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Stadtteil-Porträts
In welchem der 43 Frankfurter Stadtteil lebt es sich am besten? Wir stellen sie vor - vom hippen Nordend zum beschaulichen Nieder-Erlenbach.

22. November 2011

Frankfurt Gallus: In Liebe gewachsen

 Von Claudia Michels
Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Im Gallus hat die FR am Mittwoch, 23. November, 14 bis 16 Uhr, einen Stand am Pavillon Quäkerwiese, Frankenallee/ Ecke Schwalbacher Straße. Von der Redaktion kommen Claudia Michels und Eva Marie Stegmann. Gäste sind Andrea Diemer, 1. Vorsitzende des Vereinsrings Gallus, Quartiersmanager Christian Spoerhase sowie Helga Roos vom Sportkreis Frankfurt 

Zentral gelegen befindet sich das Gallus nach Meinung von Stadtplanern in einer Superlage. Nach dem Schwund von Gewerbe und Industrie könnte es zum begehrten Standort werden - und das weckt Sorgen bei den Bewohnern. Denn noch ist das Viertel eine Nische für alles mögliche.

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Zentral gelegen befindet sich das Gallus nach Meinung von Stadtplanern in einer Superlage. Nach dem Schwund von Gewerbe und Industrie könnte es zum begehrten Standort werden - und das weckt Sorgen bei den Bewohnern. Denn noch ist das Viertel eine Nische für alles mögliche.

Jetzt hat sie wirklich „Kamerun“ gesagt. Die alte Dame im rosa Kunstpelzmantel sitzt in der Frankenallee unter den schönen neuen Laternen auf der Bank, blickt grimmig die schöne neue Grünanlage rauf und runter und knöttert: „Unser Kamerun war doch vorher auch schon schön!“

Sie weiß das, denn sie ist schon 70 Jahre da. Im Kamerun, wie der Industriestadtteil mit dem ewig schwarzen Ruß in Frankfurt genannt wurde, als die Betriebe noch produzierten; Maschinenfabrik, Autowerk, Eisengießerei und was nicht noch. „Das Geld hätten sie sich sparen können“, meint die Alte. Alle sollen sparen, heiße es doch überall. Überhaupt in diesen Zeiten, mit „Überfällen bis vor die Wohnungstür“. Als im dicken, schwarzen Anorak ihre Schwester naht, eine Zigarette aus der Schachtel nestelt und neben ihr auf die Bank rückt, kann die nur zustimmen. „Mir ziehe kein’ Schmuck mehr an“, stellen die Beiden fest – „ gar nichts“.

Nicht zuletzt seit vor über 15 Jahren der Güterbahnhof abgeräumt wurde, ist dem Gallusviertel eine Lebensader abgeschnitten worden. Es gibt viele Arme und mancher fühlt sich bedroht. Doch seit die Lage so ist, wird an dem großen Gebiet, das an einem unscheinbaren weißen Schild „Gallus“ am Platz der Republik beginnt, herumkuriert und transplantiert. Bürohäuser, viele bis heute leer, haben abgewrackte Gewerbehöfe ersetzt. Wie ein U-Boot ist das Ordnungsamt mit hohem Bug an die Westspitze des Quartiers vorgestoßen. An der Frankenallee wächst statt dem angestammten Opel-Autohaus gerade „ein Mehrgenerationen-Quartier“.

Doch von der Messe her rücken auch Hochhäuser und High Tech unaufhaltsam in den Blick. Aus dem nächsten Bauloch wird, direkt am Güterplatz, ein Glitzer-Einkaufspalast namens Skyline-Plaza emporsteigen und den Rahmen sprengen. In Stahl und Glas erhebt sich das Europaviertel mit großer Geste mehr und mehr über das alte Gallus, das diesem Panorama kaum mehr als seine abgenutzte Rückseite entgegenzusetzen hat.

