kalaydo.de Anzeigen

Frankfurt Bockenheim: Stadtteil im Wandel

Bockenheim ist ein lebendiger Stadtteil, geprägt durch das studentische Leben. Durch den Verlust der Uni und die teuren Neubauten wandelt sich das Viertel - das macht vielen Sorgen.

Die FR macht mobil: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Bockenheim hat die Frankfurter Rundschau am Mittwoch, 12. Oktober, auf der Leipziger Straße, Ecke Am Weingarten, von 15 bis 17 Uhr einen Stand. Von der Redaktion kommen Alicia Lindhoff und Laura Wagner. Gäste sind Ortsvorsteher Axel Kaufmann, Annette Mönich aus dem Stadtteilbüro und Angelika Wahl  von „Ratschlag Campus Bockenheim“.
Die FR macht mobil: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Bockenheim hat die Frankfurter Rundschau am Mittwoch, 12. Oktober, auf der Leipziger Straße, Ecke Am Weingarten, von 15 bis 17 Uhr einen Stand. Von der Redaktion kommen Alicia Lindhoff und Laura Wagner. Gäste sind Ortsvorsteher Axel Kaufmann, Annette Mönich aus dem Stadtteilbüro und Angelika Wahl von „Ratschlag Campus Bockenheim“.
Foto: Monika Müller

Bockenheim ist ein betriebsamer Stadtteil, der vor allem mit der Universität und der Multikulti-Meile Leipziger Straße in Verbindung gebracht wird. Noch. Denn das Viertel verändert sich stark. Nicht zuletzt durch den Wegzug der Goethe-Universität, die nach rund einhundertjähriger Tradition ihren alten Standort verlässt, und den neu entstehenden Kulturcampus. Der nimmt langsam Gestalt an – nicht allen gefällt es: Bei einer Bürgeranhörung zum ersten Bauabschnitt wurde im September Kritik laut.

Auf dem 1,6 Hektar großen Areal neben dem Bockenheimer Depot baut die ABG Holding Wohnungen, die Mitte 2013 bezogen werden sollen. Es sind vor allem die Mietpreise von bis zu 11,50 Euro pro Quadratmeter, die den Bürgern bitter aufstoßen. „Diese Mietpreise werden sich auch auf die umliegenden Bestandsmieten auswirken“, kritisiert Angelika Wahl, Sprecherin der Initiative Ratschlag Campus Bockenheim. Viele Bockenheimer habe Angst vor steigenden Mieten, davor, sich den Stadtteil in einigen Jahren nicht mehr leisten zu können. Der neue Mietspiegel hilft nicht, diese Sorgen zu verringern. Er weist einen Zuschlag von 1,24 Euro pro Quadratmeter für das Innenstadtgebiet 2 aus, zu dem auch Bockenheim zählt.

„Viele Bürger fürchten eine Entwicklung wie in der City West, wo Büros auf den Flächen von ehemaligen Industriebetrieben entstanden, wo bezahlbare Wohnen abgerissen, Familien verdrängt und teure Eigentumswohnungen gebaut wurden, wo längst nicht mehr die soziale Mischung stimmt“, sagt Wahl, die sich für bezahlbare Mietwohnungen und gegen Mietervertreibung engagiert. Der Zukunft des Stadtteils blickt sie eher skeptisch entgegen, sieht Entwicklungen wie im Westend kommen: „Ich fürchte, der Leuchtturm Kulturcampus bringt eine preisliche Aufwertung des Stadtteils mit sich, die nur schwer aufzuhalten sein wird.“

Ins Erdgeschoss der neuen Häuser kommt ein Vollsortimenter – harte Konkurrenz für die Läden auf der Leipziger Straße. Doch ob man den riesigen Supermarkt tatsächlich braucht, ist fraglich. „Der tatsächliche Vollsortimenter ist die Leipziger Straße“, sagt Ortsbeiratsmitglied Hans-Jürgen Hammelmann (Die Linke). Denn dort gibt es eine Vielzahl an Lebensmittelgeschäften. Neben den gängigen Supermarktketten und Bio-Supermärkten bietet die Leipziger je fünf Bäckereien und Drogerien. Dazu kommen einige internationale Lebensmittelgeschäfte, die zum besonderen Flair der Straße beitragen. „Was fehlt, ist eher ein kleiner Bau- und Elektromarkt oder ein Mini-Kaufhaus“, sagt Hammelmann, der nichts will, „was die Leipziger wegen der Konkurrenz kaputt macht“.

