Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Stadtentwicklung und Wohnen in Frankfurt
Frankfurt wächst. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Doch wo sollen sie künftig leben?

26. Februar 2015

Frankfurter Altstadt: Goldene Waage unterm Messer

 Von 
Holzbildhauer Wolfgang Koch bei der Arbeit.  Foto: Domrömer GmbH/Uwe Dettmar

Die neue Frankfurter Altstadt wächst. Ein westfälischer Handwerksbetrieb fertigt die Holzkonstruktion für den Nachbau der Goldenen Waage an, dem bekannten Fachwerkhaus in der Altstadt, das einst im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen zerstört wurde.

Drucken per Mail

Langsam setzt Wolfgang Koch den Beitel an. Mit einem Knüppel schlägt der Holzbildhauer vorsichtig auf sein Werkzeug. Unter seinen Händen entstehen Ranken und Trauben in einem Stück Holz, auf das er vorher die Umrisse gezeichnet hat. Hinter ihm hängt der Entwurf, an dem er sich orientiert. Rund 40 Stunden ist er vom ersten Arbeitsschritt bis hin zur fertigen Giebelplatte beschäftigt. Diese wird künftig die Fassade des Fachwerkhauses Goldene Waage schmücken. Eine der 15 rekonstruierten Bauten der neuen Frankfurter Altstadt.

Koch arbeitet für den Handwerksbetrieb Kramp und Kramp. Das Unternehmen aus dem mehr als 300 Kilometer entfernten Lemgo übernimmt die Zimmererarbeiten für das Bauwerk. Der ostwestfälische Familienbetrieb ist spezialisiert auf Denkmalpflege und Altbausanierung. „Die Goldene Waage zeichnete sich besonders durch ihre aufwendigen Schnitzereien aus“, sagt Zimmermeister Maik Ebert, der das Projekt betreut. Das Haus wurde 1619 von einem niederländischen Kaufmann gebaut. Abraham von Hameln war Gewürzhändler und Zuckerbäcker. Sein Reichtum zeigte sich durch das üppig verzierte Haus. Es lag vor dem Hauptportal des Doms und galt als eines der Vorzeigehäuser der Renaissancezeit. Im Zweiten Weltkrieg wurde es bei Luftangriffen zerstört.

Schnitzarbeiten an der künftigen Giebelplatte.  Foto: Domrömer GmbH/Uwe Dettmar

Im Gegensatz zu anderen Frankfurter Gebäuden aus dieser Zeit ist die Goldene Waage jedoch besonders gut dokumentiert. „Wir orientieren uns bei der Rekonstruktion an alten Fotografien und Plänen“, erklärt Guido Kramp, der gemeinsam mit seinem Bruder den Betrieb leitet. Nun soll das Haus so originalgetreu wie möglich wieder aufgebaut werden. Kramp und Kramp kümmern sich um die Holzarbeiten. Streben, Kopfbänder und Bögen – sie alle werden mit historischen Techniken der traditionellen Zimmermannskunst gefertigt. Nur Zuschnitt und Transport werden mit modernen technischen Hilfsmitteln durchgeführt.

Ein 3,50 Meter langer Balken ist das einzige hölzerne Fragment, das von der Goldenen Waage erhalten geblieben ist. Der sogenannte Eckstil befindet sich im Fundus des Historischen Museums. Drei Monate wurde er dem Lemgoer Betrieb ausgeliehen, so konnten sie ihn dort Stück für Stück kopieren. Als Vorlage für die Schnitzereien fertigten sie zunächst Bleistiftzeichnungen im Maßstab 1:1 an.

Auch eine Waage gehört zu den Motiven  Foto: Domrömer GmbH/Uwe Dettmar

In einer großen Halle, die Kramp und Kramp extra für die Goldene Waage angemietet haben, sind bereits einige Pfeiler aufgestellt. Quasi ein Bausatz für das Fachwerk. Im Moment werden die Auskreuzungen für das Zierfachwerk zugeschnitten, zusammengebaut und eingepasst, veranschaulicht Ebert. Für einen Teil der Balken, vor allem die sichtbaren, verwenden sie bis zu 500 Jahre altes Eichenholz. „Hier setzen wir die Wände so zusammen, wie sie in Zukunft auch stehen sollen.“ Im Juni werden sie dann als Stapel nach Frankfurt transportiert.