Vielleicht besser: hätte. Denn es gibt im Gallus Kraftquellen und Lebenszeichen überall. Dem historischen Arbeiterviertel kommt im Frankfurter Bewusstsein sicher ein besonderer Platz zu; in Liebe gewachsen, könnte man sagen. Nicht zuletzt vor 40 Jahren durch Institutionen wie dem Gallus-Zentrum, das junge Linke, die sich als „freiwillig proletarisierte Angehörige der Mittelschichten“ verstanden, in einer früheren Schlosserei an der Krifteler Straße gründeten. Schon bald stand eine Gang smarter junger Italiener an der Tür „und fragte: ,Dürfen wir mal da rein?“ Und die sind dann, so erzählt Inge Kassel-Hannen vom Trägerverein die Geschichte, „nie wieder rausgegangen“. Die ganze lange Zeit, in der diese Kinder italienischer Bundesbahn-Gastarbeiter als „Teatro Siciliano“ und später als Theater „I Macap“ auf der Gallus-Bühne standen und tatsächlich berühmt wurden. Im Viertel, sagt die Geschichtsschreibung, war es „die deutsch-italienische Zeit“. Und auch der Beginn einer tiefen Sympathie, eine der Ursachen dafür, dass das vom Ausbluten bedrohte Gallus mit dem Druck von außen nicht allein geblieben ist.

Denn dann kam Dierk Hausmann, der seit Ende der 90er Jahre zwölf Jahre lang als Verantwortlicher des städtischen Planungsamts das Projekt „Soziale Stadt“ vorbereitet und begleitet hat. Er begründet den Einsatz heute so: „Es gab die Sorgen der Bewohner, dass das Europaviertel zur Verschlechterung und zur Verdrängung führt.“ Die Angst, „dass alles überschwappt“.

Daten
Statistik
Haus Gallus
Mehrgenerationenhaus
Gallus Theater

Was ist das Gallus? Zunächst einmal ein 4,3 km² großer Stadtteil, der im Osten an das Bahnhofsviertel, im Süden an das Gutleutviertel, im Westen an Griesheim und im Norden an Bockenheim beziehungsweise im Nordosten ans Westend grenzt.

Diese Fläche ist besiedelt von derzeit 26716 Einwohnerinnen und Einwohnern. Damit ist das Gallus einer der zehn einwohnerstärksten Stadtteile Frankfurts.

Wirtschaftlich sticht der Stadtteil durch insbesondere an der Mainzer Landstraße angesiedeltes Dienstleistungsgewerbe heraus, wie zum Beispiel das Dienstleistungszentrum der Commerzbank AG.

Wenn die Zahl an Geburten- und Sterbefällen sowie an Zu- und Wegzügen konstant bleibt, wird das Viertel bald noch mehr Menschen beherbergen: Laut Statistiken der Stadt Frankfurt gab es im letzten Jahr 303 Neugeborene und 195 Sterbefälle. 5116 Zuzügler durfte der Stadtteil
begrüßen, 4383 Menschen zogen weg.
Wer wohnt im Gallus? Der statistisch durchschnittliche Bewohner des Gallus ist männlich, 39 Jahre alt und geht mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 83 Prozent einer Beschäftigung nach, die ihn in der Statistik nicht als Arbeitslosen auftauchen lässt. Der Arbeitslosenanteil von 17 Prozent macht es zu einem der acht Stadtteile mit der höchsten Arbeitslosigkeit.
10 896 Bewohner haben keinen deutschen Pass, das sind 41,2 Prozent. Damit belegt das Gallus in der amtlichen Statistik Platz eins in der Rubrik „Ausländer“.

Der Saalbau Gallus, ein eher unauffälliges Gebäude zwischen Galluswarte, Bahnhof und Messe , markiert einen Meilenstein der Deutschen Geschichte. In dem Bürgerhaus, damals mit dem Namen Haus Gallus, fand 1963 der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess statt. 22 Angeklagte standen vor Gericht, 357 Zeugen aus mehreren Ländern sagten aus, darunter 211 Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz. Heute ist es eines von 30 Häusern der Saalbau GmbH, die Räume an Vereine oder Theatergruppen, für private Feste und Sportveranstaltungen vermietet. Eine Gedenktafel und eine Installation mit Originalaufnahmen von 1963 erinnern an den Prozess. (ems)

Ein ganz besonderes Gebäude ist das Mehrgenerationenhaus in der Idsteiner Straße 71. Das Haus, dessen Träger seit 2007 der Verein Kinder im Zentrum Gallus ist, steht für Integration und soziales Engagement, für unermüdlichen Kampf um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Es ist das Manifest jenes Vereins, der sein Wirken im Stadtteil bereits 1975 begonnen hat. Unter dem Dach des Gebäudes finden sich neben Kindertagesstätten, einem Familienrestaurant und einer pädagogisch betreuten Geschichtswerkstatt Angebote von Frauen mit Migrationshintergrund. die sich mit Hilfe des Vereins selbstständig gemacht haben – zum Beispiel als Hebamme oder Fotografin. (ems)