Frankfurt Bockenheim - die neue Ära ohne Uni

Bildergalerie ( 25 Bilder )

Auf der Leipziger Straße herrscht vor allem samstags Hochbetrieb. Ein Mischmasch von Sprachen aus allen Teilen der Welt ist zu hören. Die Menschen drängen sich um die Läden, bepackt mit Einkaufstüten. Doch so viele wie noch vor ein paar Jahren sind es längst nicht mehr. Vor allem die Schließung des Kaufhof im Juni 2000 führte dazu, dass der Kundenstrom auf der Leipziger abnahm. Eine Drogerie ist mittlerweile im Erdgeschoss eingezogen, darüber steht alles leer. Es ist ein trostloser Anblick. Doch niemand kann Eigentümer Heinrich Gaumer dazu zwingen, sein Haus zu vermieten. Der schweigt zu seinen Plänen. Im Hinterhof der Leipziger Straße 32-36, ebenfalls in Gaumers Besitz, spielt sich eine unendliche Geschichte ab. Wohnungen und Läden sollten hier hin, doch daraus wurde nichts. Stattdessen steht da eine Bauruine.

„Es ist eine Schande. Außerdem ist der Leerstand schlecht fürs Geschäft“, sagt Duran Bahdiyer, der seit zwölf Jahren einen Obst- und Gemüsestand gegenüber dem ehemaligen Kaufhof betreibt. Zu Bahdiyer kommt zwar noch immer ein Kreis fester Stammkunden, die Laufkundschaft aber ist deutlich weniger geworden. „Ich hoffe, da kommt wieder etwas rein und wenigstens der Woolworth bleibt noch lange hier.“ Doch auch der Wegzug der Universität stimmt den Geschäftsmann nachdenklich. „Die Studenten ziehen weg, dann ist Bockenheim weniger lebendig“, sagt Bahdiyer.

Statistik
Historie
Depot
FTG
Buchhandlungen

34740 Einwohner hat Bockenheim. Damit ist es hinter Sachsenhausen und dem Nordend der, an der Einwohnerzahl gemessen, drittgrößte Stadtteil.

Der Ausländeranteil liegt bei knapp einem Viertel der Bevölkerung.

Arbeitslos gemeldet sind 1258 Personen.

Das Durchschnittsalter der Bockenheimer liegt mit 39,3 Jahren unter dem Frankfurter Mittel.

551 Hektar Grundfläche umfasst der Stadtteil.

Erstmals genannt wurde Bockenheim um 768 in einer Schenkungsurkunde zugunsten des Klosters Lorsch.

1434 wurde die Bockenheimer Warte als Teil der Frankfurter Feldbefestigung gebaut.

Eine Stadt wurde Bockenheim 1819 – damals noch Teil der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Die erste Zeitung erscheint 1829 in Bockenheim, 1935 eröffnet das erste städtische Krankenhaus.

Nach Frankfurt eingemeindet wurde Bockenheim 1895.

Wo früher Straßenbahnen standen, wird heute Theater gespielt. Das Bockenheimer Depot am Carlo-Schmid-Platz, Spielstätte der Städtischen Bühnen, wurde 1900 erbaut und steht unter Denkmalschutz. Kernstück des Gebäudes ist eine dreischiffige Halle aus unverputztem gelbem Ziegelmauerwerk. Vier Pfeiler und ein gemauerter Bogen mit einem halbrunden Fenster gliedern die Giebelseite. Die Halle ist 75 mal 30 Meter groß und bietet etwa 400 Sitzplätze. Früher stand auf dem Gelände eine Wagenhalle aus Holz, die aber für die elektrischen Triebwagen nicht geeignet war.

