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Stadtentwicklung und Wohnen in Frankfurt
Frankfurt wächst. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Doch wo sollen sie künftig leben?

24. September 2015

Wohnraum in Frankfurt: „Die Stadt ist nicht nur für die Reichen da“

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Im Europaviertel wird kräftig gebaut. Die Wohnungen, die dort entstehen, sind aber zum größten Teil sehr teuer.  Foto: Christoph Boeckheler

Der Berliner Wissenschaftler Andrej Holm fordert im Interview mit der Frankfurter Rundschau genügend Wohnraum auch für arme Menschen und Zuwanderer.

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Herr Holm, in Frankfurt ist zu beobachten, dass in der Innenstadt Wohnungen vor allem für Reiche gebaut werden, gleichzeitig verschwinden preisgünstige Unterkünfte, Segregation ist ein Thema, also die Entmischung der sozialen Schichten. Ist das typisch für Großstädte in Ballungsräumen?
Frankfurt spielt da keine Sonderrolle. Eine der Ursachen ist das Auftrennen der Gesellschaft in die, die gut verdienen, und die, die weniger gut verdienen. Wenn konzentriert in einzelnen Stadtteilen investiert wird, die Immobilienpreise und Mieten steigen, sortiert das die Bevölkerung nach ihren ökonomischen Ressourcen. Wenn wir uns Pariser Verhältnisse vorstellen, wo die Reichen im Zentrum und die Armen in heruntergekommenen Vorstädten leben, dann ist das schon ein Problem.

So weit ist es in Frankfurt ja nicht. Was kann eine Kommune tun, um für eine Durchmischung zu sorgen?
Man kann Milieuschutz erlassen, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen einschränken. Kommunen haben lange Zeit mit eigenen Wohnungsbeständen gegengesteuert, man kann gezielt Belegungsbindungen ankaufen, um eine soziale Durchmischung sicherzustellen. Das ist natürlich nicht umsonst zu haben. Und man legt sich mit Investoreninteressen an. Soziale Wohnungspolitik ist nur gegen die Interessen jener durchzusetzen, die mit Wohnen Geld verdienen wollen.

Jetzt gibt es in Frankfurt ja die ABG Holding, eine Wohnungsbaugesellschaft, die zu größten Teilen der Stadt gehört und die 51 000 Wohnungen besitzt. Jeder vierte Frankfurter lebt somit in einer ABG-Wohnung. Jetzt gibt es Streit, ob die Gewinne der ABG wie üblich in den städtischen Haushalt einfließen sollen oder – so will es Oberbürgermeister Peter Feldmann – genutzt werden, um die Mieten niedrig zu halten.
Solche kommunalen Gesellschaften haben eine Zwitterstellung. Sie sollen Geld an die Stadt abgeben, gleichzeitig sind sie wichtige wohnungspolitische Instrumente. Es ist daher sinnvoll, dass deren Gewinne für sozialen Wohnungsbau verwendet werden statt in den großen Topf zu fließen. Schließlich muss am Ende ja die Stadt zahlen, wenn die Wohnungspolitik nicht funktioniert, etwa weil sie Belegungsrechte ankaufen muss. Vor allem müssen diese Gesellschaften verstärkt dafür sorgen, dass auch die ärmeren Haushalte versorgt werden. Das scheint mir nicht immer so zu sein.

Die ABG baut auch für die Mittelschicht, für Polizeibeamte, Krankenschwestern, Verkäufer, die ja auch Wohnungen brauchen. Sie nimmt Mieten bis zu 12,50 Euro je Quadratmeter hin, was kritisiert wird. Aber sie verdient Geld, anders als in den 90er Jahren, als die Wohnungsbaugesellschaften von der Stadt gepäppelt werden mussten. Immerhin kann sie so auch preisgünstige Wohnungen herstellen.
Wenn das wirklich funktioniert, dass über den Bau eher hochwertiger und teurer Wohnungen der soziale Wohnungsbau finanziert wird, ist das in Ordnung. Ich glaube nicht, dass die ABG tatsächlich mehr arme Haushalte versorgt als vor zehn Jahren. Das aber wäre der Maßstab.

Aber haben Städte nicht ein berechtigtes Interesse, dass dort Menschen wohnen, die gut verdienen, einkaufen, Steuern zahlen? Nehmen wir Hanau. Der große Stadtumbau mit Einkaufszentren und vielen neuen Wohnungen soll die Innenstadt vor dem Ausbluten retten. Ist das nicht ok?
Dort sind viele günstige Mietwohnungen verschwunden, statt dessen gibt es zwar schöne, aber auch teure Miet- und Eigentumswohnungen. Das ist natürlich ein Problem und fördert die soziale Spaltung.

Oberbürgermeister Claus Kaminsky sagt, man wolle ja gar nicht nur für Menschen bauen, die arm sind und Wohngeld benötigten, um überhaupt die Miete zahlen zu können. Eine Stadt, in der lauter Arme wohnen, die verarmt doch auch selbst, oder?
Die Praxis, Innenstädte durch die Ansiedlung Besserverdienender aufzuwerten und diese so insgesamt attraktiver zu machen, ist allgegenwärtig. Das ist zurzeit das Leitbild von Stadtentwicklung. Aber sollen Städte funktionieren wie Unternehmen? Oder sollten sie nicht die Menschen, die dort leben, mit einer möglichst guten Infrastruktur versorgen? Die vielleicht ursprünglichste Aufgabe von Städten ist doch die Sicherstellung der Lebensqualität ihrer Bewohner.

Das muss sich eine Stadt aber erst mal leisten können.
Die Finanzausstattung der Kommunen ist dauerhaft prekär, da schlägt sich der Sparzwang brutal durch. In den Städten wird sichtbar, dass Sparorientierung von Bund und Land und Schuldenbremse vor einem eines sind: unsozial.

Wir erleben eine starke Zuwanderung, teils geordnet, großenteils ungeordnet, auch nach Hessen, und perspektivisch vor allem in die Ballungsräume. Wird das die Wohnungsnot und Segregation noch verschärfen?
Das zeigt die Kurzatmigkeit einer Politik, die darauf setzt, die Besserverdienenden zu bedienen. Städte ziehen eben auch Menschen an, die sehr wenig in der Tasche haben und die in der Stadt auf eine bessere Zukunft hoffen. Auch für diese Menschen muss die Stadt Wohnungen bieten. Diese Art der Zuwanderung ist permanent da, auch wenn sie jetzt durch die große Zahl natürlich sichtbarer geworden ist.

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Sollte man nicht versuchen, diese Zuwanderung zu steuern? Weg von den Ballungsräumen dorthin, wo es genug Wohnraum gibt?
Wir können natürlich anfangen, um Städte herum Zäune zu bauen, wie es manche europäische Staaten an ihren Grenzen tun. Für eine Stadtentwicklung ist das keine Perspektive. Es fehlt den Menschen nicht am Wissen, dass es anderswo preiswerten Wohnraum gibt. Aber sie suchen nicht nur billige Wohnungen, sondern Arbeit, Bildung für ihre Kinder, den Anschluss an bereits zugewanderte Familienmitglieder. Städte sind eben attraktiv, und die Antwort darauf kann nicht in der Abschottung liegen, sondern darin, Angebote zu schaffen.

Interview: Peter Hanack

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