Kulturelles Schmuckstück des Gallus ist das Gallus Theater in der Kleyerstraße 15. Seit 1998 befindet es sich in den ehemaligen Adlerwerken, die in den 1920er Jahren zu den größten Automobilproduktionsstätten Deutschlands zählten. Das Theater entstand aus der Kulturarbeit mit Italientischen Jugendlichen in den 80er Jahren und bietet heute Raum für freie Theatergruppen. Das Spektrum reicht dabei von Puppenspiel und Schultheaterprojekten über Lesungen, Tanzperformances und A-cappella-Chören bis hin zu Kabarett, Revuen oder speziellem Kinder- und Jugendtheater. Zu Gast waren dort unter anderem bereits Harry Potter-Autorin J.K. Rowling und die Theaterakademie Shanghai. (ems)

Kürzlich dann, als Planer Hausmann sich in die Rente verabschiedete, also mehrere durchgeboxte Spielplätze, Kitas und Treffpunkte später, hatte er tatsächlich was zu feiern. Er tat das tief im Westen des Gallus, auf dem früheren Tevesgelände. „Einen Leuchtturm“ nannte er den Ort zu dem Anlass. Denn die brachliegenden, angegammelten Hallen der früheren Bremsenfabrik schräg gegenüber dem neuen Ordnungsamt haben als „soziokulturelles Zentrum“ ihren neuen Auftritt bekommen – und das per Vertrag gesichert auf 25 Jahre. Arbeitsplätze gibt es, Theater gibt es – und der Box-Club auf dem Gelände wirbt an der maroden Hallenmauer mit dem Slogan „Wir sind gegen Gewalt“.

Bürokratisch-demokratisch, mit einem „Runden Tisch Gallus“ hatten die Stützmaßnahmen im Gebiet begonnen, viele Sitzungen hat das gekostet. 2003 hat dann das Stadtteilbüro aufgemacht, lädt im Schaufenster zum „Montagstreff“ und wirbt für „Nachbarschaftskonfliktvermittlung“. Vor der Tür parkt ein rotes „Sozialmobil“. Ein Jahr nach dieser Institution in der Frankenallee 166 stand der „Stadtteilbeirat“– zusammengesetzt aus 19 Bewohnern und den Vertretern von 18 ansässigen Institutionen.

Im Gallus kommen alle Nationalitäten zusammen

Seit fünf Jahren ist Christian Spoerhase der Quartiermanager im von der Caritas getragenen Modell. Stolz ist er, das hört man ihm an, dass seit der letzten Wahl des Beirats „eine Mutter von drei Kindern aus Sri Lanka das zweitbeste Wahlergebnis hatte“, dass also auch Ausländer mitbestimmen, was im Gallus besser werden soll. Auf die Art ist der sogenannte Quartierspavillon an der Quäkerwiese errichtet worden, das neue (gastronomisches) Zentrum im zerfledderten Stadtteil. Ähnlich ging das mit den blauen Plastik-Hubbeln zum Sitzen, die im grünen Mittelstreifen der Frankenallee verschraubt sind: Die haben sich Kinder gewünscht. Welches Projekt auch immer, „wir machen Bürgerversammlungen“, erläutert Spoerhase; „da sprechen wir die Leute auch auf der Straße an“.

Und dann stehen sie eben eines Tages da, demokratisch legitimiert, die schmucken Straßenlaternen, die die Damen auf der Bank für ihr Kamerun zu überkandidelt finden. Wo sie doch, um Geld zu sparen „nicht mal mehr in die Wirtschaft gehen“ . Aber im Pavillon an der Quäkerwiese, wo gerade die freundliche Maria an den Raucherplätzen im Freien die Wolldecken zusammenlegt, „da trinke mer mal’n Kaffee, mei Schwester und ich“. Denn die Maria, die weiß gleich Bescheid, wenn sie reinkommen und ruft ihrem Mann hinter dem Tresen zu: „Der Kaffee muss sehr leicht werden!“

Und der Kaffee kostet nur 1.50 Euro, und das Frühstück wird samt Kaffee für 3.20 Euro serviert. Und Maria, die 2001 aus Polen kam, und mit einem Griechen verheiratet ist, hat im Gallus von Ausländerdiskriminierung noch nichts gehört: „Jugos, Türken, Deutsche, alle kommen und alle sind nett zu uns.“ Nur manchmal draußen, „die Romanen“, die Roma-Familien, „die sind manchmal laut“, meint Maria. Dann ruft sie eben Christian Spoerhase an, „der ist immer bereit“.

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