Sportlich geht es zu in Bockenheim. Die Frankfurter Turn- und Sport-gemeinschaft 1847 in der Marburger Straße ist mit rund 7500 Mitgliedern einer der größten Sportvereine Frankfurts und ganz Hessens. Für Kleinkinder bis Senioren ist das Programm gestrickt. Es umfasst 45000 Stunden pro Jahr in drei Sportstätten. Aerobic, Karate, Leichtathletik und Yoga sind nur einige der zwölf Sportarten, die der Verein anbietet. Wem das nicht reicht, der kann an zahlreichen Kursen oder Workshops teilnehmen. Die sind allerdings nicht im Mitgliedsbeitrag von 14,85 Euro enthalten.

Auch sie ist eine Institution in Bockenheim: In der in den 1970ern gegründeten Karl-Marx-Buchhandlung in der Jordanstraße traf sich die Frankfurter Sponti-Szene. Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer, Jonny Klinke und Tom Koenigs gründeten die linksradikale Bewegungsbuchhandlung, die heute eine Universitätsbuchhandlung ist. Ein wahres Paradies für Kinder ist das Eselsohr Am Weingarten. Die inhabergeführte Kinder- und Jugendbuchhandlung, die vor 27 Jahren eröffnet wurde, führt neben einem großen Angebot an Büchern auch Holzspielzeug und Puppen. (lwa.)

Der Uni-Campus gilt als Wahrzeichen Bockenheims, dabei liegt er streng genommen zum Großteil innerhalb der Stadtteilgrenzen des Westends. Längst wird er aber nicht nur im Uni-Jargon der Bockenheimer Campus genannt. Das mit den Grenzen ist halt so eine Sache: Der Europaturm, als Ginnheimer Spargel bekannt, liegt in Bockenheim und ist mit 331 Metern das höchste Gebäude im Stadtteil.

Studentisches Leben kommt eventuell wieder durch die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in den Stadtteil. „Aber dann ist es wahrscheinlich schon zu spät“, befürchtet Wahl, die Veränderungen der Bewohnerstruktur kommen sieht. „Die gelungene Mischung, die wir heute haben, kippt.“ Studenten und Geringverdiener gehen, Gutverdiener kommen.

In Bockenheim bleiben will Hilde Brahmer. Die 77-Jährige hat fast ihr ganzes Leben hier verbracht, wegzuziehen kann sie sich nicht vorstellen. „Hier gibt es viele Angebote für alte Menschen wie mich, ich muss hier nicht weg“, sagt Brahmer. Wenn alle Stricke reißen, will sie ins Pflegeheim Bockenheim ziehen. Das gehört dem Frankfurter Verband und öffnete vor 20 Jahren seine Pforten. Das Heim liegt mitten in Bockenheim, in der Friesengasse. Die Nähe zum belebten Stadtteilkern ist wichtig. „So können die Bewohner, soweit es ihnen körperlich möglich ist, am gewohnten Leben im Stadtteil teilhaben“, sagt Heimleiterin Liane Junker. Die, die es können, verlassen das Heim, um auf der Leipziger Straße einzukaufen und an Veranstaltungen teilzunehmen. „Umgekehrt kommen aber auch viele Bockenheimer zu uns, es findet eine große Vernetzung statt“, sagt Junker. Knapp drei Viertel der Bewohner stammen aus dem Stadtteil. „Die Menschen haben den Anspruch, im Stadtteil, in ihrer Heimat zu bleiben, sie wählen den Wohnort ganz bewusst“, sagt Junker.

So wie auch viele junge Familien. „Der Stadtteil ist sehr familienfreundlich“, sagt Margareta Radumilo, Verkäuferin im Baby- und Kinder-Secondhandladen Yasmini. Sie lebt seit über 30 Jahren in Bockenheim, ist selbst Mutter. „Hier gibt es ausreichend Parks und Spielplätze, man kann mit den Kindern viel unternehmen“, sagt sie. Hat man ein Problem, fragt man Nachbarn oder Bekannte. Man hilft sich gegenseitig. „Bockenheim ist ein kleines Dorf mitten in der Stadt“, sagt Radumilo. Dem Kulturcampus kann sie viel Positives abgewinnen. „Das wird toll, Bockenheim wird dadurch noch interessanter.“ Kommen Kunst und Kultur auf das Uni-Gelände, ziehe das viele Menschen an. „Dann haben wir hier wirklich alles und müssen gar nicht mehr aus Bockenheim raus“, sagt Radumilo. Für sie ist Bockenheim der mit Abstand schönste Stadtteil Frankfurts.

