Eine Spur aus grau getretenem Schneematsch zieht sich wie ein Band über den Ginnheimer Kirchplatz. Dort, wo ihn die Leute jeden Tag überqueren – meist ohne Muße für eine Rast. Besonders schön ist es hier nicht. Weder Tannenbaum noch Schneegestöber können daran viel ändern.
Die FR mobil: Jede Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Wir hören uns an, was Sie zum Stadtteil zu sagen haben und freuen uns über Anregungen oder Kritik.
In Ginnheim ist die FR am Mittwoch, 12. Dezember, von 15 bis 17 Uhr vorm Rewe-Markt, Ginnheimer Landstraße 174. Aus der Redaktion kommen Fabian Scheuermann und Boris Schlepper. Als Gäste haben sich Vertreter fast aller Fraktionen des Ortsbeirates 9 angekündigt.
Ginge es nach Sybille Fuchs und Jan Jacob Hofmann, dann würde sich der Kirchplatz zwischen Ginnheimer Hohl und Alt-Ginnheim ab April in eine kleine städtische Oase verwandeln. Frei nach dem Konzept des Urban Gardening möchten die Produktentwicklerin und der Architekt am Rande des Platzes Pflanzgefäße aus Drahtgestellen – sogenannte Gabionen – aufstellen. Mit Sackleinen verkleidet und mit Kompost befüllt könnte hierin jeder gärtnern, der am gemeinschaftlichen Charakter eines solchen Projektes interessiert ist. Ein Treffpunkt für alle Ginnheimer könnte entstehen – Sonnenblumen, Mangold und Salatpflänzchen könnten hier gesät, gepflegt und geerntet werden. In Berlin-Kreuzberg und Köln-Ehrenfeld existieren solche Projekte bereits.
Wer Ginnheim hört, dem fällt vermutlich als allererstes der Ginnheimer Spargel ein - der Spitzname für den Frankfurter Fernmeldeturm. Aber der Volksmund nimmt es ja nie so genau. Auch in diesem Fall nicht. Denn die geografische Zuschreibung nach Ginnheim ist mehr dem Augenmaß als den bürokratischen Grenzen geschuldet: Der Standort mag verflucht nach Ginnheim aussehen - ist aber immer noch Bockenheim. Aber "Bockenheimer Spargel" hätte auch wirklich zu sperrig geklungen. Dass der Fernmeldeturm gar nicht zu Ginnheim gehört, kann man im Stadtteil aber verkraften...
„Auf dem Kirchplatz“, meint Hofmann, „haben wir einfach ein städtebauliches Problem.“ Anstatt Gebäudefronten mit Eingängen oder einem Café, so erklärt es der Architekt, befänden sich am Rande des Kirchplatzes fast nur Mauern und Gebäuderückseiten.
Der Kirchplatz beschäftigt die Ginnheimer bereits seit Jahren – insbesondere das Stadtteilparlament. Sucht man im Parlamentsinformationssystem der Stadt nach dem Thema, erhält man 99 Treffer. In den Anträgen des Ortsbeirats 9 geht es um Sitzbänke und Marktstände – und um den Wunsch nach einer kompletten Neugestaltung des Platzes. Doch hier liegt das Problem: Laut Plänen eines von der CDU-Fraktion beauftragten Architekten könnte ein Umbau des Platzes über eine halbe Million Euro kosten. Zu viel Geld für eine Fläche, deren letzte Komplettsanierung erst zehn Jahre her ist, sagen Kritiker.
Modrige Bahnschienen säumten noch im Spätsommer den Rand der Platenstraße. Zwar wurden diese mittlerweile nach Protesten dort ansässiger Vereine entfernt, doch ein Baubeginn der Spiel- und Kulturmeile ist weiterhin nicht erfolgt. Im Jahr 2013 sollte es Ortsvorsteher Friedrich Hesse (CDU) zufolge aber endlich soweit sein.
Da käme ein von Bürgern initiiertes Projekt, das maximal 3000 Euro kosten würde, wohl nicht ungelegen. Für die Unterhaltung stellen sich Fuchs und Hofmann Patenschaften vor. Ein Kinderzentrum habe bereits Interesse bekundet. Und überhaupt: Frei nach Beuys sei doch jeder Mensch ein Gärtner. Wenn sich genügend Leute für das Projekt begeistern, dann könnte das Urban Gardening am Kirchplatz zum Selbstläufer werden und vielleicht sogar ähnliche Projekte in anderen Stadtteilen anstoßen.
Unterstützung erhalten die beiden Gartenvisionäre vom Historischen Museum, welches das Projekt gerne ab März als eines von 15 Bürgerprojekten in die Ausstellung „Wohnzimmer Ginnheim“ aufnehmen würde. „Das wäre ein Leuchtturm außerhalb der Ausstellung“, versinnbildlicht es Sonja Thiel vom „Stadtlabor unterwegs“. Noch befände man sich allerdings in Verhandlungen mit verschiedenen Ämtern. Auch gebe es noch kein Finanzierungskonzept.
Sollte aus der Vision Realität werden, möchte Hofmann eine Vortragsreihe zur Stadtentwicklung auf dem Platz veranstalten. „In Wohnzimmeratmosphäre“, so wie er sagt, „mit Lampen und Sofas“. Zuhause haben Hofmann und Fuchs übrigens schon ihren urbanen Garten: Im Hinterhof wachsen dort auf einer kleinen entsiegelten Fläche Äpfel und Himbeeren, Trauben und Feigen. „Schon immer“, so sagen sie, „war Ginnheim ja ein Gartendorf.“
Hannelore Hoffmann (83), lebt seit 61 Jahren im Ginnheimer Süden: „Ich kaufe nur noch in Bockenheim ein, denn es fehlen in Ginnheim zum Beispiel eine Sparkasse mit Überweisungsautomat oder eine Post – zur nächsten Filiale in der Hügelstraße muss ich mit dem Bus fahren! Schön finde ich, dass es seit Kurzem in der Ginnheimer Landstraße in der Geishecker-Bäckerei auch ein kleines Café gibt. Trotzdem war die Einkaufssituation hier früher besser.“