Ebert erhofft sich, dass ein Geschoss in vier Tagen zusammengesteckt werden kann. „Die Löcher sind bereits vorgebaut“, sagt er und zeigt auf die Balken. Hinein kommen Holznägel, wie es damals üblich war. Um die 300 sind es insgesamt. Doch während die Arbeiter damals vier bis fünf Jahre brauchten, schaffen die vier bis fünf Handwerker das heute in einem. „Diese Maschine etwa erstellt die Zapfen für die Holzverbindungen“, sagt Kramp und zeigt auf ein kleines Gerät.

Am Dom entsteht das Fundament des Nachbaus.  Foto: Domrömer GmbH/

Ein besonderer Luxus der Goldenen Waage war das sogenannte Belvederchen, ein kleiner Dachgarten. Auch der soll nachgebaut werden. „Dafür müssen etwa 140 Baluster (Säulen) gedrechselt und als Brüstungsgeländer montiert werden“, sagt Ebert. Das alte Gebäude war damals bunt und vergoldet. Über das Farbkonzept werde noch abgestimmt, sagt Projektleiter Patrik Brummermann von der Dom-Römer GmbH, der Bauherrin.

Vor Koch steht einer der Balken, in den er bereits Ornamente geschnitzt hat „Der Eckstil ist für das zweite Obergeschoss.“ Das Holz ziert unter anderem das Bild einer Waage. Das Symbol kehrt immer wieder in den Anfertigungen. Aber auch andere Figuren wie Hammel oder griechische Götter schälte Koch aus der Eiche. Obwohl Koch schon mehr als 40 Jahre Erfahrung hat, ist dieses Projekt auch für ihn etwas Besonderes. Und für das gesamte Team sehr zeitintensiv. Rund 7500 Arbeitsstunden werden allein für Zimmererarbeiten zusammenkommen, schätzt Kramp.

Das Renaissancegebäude um 1935.  Foto: Institut für Stadtgeschichte

Brummermann ist zufrieden mit den Arbeiten, die er vor sich sieht. „Es ist toll, sich selbst zu überzeugen, was man sonst nur von Bildern und Entwürfen kennt.“ Rund sieben Millionen Euro werde der Neuaufbau der Goldenen Waage kosten. Kramp und Kramp bekamen den Zuschlag – auch wegen ihrer jahrelangen Erfahrung. Für sie wird die Arbeit an der Altstadt nach der Goldenen Waage noch nicht vorbei sein. Sie werkeln auch beim Hof Rebstock mit.

Künftig soll die Goldene Waage im Erdgeschoss gastronomisch und in den oberen Stockwerken museal genutzt werden. „Das Bauwerk war auch schon vor seiner Zerstörung ein Museum“, sagt Brummermann. Das Historische Museum besitze noch eine Ledertapete von damals, zudem Mobiliar. Die Räume sollen auch künftig für die Öffentlichkeit zugänglich sein, etwa durch Führungen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Dossier

Frankfurt ist wie kaum eine andere deutsche Stadt im fortwährenden Wandel: Ganze Stadtviertel entstehen neu, Hochhäuser wachsen genauso in den Himmel wie Einkaufszentren. Doch bleibt am Ende genug bezahlbarer Wohnraum? Diese Frage bewegt Frankfurt seit Jahrzehnten.

Videos
Sprengung des AfE-Turms

Der AfE-Turm am Frankfurter Campus Bockenheim ist Geschichte. Fotos, Videos und Berichte über den großen Knall - und ein Blick auf das, was danach kommt.

Sprengung des AfE-Turms

Videos: Der AfE-Turm fällt - in Zeitlupe

Fotostrecke: Der Trümmerhaufen als Ausflugsziel

Fotostrecke: So fiel der AfE-Turm

Fotostrecke: Das bleibt vom Uni-Turm übrig

Fotostrecke: Ein letzter Rundgang im AfE-Turm

Rückblick: Spektakuläre Sprengungen in Frankfurt

Ausblick: Kulturcampus Bockenheim

Sonderheft

Die Siebziger sind die Frankfurter Jahre. Von hier aus strahlt in die Republik, was das Jahrzehnt bestimmt: das Aufbegehren der Jugend, der Häuserkampf in und ums Westend, die terroristische Bedrohung der RAF - und die Flügelzange der Eintracht mit Grabowski und Hölzenbein.

FR-Geschichte: 70er Jahre in Frankfurt

Unser Sonderheft blickt zurück, dokumentiert Originaltexte und zeigt das Jahrzehnt in Bildern.