Engagiert in Bockenheim
        

Annette Mönich (59) arbeitet im Stadtteilbüro Bockenheim und setzt sich mit der Initiative Zukunft Bockenheim für Bürgerbeteiligung und den Stadtteil ein.
Umwälzung der Strukturen

Als frischgebackene Mutter kam ich vor 27 Jahren mit einem halben Jahr alten Kind nach Bockenheim in eine WG. Ich war sofort von dem Stadtteil begeistert. Bockenheim war schon immer auffällig sozial. Es herrscht eine gewisse Offenheit, gibt die Möglichkeit sich zu vernetzen. Gerade für eine junge Mutter ist das ideal, ich konnte mich mit anderen zusammentun. Der Stadtteil ist aus unterschiedlichen Strukturen gewachsen.

Da es ein ehemaliger Industriestandort ist, hier aber auch die Universität angesiedelt ist, lebt in Bockenheim eine besondere Klientel aus Facharbeitern und Studierten. Eine gelungene Mischung – Menschen aus verschiedenen Ländern, unterschiedlichen Religionen. Es herrscht ein toleranter Umgang miteinander. Doch die Mieten und der Anteil an Eigentumswohnungen steigen. In den letzten fünf Jahren wurden Baulücken mit Eigentum gefüllt. Dadurch kommt es zu einer Umwälzung der Strukturen und des Stadtbilds, die Leute fürchten Vertreibung. Es gibt viel Leerstand, vor allem auf der Leipziger Straße, darunter leidet der Einzelhandel.

Annette Mönich (59) arbeitet im Stadtteilbüro Bockenheim und setzt sich mit der Initiative Zukunft Bockenheim für Bürgerbeteiligung und den Stadtteil ein.

Autor:  Laura Wagner
Datum:  11 | 10 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Aus dem Gericht

FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

Freizeittipps
In seinem Element: Bruce Springsteen bei einem Konzert in Barcelona.
Bruce Springsteen 
Der Autor bei der Arbeit an Miniaturen.
Zeichnen für Hobbykünstler 
        

Newcomerin mit Potenzial: Laura-Mary Carter.
Blood Red Shoes 
Restaurantkritik
Wünsche wohl zu speisen. Die FR-Restaurantkritik.

Restaurants im FR-Test: edel, bodenständig, traditionell, gradlinig. Wo man eben gut essen kann.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
FR-SPORTBLOGS
Spezial
Alexander Kraft

Raus - und aufs Bike! Alexander Kraft präsentiert die FR-Mountainbike-Routen abseits der berüchtigten "Biker-Autobahnen".

Spezial

Atomkraft, nein danke. Aber was dann? Die FR liefert Infos und Tipps, wie die private Energiewende gelingt.

Video

Spezial
Frankfurter Nationalgericht: Grüne Soße mit Ei

Frankfurt - was bietet die Stadt am Main außer Apfelwein, Bankentürme und Grüne Soße eigentlich noch?

Spezial
Integration in Frankfurt

In Frankfurt leben Menschen aus allen Kontinenten der Welt. Wie sieht Integration für sie aus?

Spezial
Gläubige besuchen das Freitagsgebet in einer Moschee

Der Islam hat einen festen Platz in Frankfurt. Der Umgang mit der Religion muss in den Alltag integriert werden. Kein leichtes Unterfangen.

Spezial
Frankfurter Großmarkthalle

An die Stelle des Großmarktes wird die Europäische Zentralbank kommen. Ihre Fertigstellung ist für 2013 geplant.

Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

 

 

 

Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Anzeige