenüber „vor einigen Monaten die Mieter der 2. Etage ausgezogen sind“, hat sie an Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne) geschrieben. Nun stünden, bis auf eine, die ganzen 100-Quadratmeter-Wohnungen leer. Dabei herrsche doch Mangel: „Im Garten wurde nachverdichtet“, also neu gebaut.

Erika Herlemann-Meyer musste nach 32 Jahren raus.  Foto: peter-juelich.com

Die knappe Antwort des Bürgermeisters auf ihre Beschwerde klingt nach Formbrief: Weil „die Hessische Landesregierung mit Wirkung ab 27. Mai 2004 das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum aufgehoben“ habe, fehle „dem Magistrat die Handhabe, um Leerständen von Wohnungen in Frankfurt wirksam entgegenzuwirken“. Mit freundlichen Grüßen. Rainer Kling in der Bauaufsicht betrachtet gereizt die Häuserliste aus dem Westend, die überall kursiert: „Lauter Altfälle“, und Bewegung sei keine festzustellen. Damit habe man keine Handhabe, glaubt er. Für das zwangsgeräumte Wohnhaus Wöhlerstraße 22 sei der angekündigte Abbruch gar nicht beantragt worden. An der Leerbachstraße 92, wo die Initiativen („18 Mietwohnungen leer, das Gebäude verkommt“) das Schlimmste vermuten, liege der Fall genauso: „keine Tendenz erkennbar“. Die Häuser „stehen einfach da“, beobachtet Bauaufsicht-Vize Rainer Kling selber, beim Vorbeifahren. Er erwähnt „frühere Entscheidungen, die zum Teil auf frühere Stadträte zurückgehen“. Auch ihm komme es so vor, als ob „Hauseigentümer nicht auf Mieteinnahmen angewiesen sind“.

Finster, kalt und nass war der Abend, als in St.-Ignatius im Westend die Bürger zu Wort kamen. Hauseigentümer stehen da unter Verdacht, die Forderung nach Milieuschutz wird immer wieder vorgebracht. Dabei gibt es den für den Stadtteil teilweise. Ortsvorsteher Axel Kaufmann (CDU) ärgert sich, wenn das Westend als Problemfall geschildert wird: „Wir haben hier nicht nur Banker, die nach dem Wochenende einfliegen!“ Dennoch hat der Ortsbeirat an dem Abend einen Zehn-Punkte-Fragekatalog zum „Wohnungsmarkt Westend“ an den Magistrat verabschiedet.

Dieter Wolf wehrt sich gegen die Vertreibung aus der Wohnung.  Foto: Christoph Boeckheler

Erika Herlemann-Meyer (74), der früheren Mieterin der Wöhlerstraße 22, ist noch ein Kontakt in ihre alte Straße geblieben. Die Angst ist jetzt bei einer Bewohnerin von gegenüber eingezogen. Das Haus sei ebenfalls verkauft, der neue Hausherr habe schon „gefragt, ob sie ausziehen möchte“. Frau Herlemann betätigt sich als Ratgeberin, sie empfahl, sich bei der ABG zu bewerben. Für die Miete müsse die Nachbarin dann sicher mehr hinblättern. Aber „800 warm kann sie zahlen“.

Auch Dieter Wolf aus der Martin-Luther-Straße 61 im Nordend ist in dieser Geschichte der Umwälzungen in den innenstadtnahen Stadtteilen zu einem Namen geworden, der von Hand zu Hand geht. Wolf hat aus Angst vor Vertreibung sogar den Oberbürgermeister ins Haus geholt. Passiert ist nicht viel, aber eins zeichnet diese Leute aus: Sie bleiben dran.

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